"Der Einsturz einer Mauer neben der Westmauer ist nur der Anfang" titelte die hebräische Tageszeitung "Ha'aretz" am 16. Februar auf der ersten Seite. In der Nacht vom 14. auf den 15. Februar war kurz nach Mitternacht die Stützmauer am Aufgang zum Mughrabi-Tor auf einer Länge von etwa zehn Metern abgerutscht. Große Gesteinsbrocken fielen in den Frauenteil des heiligsten Ortes des Judentums, der Klagemauer.

 

Zu der späten Nachtstunde des Einsturzes waren ungefähr 150 Frauen zum "Nischmat-Gebet" an der Mauer. Da sie sich alle auf dem nördlichen Teil des Geländes befanden, nahe der Trennung zum Männerteil wurde niemand verletzt. Unmittelbar nach dem Einsturz wurde der Frauenbereich der Westmauer gesperrt. Mittlerweile ist ein Teil wieder für die Beterinnen freigegeben. Für nicht-muslimische Touristen bleibt der Zugang zum Tempelberg bis zur Behebung des Schadens gesperrt.

 

Das "Marokkanertor", wie "Mughrabi-Tor" übersetzt heißt, liegt etwas nördlich vom Südwesteck an der Westseite des Tempelbergs. Die eingestürzte Mauer, die vor etwa einem halben Jahrtausend von den Mamelukken gebaut worden war, ist praktisch die Südbegrenzung des Frauenbereichs an der sogenannten Klagemauer.

 

Die Altertumsbehörde des Staates Israel führt den Einsturz der Mughrabi-Mauer auf das Erdbeben zurück, das vier Tage zuvor Israel und seine Nachbarländer erschüttert hatte. Das Epizentrum des Bebens mit einer Stärke von 5,1 auf der Richterskala lag am Nordende des Toten Meeres, nur wenige Kilometer von Jerusalem entfernt. Der starke Regen und vor allem auch der Schneefall in der vorangegangenen Nacht hatten offensichtlich ein Übriges getan, um die Mauer abrutschen zu lassen.

 

Der Einsturz dieser Mauer ist kein Einzelfall in der letzten Zeit. Vor einigen Monaten stürzte auf dem Tempelberg die Westmauer des islamischen Museums ein, das unweit der Südwestecke des Komplexes liegt. Seit zwei Jahren bemühen sich jordanische Experten darum, einen größeren Schaden an der Südmauer zu beheben. Dort hatte sich die Umfassungsmauer des Tempelberges nach außen gewölbt.

 

Nach Ansicht des jordanischen Expertenteams besteht auch ein statisches Problem an der Ostmauer. Zwischen der Südostecke des Tempelberges und dem Goldenen Tor verläuft ein 60 Meter langer Riss. Bereits vor Jahrzehnten hatten Forscher auf dieses Problem aufmerksam gemacht. In jüngster Zeit soll sich der Zustand dieses Mauerabschnitts ebenfalls verschlechtert haben.

 

"Ein großer Zusammenbruch, der eine schwere Katastrophe nach sich zieht, ist", nach Ansicht der Archäologin Dr. Eilat Masar, "nur eine Frage der Zeit." Die Wissenschaftlerin, die unter anderem dem "Ausschuss zur Verhinderung von Zerstörungen von Antiquitäten auf dem Tempelberg" angehört und ein Projekt der Hebräischen Universität Jerusalem zur Veröffentlichung der Tempelbergfunde leitet, mahnt eine umfassende und vor allem möglichst schnelle Überprüfung des gesamten Tempelbergkomplexes an. Masar erinnert daran, dass bereits 1927 ein Erdbeben der Struktur des Felsendomes und der Al-Aqsa-Moschee erheblichen Schaden zugefügt hat. Seither sei keine gründliche Inspektion der Fundamente der Gebäude durchgeführt worden.

 

Dem muslimischen Waqf, der Behörde, die für den Haram a-Scharif, wie die Muslime den Tempelberg nennen, verantwortlich ist, wirft Masar vor, sich einer ordentlichen Inspektion zu entziehen. Im Fokus des Vorwurfs stehen Bauarbeiten an einer unterirdischen Moschee in den sogenannten Pferdeställen Salomos im südöstlichen Bereich des Tempelberges in der Nähe der Al-Aqsa-Moschee.

 

Vertreter des Waqf weisen diese Vorwürfe entschieden zurück. Die islamischen Geistlichen machen die Ausgrabungen israelischer Archäologen im Umfeld des Tempelberges für die Verschlechterung des Zustandes der Bausubstanz verantwortlich. Radikale Palästinenser haben bereits Rache für die zerstörerischen Aktivitäten der Juden angedroht.

 

Schmu'el Rabinowitsch, der für die Westmauer verantwortliche Rabbiner, verwies darauf, dass auch das elektrische System des Geländes erheblichen Schaden erlitten hat. Deshalb wurden Torahrollen zeitweise an einem anderen Ort untergebracht. Die Äußerung der Archäologin Masar bezeichnete Rabinowitsch allerdings als unverantwortlich. Sie vermittelten den Eindruck, der Platz vor der Westmauer sei unsicher.

 

Bereits im Sommer 1968 hatte ein israelisches Archäologenteam unter Leitung von Professor Benjamin Masar empfohlen, die Rampe zum Mughrabi-Tor abzutragen und einen neuen Zugang zum Tempelberg durch das darunter liegende Berkley-Tor zu öffnen. In der Mischna, dem Kerndokument des jüdischen Talmuds aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, wird dieses Tor unter dem Namen "Kipponus-Tor" als einer von fünf Zugängen zum Tempelkomplex erwähnt. Das Vorhaben scheiterte Ende der 60er Jahre am Widerstand der muslimischen Geistlichkeit.

 

Die Bewegung "Getreuen des Tempelberges" unter Leitung von Gerschon Salomon deutet diese Vorfälle in der letzten Zeit als "klare Botschaft Gottes". In biblischer Zeit hätten Millionen von jüdischen Pilgern den Tempelbezirk durch das Kipponus-Tor von Westen her betreten. Das Goldene Tor an der Ostseite war der Zugang für die Priester und Leviten. Nach jüdischer Tradition soll der Messias durch dieses Tor auf den Tempelberg einziehen.

 

"Die Botschaft ist klar", meint Gerschon Salomon, "Gott möchte die Tore öffnen, die durch die Geschichte der Muslime und Araber hindurch verschlossen waren, für sein Volk Israel." Salomon sieht diese Ereignisse als Zeichen der Endzeit, die letztendlich dahin führen werden, dass Gott selbst die fremden Moscheen auf dem Tempelberg durch ein Erdbeben zerstören und so den Weg zum Bau des jüdischen Endzeittempels freimachen wird.

 

Weiter zitiert Salomon den ehemaligen Oberrabbiner Schlomo Goren, Gott habe von der israelischen Regierung nach der Befreiung des Tempelberges im Jahre 1967 erwartet, dass sie die Moscheen beseitige. 37 Jahre habe Gott gewartet, bis er jetzt selbst das zu tun beginnt, was er vor Tausenden von Jahren durch den biblischen Propheten Sacharja verheißen hat (Sacharja 14,3-11.21).

 

Verbunden mit den Rissen im israelischen Parlamentsgebäude, der Knesset, sieht Gerschon Salomon eine eindeutige Botschaft Gottes an Premierminister Ariel Scharon, "die göttliche Aufgabe zu erfüllen, den Tempelberg zu erlösen und mit dem Bau des endzeitlichen Tempels Gottes zu beginnen". Außerdem deuten die Getreuen vom Tempelberg diesen Zusammenhang als Warnung Gottes an die israelische Regierung, von der Räumung jüdischer Siedlungen im biblischen Kernland Judäa, Samaria und dem Gazastreifen abzusehen.

 

Interessanterweise hatte selbst die links-liberale hebräische Tageszeitung "Ha´aretz", die jeglicher Endzeitspekulation unverdächtig ist, bereits nach dem Erdbeben am 11. Februar an die Prophezeiungen des Propheten Sacharja und das mit einem Erdbeben verbundene Kommen des Messias erinnert.

Von: Johannes Gerloff (Jerusalem)

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