Tel Aviv unter Beschuss: Eine Patriot-Abwehrrakete fängt eine irakische Scudrakete ab

Tel Aviv unter Beschuss: Eine Patriot-Abwehrrakete fängt eine irakische Scudrakete ab

Lektionen, die bis heute spürbar sind

Der Golfkrieg vor 30 Jahren war zwar kurz, und auf israelischem Gebiet schlugen nur wenige Raketen ein. Aber der jüdische Staat richtet sich bis heute nach Lektionen, die er damals gelernt hat.

Vor 30 Jahren endete die amerikanische Militäroperation „Wüstensturm“, die sich auch auf Israel auswirkte. Im August 1990 war der Irak in Kuwait einmarschiert. Am 15. Januar 1991 lief ein Ultimatum ab, einen Tag später begannen die Alliierten ihre Offensive. Während des Krieges feuerte der Irak auch Raketen auf Israel ab.

Der Zweite Golfkrieg endete mit einem Waffenstillstand, der am 11. April 1991 in Kraft trat. Für die Europäer ist der Golfkrieg von 1991 ein fernes Phänomen, während in Israel die Auswirkungen und Folgen jenes Krieges bis heute präsent sind.

Israelische und deutsche Gasmasken

Auch für mich, der ich diese Zeilen schreibe, ist der Golfkrieg mit vielen persönlichen Erinnerungen verbunden. Im oberen Stockwerk unserer Wohnung hatten wir, wie vorgeschrieben, ein Zimmer mit Klebeband gegen mögliches eindringendes Giftgas abgedichtet. Vor der Türritze lag ein nasses Tuch. Die israelischen Familienangehörigen, meine damalige Frau, ihr Sohn und unsere gemeinsame Tochter, hatten israelische Gasmasken erhalten. Ich musste mir als Deutscher in der Deutschen Botschaft in Tel Aviv eine deutsche Gastmaske abholen. Sie sah aus, als stammte sie noch aus dem Zweiten Weltkrieg. Zufällig wurde an dem Tag gerade Fasching in Deutschland gefeiert. Unter den in Israel lebenden Deutschen und dem Botschaftspersonal herrschte in dem Raum deshalb eine fröhliche und ausgelassene Stimmung, als wir uns das Ungetüm aus Hartgummi mit dem riesigen Luftfilter über die Nase zogen. Die Situation schien viel zu absurd, um ernst zu sein.

Anstrengend: Journalistenalltag mit Gasmaske

Anstrengend: Journalistenalltag mit Gasmaske

Aus der Sicht des Journalisten, der den Krieg von seinem Haus in Jerusalem beobachtete, nahmen die Absurditäten kein Ende. Offiziell war Krieg und ich saß zuhause in meinem Büro und sollte von der Front berichten. Aber „Front“ war überall und nirgends. Als es dann im laufenden Fernsehen und Radio Raketenalarm gab, rannte ich zuerst brav hinauf in das abgedichtete Zimmer. Dort hatte ich einen Telefonanschluss, und es klingelte ununterbrochen. Damals gab es noch den privaten Rundfunk in Deutschland mit einem ungestillten Durst nach aktuellen Berichten von „direkt vor Ort“, aus Jerusalem eben.

Außer Radio und Fernsehen hatte ich zunächst keine andere Informationsquelle. So schilderte ich eben den Kampf unserer kleinen Tochter um ihren geliebten Schnuller, den sie partout unter der Gasmaske im Mund behalten wollte. Diese sehr privaten Berichte brachten mir viel Kritik ein. Aber sollte man in Kriegszeiten nicht auch mal die ganz persönlichen Nöte eines kleinen Mädchens darstellen?

Auf die Dauer wurde mir allerdings die ständige Rennerei vom Büro in den Schutzraum zu dumm. Ich blieb also in meinem Arbeitszimmer, und als die Sirenen draußen heulten, ging ich gemütlich hinaus auf meine Terrasse. Von dort aus konnte ich am Himmel sehen, wie die irakischen Scudraketen mit einem Feuerschweif direkt über meinen Kopf hinweg in Richtung Tel Aviv flogen. Mir war klar, dass Saddam Hussein allein auf Tel Aviv, die „Hauptstadt der Zionisten“, zielte und es nicht wagen würde, Jerusalem zu treffen, wo bekanntlich die Al-Aqsa-Moschee steht.

Die etwas andere Berichterstattung

Allerdings lernte ich in dieser Zeit auch einen Kollegen schätzen, der wie kein zweiter verstand, sämtliche Nachrichtenquellen im Nahen und Mittleren Osten zu nutzen. Um zu verstehen, was an ihm so besonders war, muss man zwei Dinge wissen: Zum einen ist bis heute der Rundfunk in Israel die wichtigste Informationsquelle für alles. Für Krieg und Frieden, für Erdbeben, Naturkatastrophen und lokalen Tratsch. So wie Menschen in Deutschland abends die Tagesschau gucken, so läuft in Israel in jedem Haushalt, in jedem Gebäude, ja sogar in jedem Bus immer irgendwo ein Radio. Der nächste Krieg kann jederzeit innerhalb von Minuten ausbrechen. Zwar gibt es heute zum Beispiel für den Raketenalarm schon gut funktionierende Apps, das Radio hat dennoch nicht an Bedeutung verloren.

In Israel lauschten wir deshalb damals alle den sehr exklusiven Berichten des „Rundfunkabhörers“ Miki Gurdus. Dieser war selbst für israelische Verhältnisse etwas Besonderes. Er hörte systematisch alle Funkfrequenzen ab. Egal, ob es offizielle Sender waren, ob Funkverkehr von Flugzeugen und Schiffen, militärische Kommunikation und Hobbyfunker – ob auf Englisch, Französisch, Russisch, Polnisch, Arabisch oder Deutsch. In Gurdus kleiner Wohnung lief alles zusammen. Er galt als das „Ohr Israels“ und verfügte stets über exklusive Informationen aus erster Hand. Gurdus konnte Fernsehen aus den USA, aus Europa und live aus Moskau und allen arabischen Staaten empfangen. Fünfzehn Empfänger für UKW, Kurzwelle, Langwelle, UHF und VHF sowie fünf Tonbandgeräte liefen ununterbrochen. Mit dem MBA-Reader wurden die Funksendungen der Nachrichtenagenturen entschlüsselt. Und Gurdus wusste wie kein zweiter, Wichtiges von Nebensächlichem zu unterscheiden.

Als ich ihn während des Krieges in Tel Aviv besuchte, gab er mir wertvolle Tipps und half mir auch ganz konkret. So vermittelte er mir einen Bekannten, der mir einen seiner ausgedienten Kurzwellenempfänger weiterverkaufte. Diesen alten Kasten mit Röhrenbetrieb schloss ich einerseits an einen Draht an, der als Antenne diente und andererseits an einen elektrischen Konverter, der die gesendeten Piepstöne der kuwaitischen Nachrichtenagentur KUNA in Buchstaben verwandelte, die von meinem Drucker „verstanden“ wurden. KUNA sendete in Englisch, und so hatte ich am Ende meterlange ausgedruckte Berichte direkt vom Zentrum des Geschehens.

Der 2017 verstorbene Miki Gurdus war ein sehr freundlicher und umgänglicher Mensch. Wie spannend und brisant die Nachrichtenlage auch war, Miki blieb stets ruhig, konzentriert und sachlich. Er sprach ein halbes Dutzend Sprachen und verstand noch viel mehr. Im Gegensatz zu vielen heutigen Berichterstattern stand für ihn immer die Nachricht im Zentrum. Meinungen hielt er für genauso entbehrlich, wie feste Arbeitszeiten. Sein Arbeitstag begann morgens um 6 Uhr und richtete sich nach der aktuellen Lage. Sein Ehrgeiz war, präzise und schnell zu sein. Er erzählte, wie schon sein Vater während des Zweiten Weltkriegs versucht hatte, durch Rundfunk-Abhören ausländischer Sender zuverlässigere Informationen über den Kriegsverlauf zu erhalten, während die „normalen“, für jedermann zugänglichen, Sender vor allem Regierungspropaganda verbreiteten.

Ein ganzes Land als Kriegsgebiet

1991 wurde erstmals Krieg gegen die Heimatfront geführt. Israel sah sich im Irak-Krieg mit einem neuen Problem konfrontiert: Durch die ständige Raketengefahr war das ganze Land über Nacht zum Kriegsgebiet geworden. Die damals geschaffenen Institutionen zum Schutz der Zivilbevölkerung sind heute noch aktiv, vor allem die militärischen Einrichtungen. Allerdings hat das Militär in Israel einen völlig anderen Stellenwert als in Deutschland.

Nur sehr wenige Israelis stellen die Verteidigungsbereitschaft in Frage. Soldaten in Uniform sind überall ein gewohnter Anblick. Und während in Deutschland den Universitäten durch rot-grüne Landesparlamente sogar Forschungsgelder im Fachbereich Physik entzogen werden können, wenn nur der Verdacht besteht, sie könnten das Ergebnis militärisch nutzen, ist die israelische Linke stolz auf jeden Oberst und General in ihren Reihen. IT-Kräfte, Forscher und Sicherheitsleute aus dem Militär können in jeder Branche Karriere machen. Während der Corona-Pandemie nutzen die Israelis daher auch Methoden des militärischen Geheimdienstes, um Infektionsketten zu verfolgen, Impfdosen zu verteilen und die medizinische Logistik landesweit zu unterstützen.

Die israelische Presse erinnert sich

In einem Rückblick verweist die „Jerusalem Post“ auf aktuelle Entwicklungen als Folge jenes Golfkrieges. Allen voran steht die Stärkung des Iran, der heute noch Israel mit Auslöschung bedroht – so wie es damals der irakische Diktator Saddam Hussein getan hat, als er drohte, Israel mit Giftgas zu zerstören. Weitere Folgen des Irak-Kriegs prägen bis heute die gesamte Region. Der 2004 verstorbene Chef der „Palästinensischen Befreiungsorganisation“ (PLO), Jasser Arafat, und die in Kuwait lebenden Palästinenser hatten gemeinsame Sache mit den Irakern gemacht. Viele namhafte Kuwaitis waren von ihren palästinensischen Nachbarn verraten und von den einrückenden Irakern exekutiert worden. Die „Befreiung“ des von den Irakern eroberten und dann ausgeplünderten Kuwait durch die Amerikaner hatte deshalb einen gewaltigen Exodus palästinensischer Gastarbeiter zur Folge. Nach dem Krieg setzte Kuwait die ganze Flotte seiner rechtzeitig nach Saudi-Arabien geretteten Jumbo-Jets ein, um rund 300.000 Palästinenser nach Jordanien auszufliegen. Von dort strömten sie dann ins Westjordanland und nach Gaza.

Im Januar 2021 veröffentlichte die Zeitung „Yediot Aharonot“ eine Sonderausgabe zum Thema „30 Jahre Golfkrieg“. Darin erinnert sich der bekannte Geheimdienstler General Amos Gilad an seine damalige Aufgabe, die Logik hinter Saddam Husseins Aktionen zu verstehen. Israelische Politiker, das Militär und der Geheimdienst waren der einhelligen Meinung, dass ein irakischer Angriff auf Israel „unlogisch“ sei. Deshalb wurden die Drohungen des irakischen Diktators zunächst nicht ernstgenommen. Denn Saddam Hussein könne sich keinen Zwei-Fronten-Krieg leisten, gegen die USA und gegen Israel. Doch Gilad vertrat schon damals die Ansicht, dass machtlüsterne Diktatoren der arabischen Welt nicht logisch „funktionieren“.

Im Nachhinein bestätigte sich seine Analyse. Nach den Raketenangriffen auf Tel Aviv sagte niemand mehr, dass Saddams Aktionen rational zu verstehen seien. Insgesamt hatte der Irak 43 Scud-Raketen in Richtung Israel abgeschossen. Die meisten trafen die Gegend von Tel Aviv. Es wurden mehrere Wohnhäuser durch Direkttreffer völlig zerstört. Bei den 19 Angriffen starben zwei Zivilisten. Etwa 70 weitere Todesopfer gab es durch Herzinfarkte und durch einen falschen Gebrauch von Gasmasken. Gilad leitet heute das Institut für strategische Studien in Herzlia. Er ist der Ansicht, dass der jüdischde Staat die Drohungen des Iran, Israel umgehend zerstören zu wollen, unbedingt ernst nehmen müsse. Das sei seine Lehre aus den damaligen Ereignissen während des Golfkrieges.

Er erwähnt auch weitere dramatische Änderungen in der Region, die damals ihren Anfang nahmen. Iran sei eine Art „Schwesterstaat“ von Israel gewesen. Die Türkei war ein militärischer Verbündeter und ist es nicht mehr. Was sich jedoch seit dem Golfkrieg in Israel selbst entscheidend geändert habe, sei die geheimdienstliche Aufklärung. Über Saddam Hussein und den Irak habe Israel vor 30 Jahren überhaupt keine zuverlässigen Informationen gehabt. Im Vergleich dazu verfüge Israel heute über „erstaunliche“ Einblicke in der arabischen Welt.

Wer einen Angriff duldet, gilt im Nahen Osten als schwach

Zu den bis heute diskutierten Fragen rund um den Golfkrieg zählt die ungewöhnliche Zurückhaltung von Premierminister Jitzchak Schamir (Likud). Vor allem auf Bitten der Amerikaner hatte er beschlossen, auf die irakischen Angriffe nicht zu reagieren, trotz der Treffer in der Gegend von Tel Aviv. Dabei hätte Israel durchaus die Fähigkeit gehabt, die Abschussrampen im Irak anzugreifen und zu zerstören. Das hatte Schamirs Amtsvorgänger Menachem Begin schon im Juni 1981 bewiesen, als israelische Kampfflugzeuge den unfertigen irakischen Atomreaktor Osirak nahe Bagdad bombardierten und zerstörten.

Die Amerikaner wollten nicht, dass sich der Kreis der Länder unnötig erweitert, falls Israel auf die irakischen Angriffe reagiert. Denn um Stellungen im Irak anzugreifen, hätten die israelischen Kampfflugzeuge oder Raketen den Luftraum des gemäßigten Königreichs Jordanien, Syriens oder Saudi-Arabiens verletzen müssen. Eine weitere Möglichkeit wären Angriffe des damals mit den USA noch verbündeten NATO-Staates Türkei gewesen. So blieb Israel untätig, während irakische Raketen im Großraum Tel Aviv einschlugen, Wohnhäuser zerstörten und Menschen töteten. Entsprechend der Mentalität in den arabischen Ländern wurde die mangelnde israelische Antwort als militärische und politische Schwäche ausgelegt.

Irak ist nicht Libanon

In den Jahren 1982 und 2006 kannte Israel keine Zurückhaltung und schlug im Libanon kräftig zu. Die israelischen Truppen rückten bis Beirut vor. Bei diesen Militär-Operationen gab es jedoch einen entscheidenden Unterschied. Im Falle des Irak hätten die offiziellen Truppen des Irak angegriffen werden müssen.

Im Falle des Libanon handelte es sich um Milizen, zunächst die PLO und später die von Iran aufgerüstete Hisbollah. Diese vertraten nicht den Staat Libanon, sondern hatten sich dort militärisch breitgemachtDie Israelis achteten darauf, die libanesische Armee nicht in die Kämpfe einzubeziehen. Während der Kämpfe trafen sich sogar Offiziere beider Armeen und kooperierten.

Deutschland hat die Lektion noch vor sich

Berichterstattung aus dem Nahen Osten wird immer eine Gratwanderung bleiben, solange die seit zwei Generationen friedensverwöhnte „westliche Welt“ nicht lernt, Fakten nüchtern einzuordnen. So habe auch ich in den letzten Jahren oft genug von deutschen Redaktionen zu hören bekommen, dass seine Texte nicht den Erwartungen entsprächen. Redakteure verlangten unverhohlen, er möge bitte seine Analysen den deutschen Befindlichkeiten anpassen und verzichteten lieber auf seine Berichte, als auf die eigenen liebgewonnenen Vorurteile.

Wie hoch der Preis für eine solche ideologische Brille ist, ist aktuell deutlich zu sehen. Schnelle Entscheidungen, Zusammenhalt gegen einen gemeinsamen Feind und ein klarer Blick auf das, was machbar und notwendig ist – die Lektionen, die Israel nicht zuletzt im Irak-Krieg gelernt hat, kommen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie zugute. Und, während der Ministerpräsident von Sachsen nach der unfassbaren Pannenserie der EU immer noch ernsthaft darauf stolz ist, dass Deutschland sich im Gegensatz zu Israel bei der Beschaffung von Impfstoff nicht „vordrängeln“ würde, wissen die Verantwortlichen in Israel, dass jede Anstrengung sinnvoll ist, wenn es darum geht, im Wettlauf mit der Zeit Leben zu retten.

Von: Ulrich W. Sahm