Der Autor der „Aachener Zeitung“ sieht keine Kontinuität für Jerusalem als jüdische Hauptstadt

Der Autor der „Aachener Zeitung“ sieht keine Kontinuität für Jerusalem als jüdische Hauptstadt

„Jerusalem ist nicht seit 3.000 Jahren Israels Hauptstadt“

Wie ein Theologe aus Aachen mit „ein bisschen“ Archäologie versucht, dem jüdischen Volk zu erzählen, dass Jerusalem historisch nicht die Hauptstadt Israels sein könne. Eine Analyse von Ulrich W. Sahm

Der Theologe Simone Paganini äußert sich in der „Aachener Zeitung“ zu Jerusalem. Er reagiert damit auf die Erklärung von US-Präsident Donald Trump, es sei die Hauptstadt des Staates Israel. Doch nur selten hat ein vermeintlicher Wissenschaftler, der gemäß der Selbstdarstellung auch „ein bisschen Archäologe“ ist, so viel „Stuss“ (das deutsche Wort stammt von dem hebräischen „Schtujot“ und bedeutet „Unsinn“) zusammengeschrieben. Simone Paganini glaubt, eine rein politische Absichtserklärung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump historisch widerlegen zu können.

Den modernen Staat Israel gibt es erst seit seiner Ausrufung 1948 und Jerusalem wurde 1950 zu seiner Hauptstadt erklärt. Nur darauf bezog sich US-Präsident Trump, als er diesen „Fakt“ anerkannte. Es ist völlig abwegig, den Juden oder Israelis mit den von Simone Paganini angebrachten Argumenten und historischen Abhandlungen die tiefe Beziehung der Juden zu der Stadt abzuerkennen und zum Schluss zu kommen, dass Jerusalem auch nicht die Hauptstadt des heutigen Staates Israel sein könne.

Palast, Privathaus oder Supermarkt?

Paganini beginnt mit der Entdeckung des „Palastes von König David“ in Jerusalem durch die Archäologin Eilat Mazar. Sie hat nicht nur eine „behauene Steinplatte“ gefunden, wie Paganini behauptet, sondern ein beeindruckendes riesiges Gebäude mit großen Steinquadern. Das kann kein „Privathaus“ gewesen sein. Es muss als öffentliches Gebäude von einer organisierten Staatsmacht errichtet worden sein. Fakt ist auch, dass es direkt auf die Stützmauer der Jebusiter in der sogenannten Davidsstadt gebaut wurde. Es stammt nicht aus „modernerer“ Zeit, etwa von König Herodes. Man kann nicht nachweisen, ob es tatsächlich der Palast war, zumal ein Kind bei einer Führung meinte, dass es vielleicht ein Supermarkt war, falls es das vor 3.000 Jahren schon gab. Warum nicht?

Entsprechend Verschwörungstheorien zur Wahl von Donald Trump unterbreitete Paganini hier den Lesern, dass ein „US-amerikanischer jüdischer Banker (Sohn von Auswanderern aus Nazi-Deutschland)“ und eine „zionistische Stiftung“ die Ausgrabung finanziert hätten. Paganini will damit wohl unterstellen, dass Archäologen der offiziellen Altertumsbehörde „käuflich“ seien mit jüdischem oder zionistischem Geld. Unklar ist, was Paganini eigentlich mit dem degoutanten Hinweis auf den US-jüdischen Banker als Sohn von Auswanderern aus Nazi-Deutschland bezweckte. Wenn da Christen mit dem Neuen Testament in der Tasche unterwegs gewesen wären auf der Suche nach Spuren ihres Messias und sich das mit Spendengeldern von Evangelikalen hätten finanzieren lassen, hätte es Paganini wohl weniger gestört.

„Nicht nur ausländische Archäologen, sondern auch die große Mehrheit der israelischen Forscher hegte Zweifel an der als ideologisch wahrgenommenen Deutung.“ Ja, wissenschaftliche Interpretationen sollten künftig per Mehrheitsbeschluss gefasst werden, wie in der UNO, wo es bekanntlich auch „automatische Mehrheiten“ gibt und wo zum Beispiel beschlossen worden ist, dass es nie einen Tempel in Jerusalem gegeben habe.

Biblische Geschichten reichen dem Theologen nicht aus

Weiter heißt es: „Die Frage nach der Historizität von König David und von seinem Nachfolger Salomo – und damit verbunden die Frage nach der historischen Glaubwürdigkeit eines Großreiches Israels am Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus – ist allerdings entscheidend, will man im Sinne eines Donald Trump zumindest populistisch den Anspruch des modernen Staates Israel auf Jerusalem als seine Hauptstadt rechtfertigen.“ Paganini meint also, dass der Fund einer Visitenkarte oder eines Personalausweises von König David den Anspruch Israels auf Jerusalem als Hauptstadt bestätigen könnte. Alles Drumherum reicht ihm nicht aus, und schon gar nicht die biblischen Geschichten. Denn die nähren wohl nur populistische Vorstellungen des Herrn Trump.

Eine Frage an den Herren Theologen: Geht er auch so hart ins Gericht mit Jesus? Warum schlägt er nicht gleich die Abschaffung des Christentums, des Vatikans und aller Kirchen vor, solange noch kein Archäologe einen in Stein gehauenen Beweis für die Existenz des Jesus von Nazareth entdeckt hat?

„Der biblischen Chronologie folgend war also Jerusalem lediglich von 1004 bis etwa 930 v. Chr. die Hauptstadt Israels.“ Um die Erwiderung auf diesen und weitere Abschnitte in dem AZ-Artikel kurz zu fassen: Die Namen der damaligen Königreiche, Israel, Judäa oder sonst was, dürften letztlich genauso willkürlich gewesen sein, wie der Beschluss David Ben-Gurions, den von Theodor Herzl in Basel, von der Balfour-Deklaration 1917 oder von der UNO 1947 empfohlenen „jüdischen Staat“ oder „Judenstaat“ nun „Israel“ zu nennen. Mit größter Gewissheit bezweckte der Staatsgründer Israels da keine Kontinuität zum biblischen „Königreich Israel“, sondern dachte wohl eher an den weit verbreiteten Namen „Volk Israel“ und vielleicht auch an das „Land Israel“. Das war die hebräische Bezeichnung des von den Briten verwalteten Mandatsgebiets „Palästina“. Auf britischen Briefmarken stand neben „Palestine“ auf Hebräisch „Eretz Israel“.

Kann ein unbedeutendes Dorf zur Hauptstadt werden?

Paganini schreibt ferner: Nach der Eroberung Jerusalems durch König David war Jerusalem „eher ein unbedeutendes Dorf in den Bergen Judäas, weit weg von Handelswegen und ohne eine militärische oder strategische Relevanz“. Ohne das genau geprüft zu haben, dürfte auch Rom zu Lebzeiten von Remus und Romulus nur ein unbedeutendes Dorf gewesen sein. Vergleichbares gilt für Berlin, Paris und London. So ist das nun einmal. Alles fängt klein an.

In einem Punkt dürfte Paganini eine wichtige archäologische Entdeckung der letzten Jahre entgangen sein. Bei Beit Schemesch, zwischen lauter Philisterstädten, oberhalb des Ela-Tales, wo David den Goliath besiegt haben soll, wurde auf Tel Kaefa (von den Beduinen auch als Tel Daud bezeichnet) eine befestigte Stadt entdeckt, die einwandfrei auf die Zeit des Königs David datiert werden konnte. Dort wurde ein kleines Modell des Tempels von Jerusalem gefunden, und mit absoluter Gewissheit haben dort Israeliten und keine Philister gelebt. Das lässt sich sogar anhand des Fundes einer Scherbe mit althebräischer Inschrift beweisen. Jerusalem mag unter David unbedeutend gewesen sein, aber damals schon gab es ein kleines davidisches „Königreich“ mitten im entfernten „Philisterreich“.

Die von Paganini nachgezeichnete Geschichte der Stadt mag in großen Zügen stimmen, ist aber für das Verhältnis der Juden, oder auch der Christen und Moslems, zu Jerusalem ziemlich irrelevant. Für die Juden erhielt die Stadt durch biblische Geschichten und die Erwähnung in Gebeten eine überhöhte religiöse Bedeutung. Wenn in den letzten Jahrhunderten für die Moslems und andere eher Damaskus die Hauptstadt der Region war, zeigt es nur, dass Jerusalem für sie eben keine überragende Wichtigkeit hatte.

Von palästinensischen Methoden beeinflusst?

Relevanter für heute sind Paganinis Ausführungen zur neueren Geschichte: „Im unmittelbar danach (1948) entflammten Nahostkonflikt ist Jerusalem einer der zentralen Streitpunkte zwischen Juden und Palästinensern. Beide Gruppen beanspruchen heute die Stadt oder zumindest Teile davon als Hauptstadt ihres Staates, von Israel beziehungsweise von Palästina.“ Paganini scheint von den üblichen unhistorischen Geschichtsklitterungen derart beeinflusst zu sein, dass er nicht einmal weiß, dass es 1948 noch keine „Palästinenser“ gab, als eigenständiges sich so nennendes Volk. Der von ihm erwähnte „Nahostkonflikt“ spielte sich zwischen Arabern, also unter anderen zwischen den damals schon existierenden Kolonialstaaten Irak, Syrien, Jordanien, Ägypten, und Israel ab.

„Aber erst 1967 nach dem Sechs-Tage-Krieg beanspruchte es (Israel) die Souveränität über den Ostteil der Stadt, der nach 1948 von Jordanien annektiert worden war.“ Paganini bringt da eine erstaunliche Erkenntnis. Souveränität kann normalerweise ein Staat erst verkünden, wenn er ein Territorium auch kontrolliert. Vielleicht ist der Autor aber auch beeinflusst von den heutigen Methoden der Palästinenser, die noch nicht einmal ihren Staat ausgerufen haben, aber schon Souveränität in Jerusalem beanspruchen. Dieses Vorgehen dürfte in der Weltgeschichte einmalig sein.

Dass Staatsgründer Ben-Gurion erst am 4. Januar 1950 Jerusalem zur Hauptstadt Israels erklärte, hat wohl historische Gründe und vor allem viele Vorbilder. Unsere Bundesrepublik hat zunächst Bonn zu ihrem Hauptdorf erklärt und konnte erst 1990 auf die ehemals preußische Hauptstadt Berlin zurückgreifen. Wenn es nach Paganini ginge, haben wohl schon Bundeswehrsoldaten (als römische Legionäre aus Germanien) beim Staatsbegräbnis von König Herodes Spalier gestanden.

Etymologische Inkonsequenz

Ziemlich abenteuerlich ist auch die etymologische Deutung des Namens Jerusalem. Laut Paganini geht der Name der Stadt auf die heidnische Göttin „Shalim“ zurück. Gleichzeitig moniert er: „Jeruschalajim ist aber grammatikalisch gesehen eine Dualform.“ Das passt irgendwie nicht ganz zusammen. Entweder hieß die Göttin so oder es handelt sich um hebräische Grammatik. Falls Paganini sich noch weiter „wissenschaftlich“ austoben will, bietet ihm Wikipedia viele weitere Namen für Hierosolyma, el Quds oder Beth el Mikdas.

Von: Ulrich W. Sahm

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