David Rubinger bezeichnet sich selbst als "linksradikalen Kahanisten".
David Rubinger bezeichnet sich selbst als "linksradikalen Kahanisten".

Das Objektiv, durch das „Time“ Israel sah

Neunzig Jahre alt wurde in diesem Frühjahr das einflussreichste Wochenmagazin aller Zeiten: „Time Magazine“. Als David Rubinger sich 2009 im Alter von 85 Jahren offiziell in den Ruhestand verabschiedete, war er der dienstälteste Mitarbeiter der Zeitschrift.

Die englisch-sprachige Tageszeitung „Jerusalem Post“ beschreibt ihn als „größten Porträtisten der israelischen Seele“. Und Jim Kelly, von 2001 bis 2006 Managing Editor von „Time“, fasst zusammen: „David Rubinger hat einige der beeindruckendsten Bilder seiner Zeit eingefangen. Niemand hat besser die Geschichte Israels mit all ihrem Ruhm und Schmerz gezeigt.“

David wurde am 29. Juni 1924 als einziges Kind des Schrotthändlers Kalman Rubinger und seiner Frau Anna in Wien geboren. Ende der 1930er Jahre entkam er mit Hilfe der Jugend-Alijah auf dem Umweg über Italien nach Palästina und ließ sich im Kibbutz Tel Amal im Jordantal nieder. Während des Zweiten Weltkriegs diente Rubinger in der Jüdischen Brigade der Britischen Armee.

In Deutschland lernte er seine Cousine Anni kennen, die mehrere Konzentrationslager überlebt hatte. Um ihr die Einwanderung nach Palästina zu ermöglichen, ging er im September 1946 in Herford eine fiktive Ehe mit ihr ein, die – so Rubinger schmunzelnd – ganze drei Tage dauerte. Danach waren Anni und David mehr als fünfzig Jahre, bis zu Annis Tod, verheiratet. Die Rubingers bekamen zwei Kinder, fünf Enkel und zwei Urenkel.

Im September 1945 hatte David in Paris als Abschiedsgeschenk von seiner französischen Freundin Claudette Vadrot eine amerikanische Argus 35 Millimeter Kamera geschenkt bekommen, „das vielleicht wichtigste Geschenk meines Lebens“, erkennt Rubinger im Rückblick, „und der Beginn einer Liebesaffäre mit dem Fotoapparat, die bis heute andauert“. In Gelsenkirchen kaufte er sich dann seine erste Leica – „für 200 Zigaretten und ein Kilo Kaffee“.

Teilungsplan ebnete Weg für Karriere

Sein erstes offizielles Foto machte David Rubinger während der Jubelfeiern im November 1947 in Jerusalem über die Entscheidung der Generalversammlung der Vereinten Nationen, das britische Mandatsgebiet Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Nachdem er ein Fotogeschäft in Jerusalem eröffnet hatte, hielt ihm der Journalist und heutige Friedensaktivist Uri Avnery mit seiner Zeitung „HaOlam HaZeh“ 1951 den Steigbügel für die journalistische Laufbahn. 1954 bekam Rubinger seinen ersten Auftrag von „Time-Life“.

Das war der Beginn einer Zusammenarbeit, die über ein halbes Jahrhundert währen sollte. Das scheinbar unbegrenzte Budget von Time-Life öffnete dem Fotografen Türen, von denen andere nur träumen können. So reiste er mehrfach mit dem israelischen Premierminister Menachem Begin zu den Friedensgesprächen mit Ägypten in die USA. Time bezahlte immer den Sitz neben Begin in der ersten Klasse. Ein Hubschrauber scheint nie ein Problem gewesen zu sein. Und als er einmal Phantom-Flugzeuge über dem Tempelberg fotografieren sollte, schickte die israelische Luftwaffe eine ganze Staffel für den Starfotografen in die Luft. Der schnappt in der Erinnerung vom Wiener-Deutsch ins Englische hinüber: „Life-Magazine asked for it. Life-Magazine got it.“ Guter Journalismus ist eben nicht selten eine Frage des Geldes.

Rubingers erste Geschichte, die international veröffentlicht wurde, begann damit, dass eine Nonne im so genannten „French Hospital“ das Gebiss eines Patienten aus dem Fenster fallen ließ. Das Notre Dame-Krankenhaus lag damals direkt an der Befestigungslinie, die das jordanisch besetzte Ostjerusalem vom israelischen Westjerusalem trennte. Nach langen Verhandlungen durften die Ordensschwestern ins Niemandsland steigen und den Zahnersatz bergen – unter den kritischen Augen eines israelischen und eines französischen Offiziers.

Ein Luxus hinter Rubingers Bildern ist die Zeit, die ihm zur Verfügung stand. „Eine gute Story braucht Zeit, viel Zeit“, erzählt der Fotograf und stellt Stimmungsstadien bei den Politikern fest, die er nicht selten tagelang auch im Privatleben begleiten durfte: „Nach zwei, drei Tagen fängst du an, ihr auf die Nerven zu gehen… schließlich ignoriert sie dich einfach… und so kam ich dann zu dem Bild, wie Golda Meir ihr Enkelkind wie eine jiddische Mamme mit dem Löffel füttert. So ein Bild bekommst du nicht, wenn du an die Tür klopfst und sagst: ‚Frau Außenminister, ich möchte gerne fotografieren, wie Sie Ihre Enkel füttern!‘ – Aber wer hat heute noch vierzehn Tage Zeit für eine Story? Dafür fehlt einfach das Geld.“

Als Fotograf von Time-Life hatte er einzigartigen Zugang zu führenden Politikern. In seinem Archiv finden sich genauso Bilder des verletzten David Ben-Gurion nach einem Handgranatenanschlag auf die Knesset im Oktober 1957 oder eines schlafenden Tourismusministers namens Teddy Kollek, wie eines Menachem Begin, der seiner Frau Aliza gegen Ende eines Langstreckenflugs in die USA hilft, die Schuhe anzuziehen. Seit der Ausstellung seiner Bilder im israelischen Parlament, der Knesset, im Januar 1995 darf er als einziger Fotograf überhaupt in der Cafeteria der Knesset fotografieren. Parlamentsabgeordnete nannten ihn scherzhaft das „121. Knessetmitglied“.

Die drei Soldaten vor der Klagemauer

Rubingers Markenzeichen ist ein Foto, das er im Juni 1967 von drei Soldaten machte, unmittelbar nach der Eroberung der Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem. Die Soldaten weinten, der Fotograf weinte – während er auf dem Boden lag, um die Eroberer und einen möglichst großen Teil der alten Westmauer des herodianischen Tempelbergs auf einem Bild festzuhalten. Der Raum zwischen den Häusern und der Mauer war damals gerade einmal drei Meter weit.

Anni Rubinger erkannte den Charme des Bildes sofort. David hält bis heute ein zehn Minuten später entstandenes Bild für viel wichtiger. Darauf ist Rabbi Schlomo Goren zu sehen, der mit Torah-Rolle und Schofar-Horn die zweitausend Jahre lang ersehnte Rückkehr des jüdischen Volkes an seine heiligste Stätte feiert. Deshalb schenkte er damals das Bild mit den drei Soldaten als Dank für gute Kooperation dem Sprecher der Armee, der es ans israelische „Government Press Office“ (GPO) weiterreichte. Das GPO verschleuderte die Aufnahme für zwei israelische Pfund – „heute sind das vielleicht 10 Cent“.

In der Folgezeit wurde das Bild zu einem der meistgeraubten, das heißt illegal abgedruckten Bilder aller Zeiten. „Manche Fotografen haben einfach ihren Stempel hinten auf das Bild gedrückt“, erzählt er mit einer Mischung aus Belustigung und Bitterkeit in der Stimme: „Einer davon lebt noch – und nennt sich mein bester Freund… Er weiß nicht, dass ich weiß – aber ich weiß!“ 2001 erklärte der Richter am Obersten Gerichtshof Israels, Mischael Cheschin, Rubingers Bild kurzerhand zum „Eigentum der Nation“.

Mit seiner Kamera begleitete Rubinger alle Kriege, aber auch alle Einwanderungswellen seines Landes. Er dokumentierte den Schrecken der Terroranschläge genauso, wie das Leid der arabischen Flüchtlinge oder die Freude über einen ersten Ölfund in Israel. Palästinenseraufstände und Siedlungsgründungen gehören ebenso zum Repertoire seiner Bilder wie die Dreharbeiten zu Filmepen wie „Ben-Hur“.

Seit den frühen 1980er Jahren schleppte der eher kleine David Rubinger eine kurze Leiter mit sich herum, um aus höherer Perspektive fotografieren zu können. Dieser Gegenstand seiner Ausrüstung wurde so typisch für ihn, dass ihn in Alexandrien beim Aussteigen aus dem Flugzeug ein ägyptischer Grenzpolizist mit der Bemerkung begrüßte: „Ooooh, Abu Sulam, der Vater der Leiter, ist da!“

Einige Jahre nach Annis Tod im November 2000 ließ sich David mit 78 Jahren auf eine neue Beziehung ein, mit Ziona Spivak, einer jemenitischen Einwanderin. Diese Beziehung endete auf tragische Weise, als David seine Ziona am 26. Dezember 2004 mit durchschnittener Kehle in ihrer Wohnung fand. „Plötzlich sah ich mich, der so viel Furchtbares fotografiert hatte, im Mittelpunkt des Interesses der Objektive“, erinnert sich David Rubinger an diese schreckliche Zeit. Muhammad, der palästinensische Gärtner aus Beit Omar bei Hebron, hatte sich schrecklich dafür gerächt, dass Ziona seinen räuberischen Forderungen nicht nachkommen wollte.

Ein „linksradikaler Kahanist“

Wir treffen uns im Café Caffit, seinem Stammcafé auf der Emek Refaim-Straße in der deutschen Kolonie in Jerusalem, wo er an fast jedem Vormittag anzutreffen ist, wenn er sich nicht gerade auf Reisen befindet. „Hier sagt man Du zueinander“, meint der ältere Herr, der irgendwie noch etwas vom Geruch der alten K.u.K.-Doppelmonarchie an sich trägt, und sei’s nur in seiner Aussprache des Deutschen: „Ich bin David.“

„Was fällt dir ein beim Stichwort ‚Iran‘?“, ist meine erste Frage. – „Aufhalten können wir die Atombombe nicht“, antwortet er nach kurzem Überlegen: „Die Frage ist, ob wir mit ihr leben können, oder ob wir alle an ihr krepieren.“

„Der arabische Frühling…?“ – „…ist ein islamischer Winter! Die westliche Welt hat den arabischen Frühling mit den Augen des Westens gesehen, nicht mit den Augen des Islam. Das ist das Problem... Demokratie muss wachsen, lässt sich nicht auf Befehl verordnen. Echte Demokratie würde beinhalten, was der berühmte Satz ausdrückt: ‚Ich hasse, was du sagst, aber ich bin bereit dafür zu sterben, dass du es sagen darfst.‘ Das kann man vom arabischen Frühling nicht erwarten.“

„Was geht dir zum Friedensprozess durch den Kopf…?“ – „Es gibt keine Moral in der Geschichte. Wenn Mosche Dajan 1967 die Westbank ethnisch gesäubert hätte, wie das auf Zypern noch in den 1970er Jahren geschah, würde heute niemand mehr davon reden. Die UNO hätte protestiert, eine Resolution verabschiedet, aber dann das Ganze akzeptiert.“

„Die Moral von der Geschicht ist, dass der Sieger bestimmt, was gut und richtig ist. Was geschehen ist, ist moralisch. Was nicht geschehen ist, wäre schrecklich gewesen.“

„…und zur Zweistaatenlösung?“ – „Die Palästinenser brauchen keinen Staat. Ich brauchen einen palästinensischen Staat, um überleben zu können. Die Leute sagen mir: Du bist ein linksradikaler Judenfeind und denkst nur an die Araber. – Sage ich: Nee, im Gegenteil: Ich bin Kahanist. Was ich mir eigentlich wünsche, ist das, was Rabbi Meir Kahane propagiert hat, nämlich, dass ich morgen aufwache und alle Araber sind aus Eretz Israel herausgeschmissen. Weil das aber nicht möglich ist, bin ich linksradikal. Dass unmöglich ist, wovon ich träume, ist der einzige Grund dafür, dass ich einen Palästinenserstaat will – nicht Menschlichkeit. Es gibt keine Menschlichkeit in der Geschichte. Deshalb bin ich ein linksradikaler Kahanist.“

„Was stört dich am meisten an der israelischen Politik?“ – „Dass heute jedes persönliche Vorbild fehlt. Seit Ben-Gurion gibt es kein persönliches Vorbild mehr. In derselben Woche, als die Krankenschwestern demonstriert haben wegen ihres niedrigen Lohns, haben alle Kabinettsminister und Parlamentsabgeordneten eine Gehaltserhöhung um ein- oder zweitausend Schekel bekommen. Kein einziger hat gesagt: Lasst uns auf diese Lohnerhöhung angesichts der Krise im Gesundheitswesen verzichten.“

Unser Gespräch wird unterbrochen. Vom Nachbartisch drängt ein Mann auf Rubinger zu und platzt auf Hebräisch heraus: „Ich habe meiner Frau gerade erzählt, wer du bist, seit wann ich dich kenne und welche Bilder du gemacht hast. 1962, als ich noch ein Kind war, hast du Sport fotografiert!“ – „Stimmt“, gibt Rubinger ihm Recht, „ich saß immer neben dem Tor…“ – Ohne auf diese Erklärung zu achten, sprudelt es aus dem Mann heraus: „Du hast uns fotografiert. Mit was für einer Liebe! Du bist ein großer Fotograf!“ Spricht’s, packt seine Frau am Arm und verlässt das Lokal.

„Kann man mir übel nehmen, dass das gut tut?“, wendet sich David wieder schmunzelnd mir zu. „Keine Ahnung, wer das war. Aber ich habe tatsächlich HaPoel Jeruschalajim fotografiert. Jeden Samstag bin ich mit meinem Sohn hingegangen. Damit wir nicht in der Masse hinter dem Zaun stehen mussten, sondern direkt neben dem Tor sitzen konnten, hatte ich immer die Kamera mit. Aber ich habe nur so getan, als würde ich fotografieren. Oft hatte ich gar keinen Film im Apparat. Damals war Fotografieren noch teuer.“

Von: Johannes Gerloff