Eine Wanderausstellung erinnert zum 100. Geburtstag an Raoul Wallenberg, der in Ungarn zahlreiche Juden gerettet hat.
Eine Wanderausstellung erinnert zum 100. Geburtstag an Raoul Wallenberg, der in Ungarn zahlreiche Juden gerettet hat.

Der missverstandene Held

Während des Holocaust rettete er in Ungarn Zehntausende Juden: der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg. Danach verlor sich seine Spur in der Sowjetunion. Am 4. August würde er 100 Jahre alt.

„Viele Juden Ungarns verdanken ihr Überleben einem der größten Helden des Zweiten Weltkrieges: Raoul Wallenberg.“ Dies schreibt der unlängst verstorbene Historiker Arno Lustiger in seinem Buch „Rettungswiderstand“ über den Schweden, der 1944 mit einem Ziel nach Budapest gesandt wurde – so viele Juden retten wie möglich.

„Kein anderer Schwede in modernen Zeiten hat so große, so offenkundige und so schwierige Beiträge zum Dienst an der Menschheit oder Menschlichkeit geleistet wie Raoul Wallenberg“, wird der schwedische Außenminister Carl Bildt auf der Internetseite seines Ministeriums zitiert. „Sein Name hat Schweden Ehre gegeben. Aber es stellte sich heraus, dass die Befreiung von Budapest, auf die er hoffte, keine Befreiung war. Ein Terror wurde durch einen anderen ersetzt. Eine menschenfeindliche Ideologie übernahm die Bühne, die zu verlassen eine andere gezwungen worden war. Wallenberg besiegte die erste, wurde aber im Gegenzug von der anderen besiegt. Als Schweden können wir Stolz auf das empfinden, was Raoul Wallenberg für andere getan hat. Aber wir müssen uns auch für das schämen, was wir nicht für ihn getan haben.“

Schweden hat das Jahr 2012 zum Raoul-Wallenberg-Jahr erklärt. Mit einer Wanderausstellung erinnern das schwedische Außenministerium, das Schwedische Institut und das Forum für Lebendige Geschichte an Raoul Wallenberg: „Mir bleibt keine andere Wahl. Eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Raoul Wallenberg“ ist vom 10. Oktober bis 11. November im Centrum Judaicum in Berlin-Mitte zu sehen. Begleitet wird die Ausstellung von einem umfassenden Rahmenprogramm. Weitere Präsentationsorte im Laufe des Jahres sind Stockholm, New York, Washington, Moskau, Tel Aviv, Berlin und Toronto. Den 100. Geburtstag am 4. August begeht Schweden mit einem Treffen von Absolventen der Raoul Wallenberg-Akademie und einer Feier am Geburtsort des Geehrten. Gleichzeitig kommen in Budapest Menschen zusammen, die während der Schoah Juden geholfen haben.

Mit einer Feierstunde gedenkt am Samstag die „International Raoul Wallenberg Foundation Berlin“ des 100. Geburtstags des verschollenen schwedischen Diplomaten. Am Abend wird auf dem Gelände der Vaterunser Gemeinde in Berlin-Wilmersdorf eine Büste enthüllt, die der Psychiater und Künstler Peter Bulow geschaffen hat, dessen Familie in Budapest überlebte. Vertreter der israelischen, der ungarischen und der schwedischen Botschaft werden an der Veranstaltung teilnehmen.

Raoul Wallenberg kam am 4. August 1912 im Stockholmer Vorort Kappsta auf die Welt. Sein Vater war drei Monate zuvor an Krebs verstorben, deshalb übernahm der Großvater Gustaf Wallenberg, ein erfahrener Diplomat, die Verantwortung für seine Ausbildung. Die Wallenbergs zählten zu den reichsten Familien in Schweden. Im US-Bundesstaat Michigan studierte der junge Raoul vier Jahre lang Architektur, Englisch, Französisch und Deutsch. Anschließend sorgte sein Großvater dafür, dass er in Südafrika und in einer niederländischen Bank in Haifa erste Berufserfahrung sammeln konnte. Später wurde er in Stockholm Geschäftspartner eines Juden ungarischer Abstammung, Koloman Lauer, der eine Import-Export-Firma hatte. Dieser erzählte ihm von der Verfolgung der Juden in Ungarn.

Unterdessen geriet die schwedische Botschaft in Budapest in Not. Unzählige jüdische Flüchtlinge suchten dort Schutz. Die Diplomaten baten in der Heimat um Hilfe. Nach Verhandlungen mit Vertretern der USA und der jüdischen Gemeinschaft in Schweden wurde beschlossen, einen Legationssekretär mit der Aufgabe nach Ungarn zu entsenden, Juden vor der Verfolgung zu retten. Die Wahl fiel auf Raoul Wallenberg.

Langeweile und Abenteuerlust

Warum nahm er den gefährlichen Auftrag an? Viele meinen, er habe schon vorher eine besondere Sympathie für Juden empfunden. So schreibt der Schauspieler Danny Smith in seinem Buch „Der Mann, der 100.000 Juden rettete“, das in einer überarbeiteten Neuauflage im „Brunnen Verlag“ erschienen ist: „Die tragischen Erlebnisse der Juden, von denen er gehört hatte oder denen er begegnet war, erschütterten ihn tief, aber er konnte nichts für sie tun.“ Die schwedische Regierung merkt an, dass er zwischen 1935 und 1936 in Haifa arbeitete. „Zu jener Zeit kam Wallenberg erstmals mit Juden in Kontakt, die aus Hitler-Deutschland geflohen waren. Ihre Geschichte berührte ihn zutiefst.“ Der Historiker Dr. Paul Levine von der Universität Uppsala ist anderer Ansicht: In keinem seiner Briefe habe Wallenberg die Judenverfolgung thematisiert. Vielmehr habe er als „Mann seiner Zeit“ vor der Reise ins britische Mandatsgebiet Palästina die üblichen Vorurteile gegenüber Juden gehabt. Die Wallenberg-Firmen hätten Geschäfte mit Nazideutschland gemacht. „Er ging hin, um einem Volk zu helfen, zu dem er keine Verbindung hatte“, sagte der Wissenschaftler gegenüber Israelnetz.

Levine ist der Ansicht, dass ein Beweggrund die Langeweile am aktuellen Arbeitsplatz war. Hinzu sei sicherlich Abenteuerlust gekommen. „Wallenberg entschied sich zu helfen, als die Gelegenheit zu ihm kam“, schreibt er in seinem 2010 erschienenen Buch „Raoul Wallenberg in Budapest. Myth, History and Holocaust“ (Raoul Wallenberg in Budapest. Mythos, Geschichte und Holocaust). „Weder sein eigenes Leben noch die Sicherheit seiner Nation war in irgendeiner Weise direkt durch den fortdauernden Genozid bedroht. Er hätte sich entscheiden können, in Stockholm zu bleiben, den Genozid ‚beobachtend‘, aber er tat das nicht.“

In Budapest sollte sich zeigen, dass Wallenberg Eigenschaften besaß, die ihn für seine Aufgabe besonders befähigten: Intelligenz, Charme, Willensstärke, Neugier. Am 9. Juli 1944 traf er in der ungarischen Hauptstadt ein. Er verteilte nicht nur Schutzpässe, die Juden den Status eines schwedischen Staatsbürgers verliehen, sondern gründete mit Kollegen das „Internationale Ghetto“. Hier waren Juden einigermaßen geschützt vor den Schikanen der Nazis. Susanne Tabor war wie viele Verfolgte beeindruckt von der Persönlichkeit des 32-Jährigen: „Er zeigte uns, dass wir keine Tiere waren, dass sich jemand um uns kümmerte“, zitiert Smith die Jüdin. „Die entscheidendste Erfahrung für uns war, dass er selbst kam, persönlich.“ Sein Mitarbeiter Per Anger erinnerte sich später: „Ich fragte ihn, ob er keine Angst habe. ,Manchmal kann es einem schon Angst machen‘, sagte er, ,aber ich habe keine Wahl. Ich habe diese Aufgabe auf mich genommen, und ich könnte niemals nach Stockholm heimkehren, ohne das sichere Bewusstsein, alles Menschenmögliche getan zu haben, um Juden zu retten.‘“

Sowjetische Festnahme

Als die Nazis in Ungarn besiegt waren, hatten etwa 50.000 Juden im Internationalen Ghetto überlebt, von denen die Hälfte unter Wallenbergs direktem Schutz stand. Dieser machte sich am 17. Januar 1945, vier Tage nach dem sowjetischen Sieg, mit einem Mitarbeiter auf den Weg in die ungarische Stadt Debrecen. Außerhalb von Budapest wurden sie von Agenten der sowjetischen Spionageabwehr, die später zum KGB wurde, festgenommen – und seither nie mehr als freie Männer gesehen. Die beiden wurden ins berüchtigte Lubjanka-Gefängnis in Moskau gebracht. Nach offiziellen Angaben stand Wallenberg unter „Schutzhaft“. Was ihm danach widerfuhr, ist unklar. Am 15. März behauptete der von den Sowjets kontrollierte Sender „Kossuth“, der Diplomat sei auf dem Weg nach Debrecen von „Agenten der Gestapo“ ermordet worden. Doch offensichtlich befand sich Wallenberg zu diesem Zeitpunkt in den Wirren des Gulag, des sowjetischen Gefängnis- und Lagersystems. Später hieß es, er sei am 17. Juli 1947 an einem Herzinfarkt gestorben.

In den folgenden Jahrzehnten bemühten sich Mutter, Stiefvater und Geschwister vergeblich um nähere Informationen über Wallenbergs Ergehen nach der Festnahme. Ehemalige Häftlinge gaben an, ihn Jahrzehnte nach dem offiziellen Todesdatum in einem Gefängnis oder einer psychiatrischen Klinik der Sowjetunion gesehen zu haben. Eine schwedisch-russische Arbeitsgruppe fand Anfang des 21. Jahrhunderts allerdings keinen Beweis dafür, dass der Judenretter nach 1947 noch gelebt hat. Ob er einen Herzinfarkt erlitten hat oder hingerichtet wurde, ist nicht feststellbar. Auch die Gründe für seine Festnahme und für die Auskunftsverweigerung bleiben im Dunkeln. Möglicherweise wurde er für einen Spion der USA oder Nazideutschlands gehalten. Erst im Jahr 2000 gab die russische Regierung bekannt, dass die Inhaftierung illegal gewesen sei. Es habe weder einen Prozess noch eine Verurteilung gegeben. „Spiegel“-Autor Fritjof Meyer stellte sich im Juli 2001 vor, dass Wallenberg tatsächlich gegen allen Anschein noch am Leben wäre: „Dann wäre er jetzt 88 Jahre alt – ohne zu wissen, dass er Patriarch einer mächtigen Wirtschaftsdynastie wäre, die rund 50 Prozent einer Holding im Börsenwert von 12,2 Milliarden Dollar hält.“ Seine Mutter und sein Stiefvater nahmen sich 1979 aus Verzweiflung darüber das Leben, dass sie nichts über sein Ergehen erfahren konnten. Dies berichtete das „Wall Street Journal“ Anfang 2009.

Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erklärte Wallenberg am 26. November 1963 zum „Gerechten unter den Völkern“. Zu seinen Schutzbefohlenen gehörten auch der mittlerweile verstorbene frühere israelische Justizminister Josef „Tommy“ Lapid und seine Mutter. Er sagte im Februar 2005 anlässlich einer Gedenkzeremonie für den Diplomaten in der Knesset: „Wallenberg hat uns gerettet, wir haben ihn nicht gerettet.“

Viele Mythen umranken das Leben und die Gefangenschaft des Judenretters. Levine wendet sich gegen „hagiographische“ Veröffentlichungen, also Heiligenlegenden: „Wallenberg fiel nicht als ‚rettender Engel‘ vom Himmel, sondern übernahm vielmehr eine zutiefst humanitäre Aufgabe in einem besonderen und furchtbar komplizierten geo-politischen Kontext während der letzten Monate des Holocaust“, schreibt er. So habe der Schwede seine Zeit in Budapest auch für Geschäfte genutzt. Der Historiker geht davon aus, dass Wallenberg etwa 30.000 Juden gerettet hat – aber nicht 100.000, wie Smith annimmt.

Im Mai 2012 wurde ein Wallenberg-Denkmal im ehemaligen Internationalen Ghetto von Budapest geschändet. Nach Angaben der ungarischen Website „Nepszabadsag Online“ entdeckten amerikanische Touristen dort blutgetränkte Schweinefüße. Der israelische Bildungsminister Gideon Sa´ar sprach laut „Times of Israel“ von einem „widerwärtigen Versuch, den Namen der Person zu entweihen, die Zehntausende Juden vor dem Genozid der Nazis gerettet hat“. Die Schändung sei „eine weitere schmerzvolle Erinnerung daran, dass der Antisemitismus nicht ausgelöscht ist“. Was Wallenberg im Archipel Gulag wirklich widerfuhr, ist unklar. Doch Levine betont, dass sein Leben, von Mythen befreit, wichtiger für die Nachwelt ist als sein Sterben: „Er war, und ist, ein Held – aber er ist ein missverstandener Held.“

www.schweden.org

Von: Elisabeth Hausen

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