Schlomo Hillel, langjähriger Knessetabgeordneter, ehemaliger Botschafter, Polizei- und Innenminister und Agent, weiß viel über Vertreibung von Juden aus arabischen Ländern, aber auch von Vertreibung von Arabern zu berichten. (Foto: Gerloff)

„Die vergessenen Flüchtlinge“ - Jüdische Flüchtlinge aus arabischen Ländern

„Das palästinensische Flüchtlingsproblem muss außerhalb der Grenzen des Staates Israel gelöst werden.“ Das erklärte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu in seiner programmatischen Rede am 14. Juni 2009 an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan. Ein Recht auf Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge in den Staat Israel sei aus israelischer Sicht unter keinen Umständen akzeptabel. Als Beleg dafür, dass eine Lösung des arabischen Flüchtlingsproblems möglich sei, führte Netanjahu an, dass „das kleine Israel erfolgreich Hunderttausende jüdischer Flüchtlinge aus arabischen Ländern integriert“ habe.

Vielleicht zufällig, aber in jedem Falle symptomatisch sprach das israelische Außenministerium in seiner offiziellen englischen Übersetzung der Netanjahu-Rede von „Zehntausenden jüdischer Flüchtlinge aus arabischen Ländern“. Die israelische Botschaft in Berlin erwähnte in ihrer Zusammenfassung der Rede des Regierungschefs die Flüchtlingsfrage überhaupt nicht mehr – obwohl die demografische Frage heute möglicherweise die entscheidende existentielle Bedrohung des jüdischen Staates Israel ist. Neben der Geburtenrate ist das angebliche „Recht auf Rückkehr“ die effektivste Waffe der Palästinenser im Kampf gegen den jüdischen Staat.


Der folgende Artikel ist das Ergebnis einer Suche nach denen, die sich selbst als „die vergessenen Flüchtlinge“ im Nahen Osten bezeichnen und beklagen, dass auch der Staat Israel selbst ihr Anliegen nicht angemessen vertritt.


Bis hoch unter das Wellblechdach liegen Auspuffrohre für alle nur denkbaren Automarken und Modelle gestapelt. In der düsteren Werkstatt im Jerusalemer Industriegebiet Talpiot hängt die typische Geruchsmischung aus Motorenöl und Männerschweiß, von Lötarbeiten und starkem arabischem Kaffee mit Kardamom. Ganz hinten in einem Kabuff, das er stolz „Büro“ nennt, sitzt Schaike Amiga. An den Wänden hängen vergilbte Urkunden, dazwischen Bilder von Yitzhak Schamir, Menachem Begin und Ariel Scharon. Ein alter Computer versinkt unter Bergen von Papier. Die Tastatur ist eingewickelt in eine Plastikfolie, damit sie den Gebrauch durch verschmierte Arbeiterhände überlebt.


Kennengelernt hatte ich den israelischen Auspufffabrikanten vor vielen Jahren. Mein palästinensischer Automechaniker aus Beit Sahur, einem christlichen Dorf in der Nähe von Bethlehem, hatte mich an ihn verwiesen. „Das ist ein guter Freund, absolut zuverlässig und seine Auspuffrohre haben Originalqualität“, hatte mir der Araber auf den traditionellen Hirtenfeldern verkündet. Während wir nun im Büro-Kabuff arabischen Kaffee schlürfen, schaut einer der palästinensischen Arbeiter zur Tür herein. „Der kommt aus Umm Tuba“, meint Schaike nebenbei, „im täglichen Leben sehen wir die großen Spannungen, den Hass, die Eifersucht, nicht. Selbst während des Krieges, hat er hier gearbeitet.“ Amiga erzählt, wie er auch in der Zeit des Gazafeldzugs mit seinen palästinensischen Freunden in Gaza den Kontakt nicht hat abbrechen lassen.


Schaike Amigas Familie stammt aus „Halab“, wie die nordsyrische Stadt Aleppo auf Arabisch genannt wird. Sein Vater Eduard war 1935 mit seiner Familie ins britische Mandatsgebiet Palästina geflohen. In vielen arabischen Städten des Nahen Ostens tobten damals Pogrome gegen die Juden. Orientalisch anschaulich erzählt Schaike, wie die Herrscher der Bevölkerung immer wieder einen „Bonus“ gaben: „Drei Tage habt ihr Zeit. Da könnt ihr mit den Juden machen, was ihr wollt!“ Die Familientradition der Amigas weiß von grausamen Ereignissen: „Die Araber haben unsere Frauen vergewaltigt, unseren Besitz gestohlen und unsere Häuser angezündet. Sie waren furchtbar grausam und haben ohne Ende gemordet. Meine Mutter erzählte mir von elfjährigen Mädchen, die durch Vergewaltigungen schwanger geworden waren.“


Mit einem Anflug von Träumerei erinnert er sich an die goldenen Zeiten in der alten Heimat. „Mein Vater hat in Syrien dreizehn Geschäfte zurückgelassen. Er hat mit Stoffen, Schmuck, Gold und Edelsteinen gehandelt. Die Juden in Aleppo waren sehr reich.“ Mit einem Ruck erhebt sich der kräftige Mann hinter seinem Schreibtisch, durchquert mit energischen Schritten das schmuddelige Büro und zeigt stolz auf die verblichene Kopie eines Schwarz-Weiß-Fotos an der Wand: „Das ist meine Familie. Die Engländer hatten meinen Großvater und seine erwachsenen Söhne an der Grenze festgenommen und in das berüchtigte Gefängnis in Akko verschleppt. Die Frauen und Kinder ließen sie einfach in Zelten an der Grenze zurück, dort wo die Brücke Bnot Yaakov heute noch über den Jordan führt. Zwanzig Tage lebten sie wie Tiere, ohne Essen, ohne Kleidung, ohne Versorgung.“


„So wurde mein Vater in kurzer Zeit vom Millionär zum Bettler“, fährt Schaike Amiga mit der Familienchronik fort: „Hier im Land Israel hat er sich als Tagelöhner und Lastenträger durchgeschlagen. Er hat beim Straßenbau und beim Trockenlegen von Sümpfen geholfen.“ Der Großvater mütterlicherseits, Maatuq Naqasch, wurde von Arabern ermordet. „Meine Mutter weiß nicht einmal, wo er begraben liegt. Die Großmutter starb an einen Herzanfall infolge der Aufregung. So kam meine Mutter mit ihren drei kleinen Schwestern nach einem Pogrom im Jahre 1947 zu Fuß aus Syrien hierher ins Land.“


Auch Vertreibungen von Arabern durch jüdische Israelis


Schlomo Hillel wurde am 23. April 1923 in Bagdad geboren. „Zuhause sprachen wir das jüdische Arabisch, das in etwa dem Jiddischen in Europa entspricht“, erzählt der gebrechliche Mann, der heute mit seiner Frau Temima in einem modernen Hochhaus in Raanana wohnt. Temima stammt aus Wien und hat den Holocaust überlebt. „In der Schule habe ich Arabisch Lesen und Schreiben gelernt.“ Voller Energie berichtet der langjährige Knessetabgeordnete und ehemalige Botschafter, Polizei- und Innenminister Israels wie er im Alter von elf Jahren nach Palästina eingewandert ist.


Am 29. November 1947, als die UNO-Vollversammlung die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina entschied, war er im Auftrag des jüdischen Geheimdienstes in Beirut. „Es gab Demonstrationen gegen den UNO-Beschluss und ich fragte mich, was wohl am sichersten sei in dieser Situation“, erinnert sich Hillel: „Da habe ich mich am Abend den Demonstrationen angeschlossen und laut gegen den Staat Israel und ‚Tod den Juden!’ mitgeschrien.“ „Alle waren davon überzeugt: Innerhalb von zwei Wochen werden wir sie hinauswerfen!“, beschreibt der ehemalige Agent die Stimmung auf den Straßen in den arabischen Städten: „In Damaskus war ein geflügeltes Wort: ‚Bald wird mein Pferd in Tel Aviv Kaffee trinken.’“


Schlomo Hillel ist stolz darauf, dass sein Familienname eine lange Tradition hat. Er geht zurück auf den berühmten Rabbi Hillel den Älteren, einen Zeitgenossen Jesu. Seit der Zerstörung des ersten Tempels im 6. Jahrhundert vor Christus wohnten Juden im Zweistromland – „lange vor den Moslems!“ Das ist dem alten Herrn wichtig, dem die Atmosphäre eines verflossenen orientalischen Bürgertums mit aristokratischem Anspruch anhängt. In den 1920er Jahren waren fast vierzig Prozent der Einwohner Bagdads Juden. Zwischen 1946 und 1952 war Schlomo Hillel im Auftrag des israelischen Geheimdienstes verantwortlich für die Organisation der Flucht der irakischen Juden nach Israel.


Hillel nimmt kein Blatt vor den Mund: „Es gab Vertreibungen von palästinensischen Arabern durch jüdische Israelis – aber es gab auch Vertreibungen von arabischen Juden aus den arabischen Ländern. De facto hat hier ein Bevölkerungsaustausch stattgefunden“, ähnlich wie zeitgleich zwischen Pakistan und Indien. Nur in sehr viel geringerem Ausmaß. Allerdings hat die Verfolgung und Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern schon lange vor der Errichtung des jüdischen Staates begonnen. Die Anfänge dieser Bewegung hatten mit der Gründung des Staates Israel nichts zu tun.


Bei einem Glas Zitronenlimonade versinkt Schlomo Hillel in vergangenen Zeiten: „König Faisal von Irak starb 1933. Sein Sohn und Nachfolger, König Ghazi, war ein extremistischer arabischer Nationalist. Er unterstützte die intensive Aktivität der Nazis im Nahen Osten. Die Feindschaft Deutschlands gegen die Kolonialmacht England und der deutsche Antisemitismus kamen den Arabern entgegen.“ Eine der ersten Amtshandlungen Ghazis war die Sanktionierung des Massakers an assyrischen Christen im August 1933. Mehr als 3.000 Assyrer wurden ermordet. Hillel war Augenzeuge: „Die Siegesparade zog vor unserem Haus in Bagdad vorbei. Mein Vater Aharon sagte: ‚Wenn sie das den Christen antun, haben wir Juden hier keine Zukunft.’“ Deshalb wanderte die Familie Hillel nach Palästina aus.


Der Nazi-Bewunderer und Playboy Ghazi kam 1939 durch einen Autounfall ums Leben. Sein minderjähriger Sohn Faisal II. folgte auf den Thron. Die Regierungsgeschäfte führten konservative, pro-britische Regenten. 1941 kam es zu einem pro-deutschen Militärputsch gegen Faisal. In den ersten Juni-Tagen, genau zur Zeit des Schawuot-Festes, kam es zu einem Pogrom in Bagdad. Schlomo Hillel schreibt in seinem auch auf Deutsch erschienen Buch „Operation Babylon“ (Hänssler, 1992, Seite 21): „180 Juden wurden niedergemetzelt und unzählige Häuser, Geschäfte und Synagogen zerstört. Juden wurden buchstäblich von der Straße, aus Bussen und Wagen herausgezerrt, zu Tode geschlagen und erstochen. Ein hysterischer Pöbel stürmte die Häuser und massakrierte die Einwohner. Nicht einmal Kinder wurden verschont; schwangere Frauen wurden brutal aufgeschlitzt und wie Vieh zum Verbluten liegen gelassen.“ Fast Tausend jüdische Einwohner von Bagdad wurden verletzt. Dieses „Farhoud“ genannte Pogrom war der Wendepunkt unter der jüdischen Bevölkerung und der Beginn des zionistischen Untergrunds im Irak.


Der Konflikt um die Errichtung des Staates Israel verschärfte dann natürlich die Spannungen zwischen Juden und Muslimen im Nahen Osten. Ende 1947 gab es in Bagdad Demonstrationen gegen die Juden. „Die Behörden“, so Hillel, „dirigierten ganz bewusst den Zorn der Öffentlichkeit über alle möglichen Missstände gegen die Juden. Es entstand eine Atmosphäre der Furcht. Die „Farhoud“ war das Schreckgespenst in den Hinterköpfen. Immer mehr Leute lernten, mit Waffen umzugehen. Und dann baten plötzlich die führenden Rabbiner, die uns Zionisten eigentlich nicht leiden konnten: ‚Bitte, helft uns!’“


Im Mai 1948 zog die irakische Armee aus, um gegen den neu gegründeten Staat Israel zu kämpfen. „Wer einen Brief aus Palästina bekam, wurde verdächtigt. Eine neue Welle der Verfolgungen begann, mit Verhören und Verhaftungen. „Zionismus“ wurde per Gesetz zum Verbrechen, das mit dem Tode bestraft wurde. Schafeq Abbas aus Basra, einer der reichsten Juden im Irak, der viele arabische Freunde und Geschäftspartner hatte und das Symbol für Assimilation war, wurde gefangen genommen und zum Tode verurteilt. "All die Juden, die vorher nichts mit dem Zionismus zu tun haben wollten, sondern nur ihre Geschäfte sahen, suchten einen Ausweg. Sie lebten in Furcht vor der Regierung, in Furcht vor der Straße“, beschreibt Hillel den Beginn der Massenflucht und des Endes von 2.500 Jahren babylonischem Judentum. Im März 1951 wurden alle jüdischen Vermögen eingefroren.


Fast 900.000 Juden aus Mesopotamien, Arabien und Nordafrika


Einer der engsten Mitarbeiter Hillels in jener Zeit war Mordechai Ben-Porat, ebenfalls Jahrgang 1923. 1945 war er zu Fuß aus Bagdad nach Palästina gewandert – wenige Jahre später aber schon wieder als Beduine verkleidet im Auftrag des Mossad in seiner alten Heimat unterwegs. Ben-Porat organisierte die Flucht der irakischen Juden über Teheran, Paris, Marseilles und endlich durch geheime Direktflüge nach Israel. Mehr als 120.400 Juden kamen mit der so genannten „Operation Esra und Nehemia“ aus dem Zweistromland nach Israel. Heute vertritt der vornehme ältere Herr das Erbe des babylonischen Judentums. Auch er war Knessetmitglied und Kabinettsminister in der israelischen Regierung. Zwischen 1955 und 1969 verwandelte er als Bürgermeister ein großes jüdisches Flüchtlingslager in die israelische Kleinstadt Or Yehuda. In seinem bescheidenen Büro im „Zentrum des Erbes des Judentums aus Babel“ überreicht er mir seine Visitenkarte. Darauf steht in hebräischen Schriftzeichen seine Büroadresse: „Mordechai Ben-Porat, Mordechai Ben-Porat-Boulevard 83, Or Yehuda“.


„Fast 900.000 Juden kamen aus Mesopotamien, Arabien und Nordafrika nach Israel“, berichtet Ben-Porat, der im Alter von 85 Jahren noch immer Vorsitzender des Zentrums ist: „Etwas mehr als 700.000 Araber flohen 1948 aus Palästina. Damit ist die Zahl der Juden, die aus arabischen Ländern geflohen sind, ein wenig höher als die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge.“ 1975 hat Ben-Porat die „Weltorganisation von Juden aus arabischen Ländern“ mitbegründet, um die Interessen dieser Flüchtlinge zu vertreten und Wiedergutmachungsansprüche zu registrieren. Er betont, dass das Vermögen, das Juden in arabischen Ländern zurücklassen mussten, mindestens fünfmal so groß ist wie das Vermögen, das palästinensische Flüchtlinge in Israel zurückließen. Nachweislich umfasste der jüdische Landbesitz in arabischen Ländern ungefähr 100.000 Quadratkilometer. Der Staat Israel hat eine Fläche von 20.770 Quadratkilometern.


Ungefähr fünfzig Prozent der heutigen israelischen Bevölkerung sind „Misrachi-Juden“, die aus arabischen Ländern stammen. „Wir sind das Gesicht Israels“, sagen sie von sich selbst und verweisen darauf, dass die Vereinten Nationen 687 Resolutionen zum arabisch-israelischen Konflikt verabschiedet hätten. In 101 Resolutionen gehe es um die Flüchtlingsfrage – aber nur um die palästinensische. Keine einzige der UNO-Resolutionen habe sich jemals um die jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern bemüht. Im Sommer 2000 in Camp David erwähnte US-Präsident Bill Clinton diese Sachlage und schlug vor, eine internationale Stiftung solle alle Flüchtlinge des Nahostkonflikts, Juden und Araber, entschädigen. Mordechai Ben-Porat ist stolz auf diese diplomatische Errungenschaft.


"Eigener Staat ist besser als Geld"


Schaike Amiga erinnert sich daran, wie er als 13- oder 14-Jähriger seinen Großvater Schaya einmal fragte: „Saba, warum hast Du es nicht wie die Familie Safra gemacht. Die sind nach Südamerika geflohen und haben ihren ganzen Reichtum mitgenommen?!“ Da antwortete der Großvater, „Yeschajahu, siehst du dort das Krankenhaus, das Schaarei-Zedek-Krankenhaus? Das haben Juden gebaut! Siehst Du dort die Talmudschule Porat Yosef? Die gehört uns. Niemand verfolgt uns hier. Wir feiern den Sabbat und unsere Feste. Niemand stört uns. Siehst Du dort die Schule, in die all die jüdischen Jungen und Mädchen gehen? Niemand verprügelt sie auf dem Schulweg! Niemand schreit ihnen ‚verrückter Jude’ nach! Und sieh dort die Synagoge Magen David?“ „Mein Großvater sah mich voller Stolz an“, erinnert sich der Auspufffabrikant aus Talpiot, „Was ist Geld?! Die Safras sind reich. Aber wir haben einen Staat für das jüdische Volk. Das ist viel besser!“

Von: Johannes Gerloff (Jerusalem)

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