Schon Julius Caesar sang ein Loblied auf den südlichsten Benelux-Staat: "Von diesen allen sind die Belger die tapfersten, deswegen weil sie von der Lebensweise und Bildung der römischen Provinz entfernt sind, keineswegs bei ihnen Kaufleute häufig ein- und ausgehen und das einführen, was zur Verweichlichung der Gemüter dient."

 

Wir kennen diese Worte aus dem klassischen "Bello Gallico" - oder zumindest aus dem Asterix-Heft.

 

In diesen Tagen schicken sich die tapferen Belgier nun an, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde zu retten. In diesem Zusammenhang soll Israels Premierminister Ariel Sharon vor einem belgischen Gericht erscheinen und dort aussagen, was sich im September 1982 in Beirut zugetragen hat.

 

Damals hatten christliche Falangisten den Tod des gewählten Präsidenten Bashir Gemayel gerächt, dem vermutlich Palästinenser eine Bombe unterschoben. Als die israelischen Besatzer wegschauten, verübten die Falangisten ein Massaker in den Palästinensersiedlungen Sabra und Shatila.

 

Dafür soll Sharon nun der Prozeß gemacht werden, denn er war damals Verteidigungsminister. Er war freilich weder vor Ort noch gab er Befehle. Das stört die Kläger nicht, die den Fall nun in Belgien verhandeln wollen.

 

Das belgische Recht hat eine Besonderheit: Die Gerichte des Königreichs können sich auch mit internationalen Verstößen befassen.

 

Wie die belgische Zeitung "Le Soir" meldete, soll der belgische Botschafter in Israel, Wilfried Geens, die Vorladung in nächster Zeit Sharon überreichen. Eine weitere Vorladung sei an "einen ranghohen Beamten des Verteidigungsministeriums" gerichtet. Das Gericht entscheidet am 28. November über die Zulässigkeit der Klage.

 

Klar ist, daß Sharon nicht hingehen wird. Unklar ist, wie sich die belgische Regierung in dem Streit verhält. Während Minister im Kabinett des Liberalen Guy Verhofstadt sich zunächst peinlich berührt zeigten, wollen sie nun doch der Justiz freie Hand lassen.

 

Das heißt in Belgien schon einiges. Schließlich lautet ein Vorwurf, in den Untersuchungen gegen Kinderschänder und -mörder Marc Dutroux habe die Justiz keine freie Hand. Fünf Jahre nach der Festnahme dieses Mannes gibt es noch immer keinen Prozeß.

 

Am Rande bemerkt: Noch ist zudem unklar, wer den Auftrag zur Ermordung des sozialistischen Parteichefs André Cools 1991 gab. "Belgien durchlitt in den vergangenen zehn Jahren eine chronique scandaleuse, voll von Unglück und Ungeheurem", konstatierte "Die Zeit".

 

Kaum ein Lebensmittelskandal der letzten Jahre wurde von den Belgiern ausgelassen – und an der Sprachgrenze stießen zwei Züge zusammen, weil sich die flämischen und wallonischen Beamten am Telefon nicht verstanden.

 

"Kein Wunder, daß die Ehrgeizigen dem Land den Rücken kehren, der Sänger Jacques Brel etwa oder der Maigret-Erfinder Georges Simenon oder die Comicdetektive Tim und Struppi, die sich lieber auf dem Mond ins Abenteuer stürzen als in den Gassen Lüttichs oder Antwerpens", meint "Die Zeit".

 

Nun aber wissen wir es: Justizia kommt aus Belgien. Nur ob sie Französisch oder Flämisch spricht, wissen wir nicht. "Belgisch" redet die Dame mit den verbunden Augen aber nicht, weil es diese Sprache nicht gibt.

 

Israels Regierung setzt aufs Abwarten und auf Verhandlungen. Vielleicht, so hofft man in Sharons Umgebung, ist am Ende doch alles halb so schlimm.

 

Jerusalems Bürgermeister Ehud Olmert ist soviel Rücksichtnahme suspekt. Der Likud-Politiker empfahl seinem Freund Sharon, "Würde zu bewahren" und nicht mehr mit Belgiens Premier Guy Verhofstadt zu reden. Statt dessen solle er den uneinsichtigen Belgier "zur Hölle jagen".

Von: Chefredakteur Christoph A. Zörb