Neue Rekruten stehen für eine Inspektion stramm

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Israels Existenzkampf

Auf die Ausrufung des Staates Israel antworteten arabische Staaten mit Krieg. Beide Seiten hatten in diesem Konflikt auch mit ihren jeweils eigenen Mängeln zu kämpfen. Die innere Zerstrittenheit der Araber war ausschlaggebend für ihre Niederlage.

Es war ein kritischer Übergang: Mit dem Ende des britischen Mandates über Palästina proklamierte David Ben-Gurion am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeit des Staates Israel. Innerhalb weniger Stunden erkannten die USA den jüdischen Staat an. In den frühen Morgenstunden des darauffolgenden Tages schritten Ägypten, Jordanien, Syrien, der Libanon und der Irak zum Krieg gegen Israel. Zu diesem Zeitpunkt war es den jüdischen Streitkräften gelungen, etwa ein Drittel des ihnen durch den UN-Teilungsplan zugesprochenen Gebietes militärisch zu sichern. Israels Krieg um die Unabhängigkeit, um das staatliche Überleben, hatte begonnen.

Die militärischen Fähigkeiten

Die Staatenwelt des Nahen Ostens um 1948 bestand aus jungen politischen Einheiten, die darüber hinaus vergleichsweise schwache Volkswirtschaften und – mit Ausnahme Ägyptens – geringe Bevölkerungsgrößen aufwiesen. Die Streitkräfte der Länder befanden sich noch im Aufbau. Das militärische Leistungspotenzial der Staaten war daher begrenzt.

Im Hinblick auf die eingesetzte Truppenstärke der Kriegsparteien hatte Israel trotz des zu erwartenden Übergewichts der arabischen Truppen die Oberhand. Im Mai 1948 standen sich rund 21.000 Mann auf arabischer Seite und rund 36.000 Mann auf israelischer Seite gegenüber. Allerdings waren die Israelis anfangs erheblich unterbewaffnet: Nur etwa 40 Prozent der israelischen Soldaten konnten mit Waffen ausgerüstet werden. Zudem beschränkte sich das Waffenarsenal von Israels Verteidigungsstreitkräften zu Kriegsbeginn auf Handfeuerwaffen sowie improvisierte gepanzerte Fahrzeuge und Mörser. Schwere Waffen wie Panzer, Artillerie sowie Panzer- und Flugabwehrgeschütze waren praktisch nicht vorhanden. Die arabischen Truppen verfügten hingegen über schwere Feldgeschütze, gepanzerte Fahrzeuge, einige Panzer sowie einige wenige Kampfflugzeuge. Damit waren die arabischen Streitkräfte den israelischen in der Anfangsphase des Krieges an Feuerkraft und Material überlegen.

Diese Unterlegenheit konnte die israelische Armee jedoch durch überlegene Ausbildung, Erfahrung und Organisation ausgleichen. Zumal mehrere tausend israelische Soldaten im Zweiten Weltkrieg eine militärische Ausbildung durch die britische Armee genossen hatten. Überdies wurden Israels Streitkräfte während des Unabhängigkeitskrieges durch mehrere tausend nicht-jüdische Freiwillige verstärkt.

Den Streitkräften der arabischen Staaten mangelte es dagegen an Organisation, Ausbildung und insbesondere an Gefechtserfahrung. Sie waren in den 1930er Jahren von den Kolonialmächten Großbritannien (in Ägypten, Jordanien und im Irak) und Frankreich (in Syrien und im Libanon) etabliert worden, um diese bei der Aufrechterhaltung der inneren Ordnung zu unterstützen. Aber für eigenständige, größere Militäroperationen waren sie weder ausgebildet noch mit den notwendigen Mitteln ausgestattet.

Drei Phasen des Krieges

Israels Unabhängigkeitskrieg währte vom 15. Mai 1948 bis Anfang 1949. Zwei von den UN vermittelte Waffenruhen (11. Juni bis 8. Juli und 18. Juli bis 15. Oktober 1948) unterteilen die Kampfhandlungen in drei Phasen.

In der ersten Phase vom 15. Mai bis zum 11. Juni 1948 galt es für Israel, die arabische Offensive an mehreren Fronten gleichzeitig aufzuhalten. Während die libanesischen Streitkräfte weitgehend passiv blieben, rückten syrische Truppen im Nordosten in Israel ein. Jordanische und irakische Verbände besetzten das Westjordanland, einschließlich großer Teile Jerusalems. Die ägyptischen Streitkräfte stießen über das Gebiet des heutigen Gazastreifens Richtung Tel Aviv vor und drangen weiter südlich via Be‘er Scheva nach Hebron vor. Den israelischen Streitkräften gelang es, eine Verteidigungslinie im Süden zwischen Aschdod und Bet Guvrin zu etablieren und den ägyptischen Vorstoß rund 40 Kilometer vor Tel Aviv zum Halten zu bringen. Am 11. Juni endete die erste Phase des Krieges mit einer Waffenruhe. Israel hatte den kritischen Moment der Invasion überstanden.

Der jüdische Staat nutzte die Unterbrechung äußerst effektiv zur militärischen Reorganisation und Aufrüstung. Im Juni/Juli 1948 besaß seine Armee damit nicht nur die numerische Überlegenheit, sondern verfügte auch über mehr Waffen und Munition als die arabischen Streitkräfte. Die arabischen Staaten waren hingegen von jeglichem Nachschub abgeschnitten und wurden im Verlauf des Krieges stetig schwächer.

Am 9. Juli gingen die Kampfhandlungen in die zweite Runde. Militärisch erstarkt, ergriff Israel nun die Initiative und schlug in der sogenannten Zehn-Tage-Offensive die ägyptischen Streitkräfte im Süden sowie die syrischen und libanesischen Kräfte in Galiläa erfolgreich zurück. Es gelang den Israelis, einen Korridor von Tel Aviv nach Jerusalem zu erobern. Doch große Teile Jerusalems, einschließlich des jüdischen Viertels der Altstadt und der Klagemauer, verblieben in jordanischer Hand. Die israelischen Streitkräfte befanden sich nun an allen Fronten in der Offensive.

Am 15. Oktober brach Israel die Waffenruhe und eröffnete damit die dritte Runde des Krieges. Die israelischen Streitkräfte führten eine erfolgreiche Offensive gegen die ägyptischen Truppen in der Wüste Negev. An der nördlichen Front gelang es den israelischen Streitkräften Ende Oktober 1948, Galiläa zu erobern und gar in den Libanon vorzudringen.

Am 13. Januar 1949 willigten die geschlagenen arabischen Staaten schließlich in Waffenstillstandsverhandlungen mit Israel ein. Zwischen Februar und Juli unterzeichnete Israel bilaterale Waffenstillstandsabkommen mit Ägypten, dem Libanon, Jordanien und Syrien. Der Irak weigert sich bis heute, ein Waffenstillstandsabkommen zu unterzeichnen. Ägypten blieb im Besitz des Gazastreifens. Jordanien behielt einen großen Teil des Westjordanlandes, einschließlich Ostjerusalems. Im April 1950 annektierte Jordanien das Gebiet. Israel vergrößerte sein Staatsgebiet durch die Eroberung von Gebieten, die der UN-Teilungsplan einem arabischen Staat zugesprochen hatte, um rund 6.500 Quadratkilometer.

Die arabische Allianz

Neben den Unzulänglichkeiten der einzelnen arabischen Streitkräfte wurde deren Schlagkraft in erster Linie durch den Mangel an Einheit gemindert. Gegenseitiges Misstrauen, Partikular­interessen und innerarabische Befindlichkeiten bestimmten ihr militärisches Verhalten.

Innerhalb der arabischen Allianz standen sich zwei Fraktionen gegenüber – zum einen der haschemitische Block mit Jordanien und dem Irak, und zum anderen Ägypten, Syrien und der Libanon. In Amman und Bagdad herrschten haschemitische Monarchen, die von Großbritannien dort eingesetzt worden waren: in Jordanien Abdullah I., im Irak der minderjährige Faisal II. unter der Regentschaft seines Onkels Abd ul-Ilah. Neben der dynastischen Verbindung – Faisal II. war Abdullahs Großneffe – waren beide Länder seit April 1947 durch einen Allianzvertrag verbunden.

Der anti-haschemitische Block fühlte sich durch Abdullah bedroht, der die Etablierung eines „Großsyrischen Reiches“ unter seiner Herrschaft anstrebte. Dieses sollte Jordanien, Syrien, den Libanon und den arabischen Teil Palästinas umfassen. Die Eroberung des Westjordanlandes sollte den ersten Schritt dazu markieren. Insbesondere Syrien und der Libanon hatten das verständliche Interesse, Abdullahs Pläne, die das Ende ihrer Souveränität bedeutet hätten, zu verhindern. Ein effektives militärisches Operieren war in dieser Konstellation schwer vorstellbar.

Die Folgen

Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld bezeichnet den israelischen Unabhängigkeitskrieg als den totalsten Krieg, den Israel je ausfocht. Es handelt sich um die einzige militärische Auseinandersetzung, die Israels Existenz zumindest temporär gefährdete. Ferner war es nicht nur der längste, sondern auch der verlustreichste Krieg Israels, das etwa ein Prozent seiner Bevölkerung in den Kampfhandlungen verlor.

Doch Israel gelang es, sich zu behaupten. Mit dem Sieg im ersten arabisch-israelischen Krieg konsolidierte Israel seine staatliche Existenz mit einer eindrucksvollen militärischen Leistung. Zumal die territorialen Zugewinne die strategische Lage des jüdischen Staates erheblich verbesserten. Die Gebietsgewinne trugen dazu bei, Israel zu einem zusammenhängenden und verteidigungsfähigen Staatsgebiet zu machen. In den Grenzen des UN-Teilungsplans hätte es aus mehreren separaten Einheiten bestanden. Über 100.000 Juden hätten sich in Siedlungen außerhalb des jüdischen Staates wiedergefunden. Nach Ende der Feindseligkeiten befanden sich beinahe alle jüdischen Ortschaften innerhalb des israelischen Staatsgebietes.

Der jüdisch-arabische Bürgerkrieg ab November 1947 und der anschließende israelische Unabhängigkeitskrieg schufen erhebliche Flüchtlingsbewegungen. Während und nach den Kampfhandlungen kam es in der gesamten arabischen Welt zu antijüdischen Pogromen. Dies verursachte die Flucht von hunderttausenden Juden nach Israel. Gleichzeitig flohen bis zu 600.000 Araber aus Israel; Anfang 1949 waren nur etwa 150.000 zurückgeblieben. Die Hintergründe sind komplex und vor allem politisch aufgeladen, weil das „Rückkehrrecht“ der Geflohenen oder Vertriebenen bis heute eine zentrale Forderung der Palästinenser ist.

Israels Unabhängigkeitskrieg war der erste einer Reihe von arabisch-israelischer Staatenkriege und unzähliger militärischer Konfrontationen mit arabischen Terror- und Guerilla­organisationen. Nur mit zwei der einstigen Gegner von 1948 hat Jerusalem bislang Frieden schließen können: Ägypten und Jordanien. Bis heute muss Israel in einer feindlichen Umwelt bestehen.

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe 3/2018 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/915152, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

Marcel Serr ist Politikwissenschaftler und Historiker. Von 2012 bis März 2017 lebte und arbeitete er in Jerusalem – unter anderem als wissenschaftlicher Assistent am Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der israelischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie der Militärgeschichte des Nahen Ostens..

Von: Marcel Serr

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