Junajew auf einem Forum der Internationalen Islammission im März 2017 in Russland

Junajew auf einem Forum der Internationalen Islammission im März 2017 in Russland

Die „Fake Jews“ von Tschetschenien

Im Namen der jüdischen Gemeinden von Tschetschenien kritisiert ein Sprecher das israelische Vorgehen auf dem Tempelberg. Die Nachricht wird in vielen russischen Medien verbreitet, hat aber einen Schönheitsfehler. Ein Kommentar von Ulrich W. Sahm

Der Sprecher der „jüdischen Gemeinden in Tschetschenien“, Mosei Junajew, hat die „Provokationen" des jüdischen Staates gegen die Muslime in der heiligen Stadt Jerusalem scharf verurteilt. Das wurde in den nationalen und lokalen Medien berichtet, darunter im Echo des Moskauer Radiosenders und „Tschetschenien heute“ - die beliebteste Nachrichten-Website in der überwiegend muslimischen russischen Republik.

Junajew sprach „im Namen der jüdischen Gemeinde Tschetscheniens“ und zollte dem tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow Beifall, nachdem dieser Israels Handlungen am Tempelberg verurteilt hatte. Die tschetschenischen Juden, so Junajew, „unterstützen ganzheitlich" die Vorwürfe gegen Israel, wie sie Präsident Kadyrow geäußert habe. Junajews Zustimmung für Präsident Kadyrow erhielt eine beträchtliche Verbreitung in tschetschenischen Medien und russischsprachigen Publikationen.

Keine Juden mehr in Tschetschenien

Allerdings gibt es bei dieser Meldung ein kleines Problem: In ganz Tschetschenien gibt es seit Jahren keine jüdische Gemeinde mehr. „Ich bezweifle, dass es in Tschetschenien noch irgendwelche Juden gibt, geschweige denn eine organisierte jüdische Gemeinde ", sagte Tamara Rafailowa Kahlon, eine Israelin, die in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny geboren wurde. Ihr Vater, Rafoi Rafailow, leitete eine Vereinigung tschetschenischer Juden in der Stadt Pjatigorsk, die sich 150 Meilen westlich von Grosny im nordkaukasischen Bundesbezirk befindet. „Sie sind alle weg. Ich weiß nicht, von wem dieser Mann spricht." Auch andere russisch sprechende Juden, darunter Gemeindeführer, Journalisten und weitere Migranten aus Tschetschenien, verwarfen Junajews Anspruch, eine jüdische Gemeinde zu vertreten.

Selbst die jüdische Nachrichtenagentur JTA konnte die Existenz der von Junajew genannten Organisationen nicht ausmachen. So ist auch der „Kongress der Juden des Nordkaukasus-Bundesbezirkes“, als dessen Mitglied sich Junajew bezeichnet, unauffindbar.

Der Mangel an Juden in Tschetschenien hinderte Präsident Kadyrow allerdings nicht, im Jahr 2013 die Eröffnung einer Synagoge in Grosny anzukündigen. Der russische Politiker und Journalist Wadim Beriaschwili bezweifelte damals schon, dass es überhaupt eine Gemeinde gebe, die die Synagoge benutzen könnte: „Die tschetschenischen Behörden haben es geschafft, zwei Juden für die Eröffnung der Synagoge zu finden. Aber beide weigerten sich, zu kommen", berichtete er im Jahr 2013. „Die Gründe für ihre Ablehnung können nur vermutet werden."

Frage an Radio Eriwan

Während des Kalten Krieges hätte es eine Frage an den fiktiven Sender Radio Eriwan gegeben: „Stehen alle tschetschenischen Juden hinter Präsident Kadyrow?“ Die Antwort hätte wohl gelautet: „Im Prinzip ja – allerdings gibt es in Tschetschenien keine Juden mehr.“

Ulrich W. Sahm

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