Was ist in Kana wirklich passiert?

Die Verurteilungen, die Empörung, die Bestürzung und die Entschuldigungen waren unüberhörbar. Was das „Massaker von Kana“ bewirkt hat, weiß heute jeder. Die israelische Außenministerin Zipi Livni bezeichnete die Ereignisse von Kana als „Wendepunkt, der eine problematische Dynamik gegen Israel“ in Gang gesetzt habe. Einige europäische Außenminister forderten einen sofortigen Waffenstillstand. Israel sah sich durch die Ereignisse in Kana gezwungen, seine Luftangriffe auf den Libanon für 48 Stunden auszusetzen, quasi ein einseitiger Waffenstillstand, der allerdings nie richtig eingehalten wurde.

Aber was ist in Kafr Kana, einem kleinen Städtchen ungefähr zehn Kilometer nördlich der israelischen Grenze im Südlibanon gelegen, in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 2006 tatsächlich geschehen? Am 2. August veröffentlichte die israelische Armee einen Untersuchungsbericht, der folgenden Geschehensverlauf beschreibt: Um 0.52 Uhr sollen im Rahmen eines israelischen Luftangriffs auf Kana zwei Raketen auf das besagte Gebäude abgefeuert worden sein, von denen die erste explodierte, die zweite offensichtlich nicht. Die israelische Armee verweist darauf, dass seit dem 12. Juli mehr als 150 Raketen aus Kana und seiner unmittelbaren Umgebung auf Israel abgefeuert worden waren, und belegt dies auch durch Filme, die sehr schnell an die internationalen Medien freigegeben wurden.

Die Einwohner von Kana waren vor dem israelischen Angriff mehrfach durch unterschiedliche Medien aufgefordert worden, die Gegend zu evakuieren. Trotzdem haben sich offensichtlich Zivilisten in dem Zielgebäude aufgehalten, die der Evakuierungsaufforderung der Israelis keine Folge geleitet hatten. „Die israelische Armee agierte aufgrund der Information, dass das Gebäude nicht von Zivilisten bewohnt war und Terroristen als Versteck diente“, betont der israelische Untersuchungsbericht. „Hätten Informationen darauf hingewiesen, dass Zivilisten im Gebäude waren, wäre der Angriff nicht durchgeführt worden.“

Der israelische Generalstabschef Dan Chalutz äußerte sein Bedauern darüber, dass Zivilisten zu Schaden gekommen sind. Betonte gleichzeitig aber, dass der Kampf gegen Terroristen, die Zivilisten als menschliche Schutzschilde verwendeten und absichtlich aus zivilen Dörfern heraus operierten, viel schwieriger sei als jede herkömmliche Kriegführung und die Armee sowohl vor taktische als auch ethische Herausforderung stelle.

Bereits am Abend des 30. Juli hatte der Sprecher der israelischen Armee die Opferangaben in der arabischen Presse, wo von teilweise mehr als 60 Todesopfern die Rede war, in Frage gestellt. Noch am 3. August ist in mehreren israelischen Tageszeitungen von bis zu 60 Zivilisten die Rede, die in Kana ums Leben gekommen sind. Der Untersuchungsbericht der israelischen Armee nimmt keine Stellung zu den Opferzahlen.

Dagegen bestätigte das Internationale Komitee des Roten Kreuzes schon am Tag des Vorfalls und bestätigte erneut drei Tage später, dass 28 Leichen aus den Trümmern geborgen wurden. Das IKRK berief sich dabei auf den libanesischen Zivilschutz und auf das libanesische Rote Kreuz. Die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ erklärt, dass sich die ursprünglichen Angaben über Todesopfer auf die Aussage von Muhammad Mahmud Schalhub begründeten. Der 63-jährige Landwirt, selbst Überlebender des Angriffs, hatte behauptet, zum Zeitpunkt der Explosion eine Stunde nach Mitternacht hätten sich 63 Personen der Großfamilien Schalhub und Haschim in dem Gebäude aufgehalten. Rettungsteams hatten dann neun Überlebende identifiziert. Mittlerweile ist aber klar, dass 22 Menschen entkommen konnten. 13 Personen werden noch immer vermisst. Trotzdem wurden laut Human Rights Watch die Bergungsarbeiten in Kana eingestellt.

Noch vor Abschluss einer israelischen Untersuchung gibt es im Internet Stimmen aus dem Libanon, die die Hisbollah für das Drama von Kana verantwortlich machen. Die christlich orientierte, libanesische Internetseite www.libanoscopie.com beschuldigt die Hisbollah, einen Plan in Kana umgesetzt zu haben, der durch den Tod von vielen unschuldigen Zivilisten den Siebenpunkteplan des libanesischen Premierministers Fuad Siniora, der eine Entwaffnung der Hisbollah und eine Stationierung der libanesischen Armee im Süden des Landes beinhaltet, untergraben sollte. Die anti-syrisch eingestellte Seite, die von Christen betrieben wird, behauptet, Hisbollah-Kämpfer hätten auf dem Dach des Hauses eine Raketenabschussrampe installiert und gleichzeitig behinderte Kinder in dem Haus untergebracht, wohl wissend, dass die Israelis auch zivile Ziele nicht scheuten, um Raketen außer Gefecht zu setzen.

Auch in verschiedenen pro-israelischen Internet-Blogs wird die Darstellung der Ereignisse in Kana in Frage gestellt. Vermutungen, die ganze Sache sei nur ein geschickter Medientrick der Hisbollah, werden mit Bildanalysen untermauert. Ein zehn Meter hohes Plakat, das die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice im Zusammenhang mit dem „Massaker von Kana“ darstellt, ist nach Auffassung von Druckexperten so schnell aufgetaucht, dass es eigentlich schon vor dem 30. Juli hergestellt worden sein müsste. Und schließlich gibt es Augenzeugenberichte, die neben dem israelischen Bombardement um ein Uhr nachts, von einer weiteren Explosion um 8 Uhr morgens berichten. Wurde dabei die nach Angaben der israelischen Armee nach Mitternacht nicht explodierte Rakete gezündet, oder ist diese Explosion ein Hinweis auf ein Waffenlager in dem Wohnblock?

Der genaue Ablauf des Dramas von Kana wird vermutlich nie ans Licht kommen, wie so viele Einzelheiten eines Krieges. Zu groß sind die Wirren und vor allem auch die propagandistischen Interessen aller Beteiligten. Gewiss ist indes, dass Kafr Kana als Symbol für den Krieg der Hisbollah gegen Israel geradezu prädestiniert war. Am 18. April 1996 waren in Kafr Kana durch israelisches Artilleriefeuer im Rahmen der Militäraktion „Trauben des Zorns“ mehr als 100 libanesische Zivilisten ums Leben gekommen. Diese Fehlkalkulation machte den damaligen israelischen Premierminister Schimon Peres letztlich zum Wahlverlierer gegen seinen Herausforderer Benjamin Netanjahu.

Von: Johannes Gerloff (Jerusalem)

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