Viele Nachrichtenseiten haben zum Atomdeal einseitige Überschriften gewählt.
Viele Nachrichtenseiten haben zum Atomdeal einseitige Überschriften gewählt.

Analyse: „Nur Israel droht weiter“

Alle tonangebenden Überschriften zu Artikeln über den Atomdeal der wichtigsten deutschen Medien befassten sich allein mit Israel. Das ist einseitig, denn alle Länder des Nahen Ostens sind von dem Deal betroffen. Zudem äußert sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier auf unglückliche Weise.

In ihrer Berichterstattung zum Atomdeal haben wichtige deutschsprachige Medien in ihren Überschriften, die den Ton angeben, allein die Betroffenheit Israels herausgestellt. Die Abendzeitung in München titelte: „Israel droht weiter“. Der Nachrichtensender „n-tv“ schrieb: „Israel nennt Iran-Deal ‚Kapitulation‘“. Die Schweizer „Neue Züricher Zeitung“ titelt: „Atomabkommen mit Iran: Konsternation in Israel“. Und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ weiß: „Israels Regierung: Auf ganzer Linie gescheitert“.

Bei Überschriften dieser Art wird außer Acht gelassen, dass der Atom-Deal den ganzen Nahen Osten betrifft. Betroffen sind die Länder von Syrien über den Irak bis hin zum Jemen. Vor diesem Hintergrund hätte man eigentlich erst einmal eine Beschäftigung mit dem Vertrag erwarten können, anstatt die Reaktionen nur eines Landes, nämlich Israel, herauszustellen. Denn auch andere Länder wie die Türkei, Saudi-Arabien oder Ägypten sind Faktoren und fühlen sich ebenfalls von einem übermächtigen Iran bedroht.

Hinzu kommt, dass einige Überschriften den Artikeln selbst nicht gerecht werden. Auch das ist den Redaktionen anzulasten. Bekanntlich setzen diese die Schlagzeilen, nicht die Autoren der Beiträge. Reporter wie Gisela Dachs bei der „Zeit“ haben den Atomvertrag viel umfassender analysiert, als die Überschrift „Israel kann wenig gegen den Deal ausrichten“ weismacht. Dachs befasste sich nicht allein mit den negativen Reaktionen aus Israel. Die Überschrift stellt diese jedoch in den Vordergrund.Der „Focus“ übernimmt von der Deutschen Presse-Agentur die Überschrift: „Erfolgreiche Verhandlungen: Viel Euphorie nach Atom-Einigung mit Iran – nur Israel droht weiter“. Das erinnert an jenes Bonmot, wofür der „Focus“ schon 2006 heftig kritisiert worden ist: „Israel droht mit Selbstverteidigung“.

Drohungen aus Teheran

Im Zusammenhang mit einer möglichen iranischen Atombombe und täglichen Drohungen aus dem Iran, Israel auslöschen zu wollen, bedeuten die Drohungen des jüdischen Staate1s, dass die Juden in Israel keinen neuen Holocaust hinnehmen wollen. Eine Atombombe auf Tel Aviv hätte angesichts der physischen Größe Israels einen ähnlichen Effekt wie der Nazi-Mord an sechs Millionen Juden. Üblicherweise droht jemand mit Angriff. Aber mit „Selbstverteidigung“? Dahinter steckt die Vorstellung, dass die Juden und der Staat Israel als einzige in der Welt die Zerstörung ihrer physischen Existenz gefälligst hinzunehmen haben.

Die fast täglichen Drohungen aus Teheran, Israel physisch zerstören zu wollen, nehmen die deutschen Medien kaum oder gar nicht wahr. Dabei kann man kriegerische Sprüche iranischer Generäle, des „gemäßigten“ Staatspräsidenten Hassan Rohani und anderer Spitzenpolitiker täglich auf „YouTube“ und „Twitter“ abrufen. Zuletzt wurde am Wochenende beim sogenannten„Al-Quds-Tag“ in Teheran, aber auch in Berlin und anderswo, den Israelis und den USA der Tod gewünscht und deren Flaggen verbrannt.

Steinmeiers „Schlussstrich“

Bemerkenswert ist ein Interview, das Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier mit den „Tagesthemen“ führte. Zum einen legte er den Israelis nahe, auf „grobschlächtige“ Kritik am Atomdeal zu verzichten. Zudem gebrauchte er auch ein, ähnlich wie „Endlösung“, historisch belastetes Wort: „Schlussstrich“. „Der Frieden wird nicht morgen kommen. (...) Uns ist gelungen, nach mehr als zwölf Jahren einen Schlussstrich zu ziehen.“

Das Wort ist im Zusammenhang eines Atomdeals mit dem Iran problematisch. Nach Weltkriegsende herrschte in Deutschalnd eine „Schlussstrich-Mentalität“ vor: Der Holocaust sollte beschwiegen werden, die Massenmörder begnadigt. Noch deutlicher hätte ausgerechnet der deutsche Außenminister auf die Existenzangst der Juden nach Auschwitz nicht anspielen und sie für unangemessen erklären können. (uws)

Von: Ulrich W. Sahm

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