Abdel Asis Rantisi, Medienstar der Hamas

"Wir warten alle auf den letzten Tag unseres Lebens, sei es durch eine Rakete oder durch Krebs", meinte Abdel Asis Rantisi in einem seiner letzten Fernsehinterviews. "Tod ist Tod, da ist kein Unterschied, sei es durch einen Apache-Helikopter oder durch Herzanschlag. Ich ziehe einen Apache vor..." Am späten Abend des 17. April 2004 hat ihm die israelische Luftwaffe diesen Wunsch erfüllt. Als zwei Raketen den weißen Subaru des Hamas-Führers vollkommen zerstörten, starben mit Rantisi zwei seiner Leibwächter.

Abdel Asis al-Rantisi wird im Oktober 1947 in Jubna, das heute in Israel, in der Nähe von Jaffa liegt, geboren. Während des israelischen Unabhängigkeitskrieges flieht seine Familie Mitte 1948 in den Gazastreifen. Dort wächst Abdel Asis im Flüchtlingslager Chan Junis auf.

 

In den 70er Jahren macht Abdel Asis Rantisi an der Universität Alexandria in Unterägypten eine Ausbildung zum Kinderarzt. In seiner Studienzeit kommt er in Berührung mit der Ichwan, der radikal-islamischen Muslimbruderschaft, die 1928 in Ägypten gegründet wurde und seit den 40er Jahren im Gebiet des britischen Mandats Palästina und seinen Nachfolgestaaten tätig ist.

 

1976 kehrt er aus Ägypten nach Gaza zurück, schließt sich offiziell der Ichwan an und findet nach der Eröffnung der Islamischen Universität Gaza im Jahre 1978 dort Arbeit. 1983 wird Rantisi von den Israelis als Leiter der Kinderabteilung des Krankenhauses von Chan Junis entlassen. In der Folgezeit wird er verschiedentlich von Israel verhaftet. In den letzten Jahren wohnte der Vater von sechs Kindern in Gaza-Stadt, im Stadtteil Sheich Radwan.

 

Im August 1988 gründet Dr. Abdel Asis Rantisi gemeinsam mit Sheich Ahmed Jassin, Abdel Fattah Duchan, Mohammed Schama, Ibrahim al-Jasur, Isa al-Nadschar und Salah Schehadeh die "Harakat al-Muqawamah al-Islamiyya", die "Islamische Widerstandsbewegung", abgekürzt "Hamas". Das arabische Wort "Hamas" bedeutet soviel wie "Begeisterung", "Enthusiasmus", "Eifer", "Mut" oder auch "Heldentat". In der hebräischen Bibel taucht das Wort ebenfalls auf, allerdings mit der Bedeutung "Gewalttat".

 

Im Dezember 1992 wird Abdel Asis Rantisi gemeinsam mit 414 anderen Hamas-Aktivisten von Israel nach Mardsch al-Suhur in den Südlibanon deportiert. Bald fällt der Kinderarzt als Sprecher der deportierten Islamisten auf. Im Rückblick bezeichnete Rantisi Mardsch al-Suhur als Wendepunkt: "Danach erschien Hamas auf der internationalen Bühne." In dieser Zeit erlernten die Hamas-Aktivisten von ihren Gesinnungsgenossen der schi’itischen Hisbolla die Technik der Selbstmordattentate. Nach seiner Rückkehr muss Rantisi noch einmal bis zum April 1997 in israelische Haft.

 

Nach der Rückkehr in die begrenzte Freiheit des Gazastreifens und auf die politische Bühne des Nahen Ostens profiliert sich Dr. Abdel Asis Rantisi als "Gesicht der Hamas". Wann immer die radikal-islamische Hamas-Bewegung an die Öffentlichkeit tritt, ist auch Rantisi mit dabei. Bald gehört sein Gesicht zu den vertrauten Gegebenheiten der Fernsehaufnahmen aus den Palästinensischen Autonomiegebieten. Seit Jahren ist der Hamas-Sprecher einer der populärsten Palästinenserführer, wenn man arabischen Umfrageergebnissen vertrauen darf.

 

Von Anfang an lehnten diese Islamisten jede Verständigung mit dem "zionistischen Feind" rundweg ab. Als "Märtyreroperationen" rechtfertigte der Medienstar die Selbstmordoperationen palästinensischer Terroristen. Seit Beginn der "Al-Aksa-Intifada" hat die Hamas nach Armeeangaben 425 Anschläge auf israelische Ziele, darunter 53 Selbstmordattentate, verübt, durch die 377 Menschen ums Leben kamen und 2.076 verletzt wurden.

 

"Das ist kein Terror", verteidigte Dr. Rantisi den Kurs seiner Bewegung im Januar 1998 in einem Interview mit der arabischen Zeitung "Kul al-Arab", "das ist eine Antwort auf den israelischen Terror, von Einzelnen und der israelischen Regierung, gegen palästinensische Zivilisten." Er versprach: "Wenn Israels aggressive Aktionen des Tötens, des Aushungerns, der Inhaftierung und des Siedlungsbaus aufhört, werden wir auch unsere Operationen gegen israelische Zivilisten einstellen."

 

Aus westlicher Sicht könnte man diese Aussagen als Rückzugsforderung an Israel auf die Waffenstillstandslinien von 1967 missverstehen. Aber der Hamas-Sprecher erteilte jedem Kompromiss eine eindeutige Absage: "Das ganze Land Palästina ist Teil des islamischen Glaubens und der Kalif Omar bin al-Chattab erklärte das Ganze als den Muslimen gehörig." Der erhobene Zeigefinger gilt auch verständigungsbereiten Volksgenossen: "Deshalb hat kein Einzelner und auch keine Gruppe das Recht, es zu verkaufen oder aufzugeben." Es ist kein Zufall, daß die Hamas Ende der 80er Jahre ihre militärische Laufbahn damit begann, vor allem Palästinenser, die der Gesprächsbereitschaft mit Israel verdächtigt wurden, zu ermorden.

 

Im Juli 2000 wird Abdel Asis Rantisi erstmals von der Palästinensischen Autonomiebehörde verhaftet, weil er die palästinensisch-israelischen Gespräche im amerikanischen Camp David als "Akt des Verrats" bezeichnet. Konsequent lehnt die von Rantisi vertretene Hamas-Führung jede Nahostfriedensinitiative ab.

 

Für eine "friedliche" Lösung des Nahostkonflikts ist Dr. Abdel Asis Rantisi trotzdem durchaus aufgeschlossen. So rief er Mitte August 2002 die Israelis mit (aus seiner Sicht wohl) versöhnlichem Unterton dazu auf, in ihre Ursprungsländer zurückzukehren, aus denen sie in den vergangenen 150 Jahren nach Israel eingewandert sind. Einzig ein "judenreines" Heiliges Land, abgesehen vielleicht von einer jüdischen Minderheit, die sich islamischem Recht unterwirft, kann aus seiner Sicht Frieden genießen.

 

Als versöhnliche Geste werteten ausländische Beobachter das wiederholte Angebot einer "hudna", eines "Waffenstillstandes", durch die Hamas. Den Israelis aber ist eine "hudna" nicht ausreichend, weil sie genau wissen, dass die von der Hamas-Bewegung vertretene islamische Theologie die Aufhebung des Waffenstillstandes verlangt, sobald der ungläubige Gegner und Besatzer islamischen Bodens schwach und damit besiegbar erscheint.

 

Unmittelbar nach der Tötung des Gründungsvaters und geistlichen Leiters der Hamas, Scheich Ahmed Jassin, am 22. März 2003 trat Rantisi dessen Nachfolge an. Doch er war kaum mehr als zwei Wochen Führer der radikal-islamischen Bewegung, als ihn die israelischen Raketen trafen.

 

Es gibt keinen Erben für Dr. Abdel Asis Rantisi. Rantisi fehlte das religiöse und persönliche Format seines Vorgängers Jassin. Aber weder Said Siam oder Mahmud a-Sahar, die jetzt von der politischen Hamas-Führung noch übrig sind, noch Ismail Hania, der ehemalige Bürochef von Scheich Ahmed Jassin, haben die Autorität von Rantisi. Deshalb ist die Tatsache, dass jetzt auch er einem israelischen Raketenangriff zum Opfer gefallen ist, ein Schlag, den Hamas nur schwer ausgleichen kann. Da die Hamas seit ihrer Gründung in kleinen, von einander unabhängigen und geheim operierenden Gruppen organisiert ist, hat diese erfolgreiche israelische Militäraktion allerdings keine unmittelbare Auswirkung auf die militärischen Möglichkeiten der radikalen Islamisten.

Von: Johannes Gerloff (Jerusalem)

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