Ein Kugelschreiber könnte als Transportmittel für die künstliche Befruchtung geeignet sein

Ein Kugelschreiber könnte als Transportmittel für die künstliche Befruchtung geeignet sein

Künstliche Befruchtung per Kugelschreiber

Palästinensischer Widerstand gegen die israelische Besatzung kommt vielen deutschen Medien entgegen. Deshalb veröffentlichten sie ungeprüft eine fragwürdige Geschichte über Ehefrauen von Häftlingen, die angeblich durch künstliche Befruchtung schwanger wurden. Ein Kommentar von Ulrich W. Sahm

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Nachrichtenagentur dpa habe die Kugelschreiber-Methode wiedergegeben. Korrekt ist aber, dass weder die dpa selbst noch die Interviewte eine Methode näher beschrieben hat. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Viele Medien haben eine höchst emotionale, aber fragwürdige Geschichte aus Ramallah, der Hauptstadt der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), veröffentlicht: Mehr als 70 palästinensische Frauen hätten sich durch Sperma ihrer in israelischen Gefängnissen seit Jahren einsitzenden Männer befruchten lassen.

Die Frauen verweigern aus guten Gründen einen Vaterschaftstest, sodass die Schwängerung per geschmuggeltem Sperma vor allem eine Glaubensfrage ist. Keine Redaktion hat bei einem deutschen oder anderen Experten für In-Vitro-Fertilisierung (IVF) geprüft, ob ein Sperma-Schmuggel, wie auch immer er geschieht, überhaupt funktioniert. Da männliche Sperma an der frischen Luft und bei widrigen Temperaturen schnell absterben, bestehen erhebliche Zweifel.

In Berichten der Deutschen Presse-Agentur (dpa) heißt es etwa, dass die Frauen nicht verraten hätten, wie der Schmuggel der Spermien zustande komme. Doch israelische und andere Medien berichten, dass mit Sperma gefüllte Kugelschreiber in Schokoladenriegel versteckt und dann Kindern übergeben würden. Ausgerechnet bei der von der dpa interviewten Frau, Lydia Rimawi, haben andere Journalisten sogar einen spermagefüllten Stift in einem Schokoriegel fotografiert. Sie sprach von einem „friedlichen Widerstand“ gegen die israelischen Besatzer.

Kein Körperkontakt

Dargestellt wird, wie die israelischen Behörden den Frauen keinen Kontakt mit ihren Ehemännern erlauben. Sie dürfen sie nur durch ein Panzerglas sehen und mit ihnen per Telefon kommunizieren. Jeglicher Körperkontakt ist strikt untersagt. Die Befruchtung geschieht auf Umwegen. Wegen Terroranschlägen viele Jahre lang einsitzende Männer schmuggeln ihre Spermien demnach auf „unbekannten Wegen“ aus dem Gefängnis heraus. Die Frauen begeben sich daraufhin mit dem kostbaren Gut zur Rasan-Klinik in Nablus oder zur Al-Basma-Klinik in Gaza. Dort nehmen Ärzte kostenfrei mit diesen Samen eine „In-Vitro“-Befruchtung vor. Es müsste eigentlich „In-Kugelschreiber-Befruchtung“ genannt werden, wenn die Angaben in israelischen und anderen Medien stimmen sollten.

Das deutsche Wochenmagazin „Spiegel“ berichtete 2016 sogar von einer Frau im Gazastreifen, die von ihrem zu 600 Jahren Haft (sechsmal lebenslänglich) verurteilten Mann, einem Massenmörder, geschwängert worden sei. Den Berichten zufolge ist die Methode schon in mindestens 70 Fällen erfolgreich gewesen. Die so gezeugten Kinder erhalten dann einschlägige Namen wie Madschd, was auf Arabisch „Ruhm“ bedeutet. Die Internetseite des Fernsehsenders „n-tv“ veröffentlichte die Geschichte und setzte über die Überschrift die Dachzeile „Dutzende Widerstandbabys geboren“. Die palästinensischen Ärzte reden von 50 bis 60 Prozent Erfolgsquote.

Anlass zu Zweifeln

Keine der Redaktionen, die über die Vorgänge berichtet hat, überprüfte die Angaben etwa bei einer der 125 Kliniken in Deutschland, wo künstliche Befruchtungen vorgenommen werden. Doch Spermien halten sich nicht lange an der frischen Luft oder in Kälte. Frauen müssen zudem monatelange hormonale Behandlungen über sich ergehen lassen, bis ihnen die im Reagenzglas befruchteten Eier eingesetzt werden können. Das relativ neue Verfahren ist also kompliziert und der Erfolg ist selbst unter idealen Verhältnissen in einer darauf spezialisierten Klinik teuer und keineswegs erfolgsversprechend. Die beschriebene Methode, im Kugelschreiber Sperma aus Gefängnissen zu schmuggeln und dann den Frauen einzuführen, um neun Monate später einen Widerstandskämpfer zu gebären, dürfte reine Fantasie sein.

Das Magazin „Vice“ veröffentlichte ein Bild von einem Kugelschreiber in einem Schokoriegel – als eine Methode, mit der angeblich Sperma geschmuggelt wird

Das Magazin „Vice“ veröffentlichte ein Bild von einem Kugelschreiber in einem Schokoriegel – als eine Methode, mit der angeblich Sperma geschmuggelt wird

Nicht erwähnt ist auch der finanzielle Profit. Denn Kinder von jahrelang in israelischen Gefängnissen einsitzenden Mördern können mit einer üppigen monatlichen Entschädigung durch die Autonomiebehörde rechnen. Bekanntlich erhalten nicht nur die verhafteten Terroristen je nach Länge ihrer Haftzeit hohe finanzielle Zuwendungen, sondern auch deren Familien und „Nachkommen“.

Ein heldenhaftes Alibi

Gleichgültig wie der Leser zur künstlichen Befruchtung steht, gibt es erhebliche Zweifel an der Wahrheit und Glaubwürdigkeit des Sperma-Schmuggels . Einen versteckten Hinweis liefern die Medien immerhin: die künstlich befruchteten Frauen verweigern den Vaterschaftstest. Es liegt auf der Hand, dass die Frauen auf natürliche Weise von einem Nachbarn oder einem anderen Mann geschwängert worden sein könnten. Das dürfen sie natürlich nicht öffentlich eingestehen. Die Methode des geschmuggelten Sperma, gleichgültig in welchen Behälter, liefert ihnen ein heldenhaftes Alibi, zumal es sich durchgehend um verheiratete Frauen handelt, deren Ehemänner für sie unerreichbar im Gefängnis sitzen.

Von: Ulrich W. Sahm

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