Der Weg der "Klos-C" führte von Bandar Abbas im Persischen Golf nach Umm Kasr im Süden des Irak und durch den Indischen Ozean in Richtung Port Sudan im Roten Meer.
Der Weg der "Klos-C" führte von Bandar Abbas im Persischen Golf nach Umm Kasr im Süden des Irak und durch den Indischen Ozean in Richtung Port Sudan im Roten Meer.

Die Spitze des Eisbergs

Was im Einzelnen geplant, was Zufall war, ist unklar. Jedenfalls ist der israelischen Marine mit der Kaperung des unter der Flagge Panamas fahrenden Frachtschiffs „Klos-C“ zum richtigen Zeitpunkt ein großer Coup gelungen.

Tage bevor der Frachter in Begleitung von zwei israelischen Raketenbooten im sicheren Hafen von Eilat eintreffen, entladen und genau überprüft werden kann, verschickt das israelische Militär schon Bilder von den M-302-Raketen, die an Bord gefunden wurden. Vor laufender Kamera erklärt der Oberbefehlshaber der israelischen Marine seinem Verteidigungsminister, quasi „spontan“ und „unter Kollegen“, die Funde – und was sie anrichten hätten können, hätten sie ihr Ziel im Gazastreifen erreicht. Genau zeichnet Israels Militärsprecher den Weg der Rüstungsgüter nach: von Damaskus über Teheran, den iranischen Hafen Bandar Abbas am Persischen Golf, nach Umm Kasr im Süden des Irak und durch den Indischen Ozean in Richtung Port Sudan im Roten Meer – wo die „Klos-C“ kurz vor dem sicheren Hafen von den Elitesoldaten der „Schajetet 13“ gekapert wurde. Allein schon ein solches Schiff zu entdecken, ist gleichbedeutend damit, die berühmte Nadel im Heuhaufen gefunden zu haben.

Fast wichtiger noch als das Geschehen auf dem fernen Meer erscheint die Inszenierung für die Öffentlichkeit. Wenn die Amerikareise von Regierungschef Benjamin Netanjahu nicht für dieses Ereignis geplant war, fand sie doch zum rechten Zeitpunkt statt – und wird von den Israelis leidlich ausgenutzt. Plötzlich erscheinen Netanjahus Aussagen vor der AIPAC-Konferenz in neuem Licht, gewinnen an Gewicht, wenn er dort vor Massen begeisterter Israelfreunde einen Tag zuvor erklärt hatte, der Iran schicke anstelle von humanitärer Hilfe „Raketen, Terroristen und Marschflugkörper, um Unschuldige zu bedrohen und zu verstümmeln“, in die Welt. Wer die Situation um Israel seit Jahren beobachtet, denkt an andere Schiffe – die „Santorini“, die „Karine-A“, die „Francop“ und die „Victoria“, die vielleicht nur Spitzen eines Eisbergs von Waffenlieferungen aus dem Iran an extremistische Gruppierungen um Israel herum waren. Niemand weiß, wie viele derartige Schiffsladungen ihr Ziel erreicht haben. Es ist nicht festzustellen, wie viele ähnliche militärische Aktionen im Verborgenen geblieben sind, weil keine der beteiligten Seiten ein propagandistisches Interesse hatte, sie der Öffentlichkeit zu erzählen.

Ein „Dritter Weltkrieg“?

Allen, die sich seit Jahren fragen, wann Israel gegen den Iran und seine hegemonistischen und atomaren Ambitionen losschlagen wird, und besonders denen, die einen neuen Nahostkrieg verhindern wollen, sei’s gesagt: Wir befinden uns mitten im Krieg – einem Krieg, der an vielen Orten furchtbar blutig ausgetragen wird. Dieser Krieg hat allein in Syrien in den vergangenen drei Jahren viermal so viele Todesopfer gefordert, wie alle arabisch-israelischen Kriege der vergangenen sieben Jahrzehnte zusammengenommen. Vielleicht werden wir, oder spätestens die Historiker zur Zeit unserer Kinder oder Enkel, diesen Krieg einmal als „Dritten Weltkrieg“ bezeichnen?

Aus israelischer Sicht stehen die 10.000 Raketen, die Experten im Gazastreifen vermuten, in einem engen Zusammenhang mit dem Geschehen in Syrien, in Libyen, in Mali, in Afghanistan, in Somalia oder auf der Sinaihalbinsel. Dieser jüngste Krieg tobt sich nicht in Panzerschlachten aus. Es sind nicht mehr Soldatenheere, die wie zur Zeit Napoleons aufeinander prallen. Die Kriege des 21. Jahrhunderts sind Geheimdienstkriege, in denen gezielte und überraschend schnell ausgeführte Kommandoaktionen wichtiger sind als lange Grabenkämpfe. Stellvertreter, wie etwa die Hisbollah als langer Arm des Iran, kommen zum Einsatz. Nicht zufällig hat der Iran alles unternommen, um die Herkunft der Raketen auf der „Klos-C“ zu verschleiern – schließlich konzentriert man sich seit der Amtsübernahme durch Präsident Hassan Rohani auf die Charme-Kampagne gegenüber der westlichen Welt. Außer dem Kampf um die öffentliche Meinung ist es aber vor allem „Cyberwarfare“, der Krieg im Datenraum, und „Lawfare“, der Krieg mit rechtlichen Mitteln, der Experten beschäftigt. Deshalb ist den israelischen Kommentatoren, die das Geschehen um die „Klos-C“ erklären, auch so wichtig, dass nach internationalem Recht diese ganze Aktion absolut wasserdicht war.

Die Fronten dieses „Dritten Weltkriegs“ sind nur schwer zu verstehen und noch schwerer zu erklären. In Syrien bekämpft der Iran im Bund mit dem Regime Assad und der Hisbollah die dschihadistischen Gruppierungen, denen sich die Hamas und der Palästinensische Islamische Dschihad, für die die Lieferung der „Klos-C“ bestimmt war, verbunden wissen. Die Rolle des ölreichen, eigentlich pro-westlichen, gleichzeitig aber erzkonservativen Saudi-Arabien ist ebenso ambivalent wie die des NATO-Mitglieds Türkei. Dessen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan stammt aus derselben ideologischen Kinderstube, wie die wahabitischen Extremisten der Muslimbruderschaft, der Hamas, des Islamischen Dschihad oder salafitischer Gruppierungen. Nach ersten Verhören meinten israelische Beobachter, der türkische Kapitän der „Klos-C“ habe keinen Schimmer davon gehabt, was er an Bord habe. Aber etwas geahnt haben müsste er doch, bei einer Ladung, die ihren Ursprung im Iran hatte, im Irak mit Betonsäcken überdeckt wurde, um dann mit einem einzigen Frachtschein für die gesamte Ladung ausgestattet zu werden. Aber warum sollte man einen Türken verstehen wollen, wenn die Amerikaner einerseits Israel helfen, die „Klos-C“ und ihre Raketen zu entdecken und zu verfolgen – was sie ersten Hinweisen zufolge getan haben – gleichzeitig aber nicht bereit sind, ihre Nahostpolitik zu überdenken, die praktisch überall genau den Leuten zur Macht verholfen hat, die des Westens und vor allem Israels unversöhnlichste Feinde sind?

Von: Johannes Gerloff