Besondere Ehre: Bundeskanzlerin Merkel am Dienstag in der Knesset (Foto: GPO)

Merkel in Israel: Ein neues Kapitel und stehender Applaus

Angela Merkel hat bei ihrem Israelbesuch vom 16. bis 18. März die Herzen ihrer israelischen Gesprächspartner gewonnen – soweit sie nicht bereits längst als Freundin des jüdischen Staates bekannt war. Der Hauptgrund dafür ist, dass die deutsche Bundeskanzlerin nicht mit Vorurteilen und Vorverurteilungen, sondern mit einem offenen Ohr auftrat.

Von Johannes Gerloff (Jerusalem)

 

Bundeskanzlerin Merkel ist es gelungen, den israelischen Gesprächspartnern das Gefühl zu vermitteln, dass sie sich um ein Verstehen der Lage Israels bemüht. Da der Besuch aus Anlass der 60-jährigen Unabhängigkeit Israels stattfand, war eine Visite der Palästinensischen Autonomie bewusst ausgeklammert.

 

In keiner Rede fehlte die Bedrohung, der sich der jüdische Staat ausgesetzt sieht. Kompromisslos wandte sich die Kanzlerin an die, die das Existenzrecht des jüdischen Staates Israel ablehnen. In der Knesset erklärte sie: „Die Kassam-Angriffe der Hamas müssen aufhören. Terrorangriffe sind ein Verbrechen, und bringen keine Lösung.“ Und bei einem Empfang zu Ehren des Jubiläums des Staates Israel: „Nicht die Welt muss Iran beweisen, dass der Iran die Atombombe baut. Iran muss die Welt überzeugen, dass er die Atombombe nicht will.“ Merkel ist überzeugt: „Die Bedrohung des israelischen Staates ist auch eine Bedrohung für uns.“

 

Ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen beiden Ländern stellen die ersten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen dar. Zu diesem Zweck war Merkel mit mehr als der halben deutschen Regierung angereist. Der Fernsehjournalist und Deutschlandexperte David Witztum hatte genau nachgerechnet: „Sie hat eine Mehrheit für jede Entscheidung, die hier einstimmig getroffen wird.“ Das Versprechen, dass diese Konsultationen beider Regierungen miteinander künftig jährlich stattfinden sollen, verpflichtet auch künftige deutsche und israelische Regierungen zu einem direkten Austausch – ganz unabhängig von Wahlergebnissen in Berlin oder Jerusalem. Gerade angesichts der immer wieder betonten Besonderheit der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel kann diese Einrichtung künftig nicht ohne Konsequenzen ausgesetzt werden.

 

Ganz bewusst war der ersten gemeinsamen deutsch-israelischen Kabinettssitzung in Jerusalem ein Besuch der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem vorausgegangen. Die Physikerin aus dem Mecklenburgischen scheut sich nicht, ihre besondere Erfahrung als ehemalige DDR-Bürgerin mit einzubringen. Ihrer Ansicht nach erwächst über den Völkermord am jüdischen Volk während des Dritten Reiches hinaus eine besondere Verantwortung aus der Tatsache, dass die DDR den Staat Israel bis kurz vor ihrem Ende nicht anerkannt hatte. Im Blick auf die Schoah meinte sie: „Nur wenn Deutschland sich zu seiner immerwährenden Verantwortung für die moralische Katastrophe in der deutschen Geschichte bekennt, können wir die Zukunft menschlich gestalten.“ Ganz praktisch veranlasste die Kanzlerin während ihres dreitägigen Besuches Weichenstellungen, die in ganz unterschiedlichen Bereichen die deutsch-israelischen Beziehungen weiter ausbauen.

 

Der Höhepunkt ihres Besuchs war aber zweifellos die Rede vor dem israelischen Parlament kurz vor ihrem Abflug nach Deutschland. Nach anfänglichem Kampf mit dem Übertragungsgerät lauschte Frau Merkel aufmerksam ihren Vorrednern: Der Knessetsprecherin Dalia Itzik, Premierminister Ehud Olmert und Oppositionsführer Benjamin Netanjahu. Die Einladung, vor der Knesset zu sprechen, war bislang ausschließlich Staatsoberhäuptern vorbehalten. Angela Merkel ist die erste ausländische Regierungschefin, die vor der israelischen Legislative das Wort ergreifen durfte.

 

Bis wenige Minuten vor ihrer Rede wurde im Plenum noch darüber diskutiert, ob es angebracht sei, die deutsche Regierungschefin in ihrer Muttersprache zu Wort kommen zu lassen. Zwei Abgeordnete blieben dem Ereignis dann auch demonstrativ fern. Netanjahu bemühte sich zu erklären, dies sei nicht als persönlicher Affront gemeint. Für manche Anwesende sei es einfach noch zu schwer, das zu ertragen, für was die deutsche Sprache stehe. Ansonsten gebe es niemanden im Raum, der nicht wisse, wie sehr sich Deutschland „von Adenauer über Helmut Kohl bis zu Ihnen als zuverlässiger Freund Israels erwiesen“ habe.

 

Den ersten Satz – „ich danke Ihnen, hier zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich empfinde dies als eine große Ehre“ – sprach Deutschlands erste Kanzlerin auf hebräisch. Das wurde mit einem stürmischen Applaus quittiert – in einem Haus, wo zwar Schimpfen und einander Beschimpfen erlaubt, das Klatschen aber ausdrücklich untersagt ist. Die gesamte Rede wurde von israelischen Medienvertretern spontan als „ausgesprochen pro-israelisch“ und ermutigend kommentiert. Das war wohl auch der Eindruck der anwesenden Zuhörer, die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem stehenden Applaus verabschiedeten.

Von: Johannes Gerloff