Historischer Augenblick: Israelische Soldaten im Löwentor in Jerusalem

Historischer Augenblick: Israelische Soldaten im Löwentor in Jerusalem

Der Sechs-Tage-Krieg (laut „Spiegel“)

Ein „Spiegel“-Artikel zum Sechs-Tage-Krieg geht mit historischen Fakten sehr freimütig um. Genaue Abfolgen bleiben unbeachtet, wichtige Informationen unerwähnt. Eine Analyse von Ulrich W. Sahm

Zum 50. Jubiläum des Sechs-Tage-Krieges von 1967 sind unzählige Artikel erschienen. Auch der „Spiegel“ publizierte eine Geschichte aus gegebenem Anlass. Die strotzt allerdings vor Geschichtsklitterung und Voreingenommenheit. Die Autorin Annette Großbongardt, langjährige Israel-Korrespondentin, präsentiert Interpretationen als historische Fakten – oder lässt wichtige Umstände unerwähnt. Das lässt sich an einzelnen Passagen festmachen.

Großbongardt beschreibt zunächst die wirtschaftlich und sozial schwierige Zeit zwischen der Staatsgründung Israels 1948 und dem Krieg von 1967. Die orientalischen Juden, die Misrachim, wurden da von der europäischstämmigen Elite „krass benachteiligt“. Das ist gewiss korrekt. Doch wenn es da weiter heißt, dass Zehntausende wieder ausgewandert seien, dann waren nur wenige orientalische Juden unter den Emigranten. Denn das waren jene 800.000 Juden, die aus der gesamten arabischen Welt unter Rücklassung ihres ganzen Besitztums geflohen waren. Auch wegen der schlechten Wirtschaftslage Israels hatten diese gar nicht die Mittel, wieder auszuwandern. Eine Rückkehr in ihre alten Heimatländer von Marokko über Ägypten, bis Jemen und Irak war ihnen ohnehin versperrt.

Ausgerechnet diese orientalischen Juden waren nicht nach Israel gekommen, weil „Israels Gründungsväter ihren Bürgern das Leben in Würde und Freiheit versprochen hatten“, wie da mit einem Fragezeichen steht. Sie waren gekommen, weil sie keine Wahl hatten und allein der jüdische Staat ihnen eine Zuflucht bot.

Ablehnung der Araber nicht erwähnt

Weiter heißt es im „Spiegel“: „Kämpfer der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO sickerten aus Syrien und Jordanien nach Israel ein und verübten Anschläge auf Bahnlinien, Straßen und Kraftwerke; sie töteten und verwundeten Israelis.“ Nicht erwähnt wird da, dass es damals, vor 1967, weder eine Besatzung noch „illegale Siedlungen“ gab, die bekämpft wurden. Es waren Angriffe auf den jüdischen Staat.

Genannt werden in dem Artikel drei Stichdaten, darunter November 1947: „Die Uno-Vollversammlung stimmte für die Teilung Palästinas und machte so den Weg frei für den jüdischen Staat.“ Nicht erwähnt wird hier, dass die Vereinten Nationen nicht nur einen jüdischen Staat (das Wort „Israel“ war damals noch nicht bekannt) vorsah, sondern auch einen „arabischen Staat“ (von Palästinensern wurde erst ab 1968 geredet).

Unerwähnt bleibt hier auch, dass die arabische Welt diesen Mehrheitsbeschluss der UNO nicht nur abgelehnt hat, weil sie keinen jüdischen Staat im Gebiet der arabischen Umma – das Gebiet der islamischen Eroberungen seit dem 7. Jahrhundert – akzeptieren konnte. 1948 führten die Araber sogar einen Krieg gegen Israel und eben diese Resolution.

Der „Spiegel“ fährt fort: „Doch die Folgen von 1967 sind es, die Israels Gegenwart bestimmen.“ Es geht weiter mit verfälschenden Angaben: „Israel wurde zur Besatzungsmacht über eine Million Palästinenser.“ Damals redete noch niemand über Palästinenser. Die erklärte PLO-Chef Jasser Arafat erst 1968 zu einem Volk mit diesem Namen. Korrekt zitiert ist deshalb der Verteidigungsminister Mosche Dajan: eine „großartige Gelegenheit, das Leben mit den Arabern zu bestimmen und zu gestalten". Er dürfte doch einen Grund gehabt haben, warum Dajan von „Arabern“ und nicht von „Palästinensern“ geredet hat.

Problematische Adjektive

Anschließend an heutige Diskussionen über „links“ und „rechts“ urteilt der „Spiegel“ weiter: „Im Siegesrausch begann Israel, verhängnisvolle Fehler zu machen. Die Hardliner, die ‚Falken’, übertönten alle Mahnungen der ‚Tauben’, die Annexion des Westjordanlandes mache Israel zu einem binationalen Staat, und die Juden seien bald in der Minderheit.“ Die verwendeten Begriffe „Hardliner“, „Falken“, „Tauben“ und „Weichei“ (später im Artikel zum damaligen Premier Levi Eschkol) sind höchst fragwürdige Adjektive, die mit Vorliebe bei israelischen Politikern verwendet werden. Offen bleibt dabei, ob „Tauben“ vernünftiger sind als „Hardliner“.

Und wenn – wie es dort steht – über eine Annexion des Westjordanlandes diskutiert wurde, so ist es eine nichterwähnte Tatsache, dass niemand über eine Annexion des Gazastreifens sprach und dass die Annexion des Westjordanlandes bis heute ausgeblieben ist. Nur das erweiterte Jerusalem wurde von Israel annektiert, während Teile des Westjordanlandes 1994 den Palästinensern zu Selbstverwaltung mit eigener Regierung, Gesetzen, Parlament und Polizeikräften übergeben worden sind. Der Rest dieses ehemals von Jordanien annektierten Gebietes steht bis heute unter israelischer Militärverwaltung.

Chronologie verdreht

Erwähnt wird weiter Premierminister Eschkol, der vermeintlich einen Schlaganfall erlitt und 1969 verstarb, nachdem er gesagt habe: „Wir werden einige Steine und Felsen nicht den Weg zum Frieden stören lassen.“ Ob dem „Spiegel“ für die Ursache des Schlaganfalls eine ärztliche Diagnose vorliegt?

Dann kommt der Artikel auf Eschkols Amtsnachfolgerin zu sprechen: „Seine Nachfolgerin Golda Meir dachte nicht an die Rückgabe der Gebiete, sie leugnete sogar die Existenz eines palästinensischen Volkes: ‚Sie sind Araber wie alle anderen Araber.’“ Hierzu sei erwähnt, dass Jasser Arafat erst kurz zuvor die Palästinenser zu einem Volk erklärt hatte, was zu dem Zeitpunkt weder die UNO noch andere Staaten der Welt, darunter auch Deutschland, anerkannt und erwähnt hatten. Israel hat erst 1993 im Rahmen der Osloer Verträge die PLO als „Vertreterin des palästinensischen Volkes“ anerkannt.

Der Vorwurf des „Spiegel“ ist also eine Form der Geschichtsklitterung und Verdrehung der Chronologie. Und wem hätte Meir die „Gebiete“ zurückgeben sollen? Den Jordaniern, deren Annexion des Westjordanlands von niemandem außer Pakistan und Großbritannien anerkannt worden war? Oder den Ägyptern, die sich selber im Gazastreifen nur als „Verwalter“ betrachteten?

Weiter geht es mit einem problematischen Satz: „Der Blitzsieg legte den Keim für die neue Herrenmentalität.“ Hier zieht der „Spiegel“ einen subtilen Vergleich Israels mit den Nazis, die sich für „Herrenmenschen“ oder eine „Herrenrasse“ hielten. Die Verwendung dieses Begriffes durch den „Spiegel“ lassen wir hier lieber unkommentiert.

Resolution forderte Frieden mit Israel

„Die internationale Gemeinschaft ist mitverantwortlich für die heikle Entwicklung. Mit der Resolution 242 vom 22. November 1967 forderte der Uno-Sicherheitsrat zwar den Rückzug vom eroberten Territorium.“ Unerwähnt bleibt hier beim „Spiegel“, dass in der gleichen Resolution als Bedingung für einen territorialen Rückzug die arabischen Staaten zu einem „Frieden“ mit Israel aufgefordert worden sind. Außer Ägypten und Jordanien haben sich bisher weder Syrien noch andere arabische Länder daran gehalten.

Korrekt ist die Erwähnung, dass die Araber mit den drei „Nein“ von Khartum weder Frieden noch Verhandlungen mit Israel wollten. Fraglich ist daher, wie sich der „Spiegel“ unter den Umständen eine „Rückgabe“ von Land vorstellt, weil das angeblich entsprechend der Formel „Land für Frieden“ tatsächlich Frieden gebracht hätte. Das hätte nicht funktioniert, ohne miteinander zu reden. Ägypten hatte sich zudem bei den Friedensverhandlungen mit Israel ab 1976 strikt geweigert, den Gazastreifen „zurückzunehmen“. Die heutige verbreitete Vorstellung, dass Israel diese Gebiete den Palästinensern „zurückgeben“ könnte, ist Geschichtsklitterung, weil diese Gebiete ihnen nie gehört haben.

Selbstverschuldete Gewaltherrschaft

„Oslo 1993 konnte nie Strahlkraft entwickeln, weil der Prozess auf halber Strecke starb. Das Datum wurde weggewischt vom Terror zweier Intifadas und der harten israelischen Vergeltung.“ Erstaunlich ist hier vor allem, dass die Autorin Großbongardt die Strahlkraft der Verträge in den palästinensischen Autonomiegebieten nicht einmal wahrnimmt. Aller israelischen „Vergeltung“ zum Trotz haben die Palästinenser dort ein Gebilde mit völliger Selbstverwaltung eingerichtet. Dass die Palästinenser in ihrem Bereich die Demokratie faktisch außer Kraft gesetzt haben und dass die Hamas den Gazastreifen mit einer Gewaltherrschaft kontrolliert, ist deren eigenes Verschulden und hat nichts mit israelischer „Vergeltung“ zu tun.

Die Palästinenser und die im Artikel erwähnten israelischen „Friedensaktivisten“ empfinden die Feiern zum 50. Jahrestag der „Befreiung“ der Gebiete als „empörend“ und „Provokation“. Das ist Teil der heutigen politischen Kontroverse. So wird hier vom „Spiegel“ auch verschwiegen, dass die erste neugegründete Siedlung Gusch Etzion 1948 von den Jordaniern „ethnisch gesäubert“ worden ist, und dass ein Teil der Bewohner ermordet wurde. Deshalb ist die dort angesagte Feier für die Israelis auch von emotionaler Bedeutung. Darüber lässt sich natürlich streiten.

Interessant auch, dass eine Demonstration mit nur 15.000 Teilnehmern gegen die Besatzung in Tel Aviv erwähnt wird, nicht aber die Feiern zur „Wiedervereinigung“ oder „Befreiung“ Jerusalems mit 80.000 Teilnehmern. Die Zahl von Demonstranten sollte eigentlich kein Argument sein für oder gegen einen historischen Vorgang.

Der letzte Satz im Artikel, „Es kann sich bloß selbst besiegen“, klingt wie ein insgeheimer Wunsch oder eine Hoffnung, die in einer sachlichen Darstellung eigentlich nichts zu suchen hat, zumal das nur den Ansichten eines kleinen Teils der israelischen Bevölkerung entspricht und nicht der Mehrheit, die in den vergangenen Jahren den „Hardliner“ Benjamin Netanjahu gewählt hat.

Von: Ulrich W. Sahm

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