Keine Ruhe an der Klagemauer

JERUSALEM (inn) – Zu Beginn des neuen jüdischen Monats Kislev haben sich am Morgen des 4. November erneut einige Hundert Frauen an der Klagemauer versammelt, um mit lauter Stimme zu singen und, mit Kippa und Gebetsmantel bekleidet, zu beten. Die Organisation „Frauen von der Klagemauer“ feiert an diesem Monatsbeginn ihr 25-jähriges Bestehen.
An diesem Teil der Klagemauer dürfen Frauen und Männer nach nicht-orthodoxen Regeln beten.

Foto: mh, Israelnetz

An diesem Teil der Klagemauer dürfen Frauen und Männer nach nicht-orthodoxen Regeln beten.

Am Montag hielten mehrere Hundert Frauen ihren Morgengottesdienst zum „Rosch Chodesch“, dem Monatsanfang, ab. Hinter dem Frauenbereich standen einige Hundert Männer, um die Frauen zu unterstützen.
Dem Aufruf eines ultraorthodoxen Rabbiners vom Vorabend zum Protest waren weniger Frauen gefolgt als in den vergangenen Monaten. Als die Frauen ihren Gottesdienst mit Liedern begannen, wurden sie von religiösen Frauen innerhalb des Frauenbereichs sowie ultraorthodoxen Männern außerhalb des Gebiets mit lauten Schmährufen und Trillerpfeifen gestört. Auf der Männerseite las jemand die Torah mit Mikrofon vor, sodass die Männerstimme die der Frauen übertönte. Es kam vermehrt zu Rangeleien, allerdings gab es keine physischen Übergriffe.
Unter dem Schutz der Polizisten sowie Soldatinnen wurde der Gottesdienst fortgesetzt. Viele der Beterinnen waren amerikanische Juden, eine Gruppe erschien mit Mützen, auf denen stand „Israel-Experts“. Außerdem hatte jede der Teilnehmerinnen einen Gebetsschal, die alle nach gleichem Muster gefertigt waren. „Seit 25 Jahren kämpfen Frauen für ihre Rechte. Nun an diesem besonderen Gottesdienst teilnehmen zu dürfen, ist etwas ganz Besonderes“, sagte eine der Frauen.
Dabei hatte sich Anfang Oktober die Reformbewegung „Frauen von der Klagemauer“ bereiterklärt, ein neu eingerichtetes Areal südlich der traditionellen „Klagemauer“ für ihre Gebete zu nutzen. Jedoch sollten dafür bestimmte Bedingungen erfüllt werden. Ende Oktober präsentierten die Frauen dann ihre Forderungen. Solange diese nicht erfüllt seien, würden sie ihre allmonatlichen Gottesdienste auch weiterhin im traditionellen Frauenbereich der Mauer abhalten.

Hintergrund

Bisher ist Männern an der ehemaligen Westmauer des jüdischen Tempels ein 48 Meter breites Areal zugeteilt, das der Frauen ist lediglich zwölf Meter breit. Ende August eröffnete Wirtschaftsminister Naftali Bennett einen dritten Teil, an dem Frauen und Männer nach nichtorthodoxen Regeln beten dürfen. Der Bereich befindet sich zwischen Mughrabibrücke und Robinson-Bogen am südlichen Teil der Mauer und soll unter der Obhut eines Gremiums stehen, das aus mehreren Denominationen besteht.
Bisher wird die Klagemauer von „HaKeren LeMoreschet HaKotel“, der „Stiftung zum Erbe der Klagemauer“ verwaltet, die strenge Regeln aufstellt. Mitarbeiter dieser Stiftung achten darauf, dass Frauen an der Klagemauer keusch gekleidet sind, und sich auch sonst „angemessen“ benehmen. Über das, was als „angemessen“ gilt, gibt es seit Jahren Diskussionen. Die Initiative „Frauen von der Klagemauer“ tritt dafür ein, genau wie Männer, den jüdischen Gebetsschal Tallit und die Gebetsriemen Tefillin tragen zu dürfen. Außerdem wollen sie laut singen sowie aus der Torah-Rolle vorlesen dürfen. Zu Beginn jeden jüdischen Monats erscheinen die Frauen als Gruppe, um ihre Forderungen in die Tat umzusetzen. Aufgrund der Proteste der ultraorthodoxen Gläubigen kam es in jüngster Zeit immer wieder zu Auseinandersetzungen und Verhaftungen von Mitgliedern der Gruppe.
Im April 2013 hatte das Jerusalemer Gericht verkündet, dass das Tragen des Gebetsschals sowie lautes Gebet durch Frauen weder die ortsüblichen Gepflogenheiten verletze noch ein öffentliches Ärgernis darstelle.
Wenn Frauen an der Klagemauer laut singen, aus der Torah vorlesen oder den Tallit tragen, dann entweihen sie der jüdischen Tradition zufolge das Gebiet um die Klagemauer. Doch das Gericht hatte befunden, „ortsübliche Gepflogenheiten“ würden nicht auch zwangsläufig eine orthodoxe Praxis bedeuten. Der Richter gründete seine Entscheidung auf vorangegangene Urteile des Obersten Gerichtshofes.
Bereits ein Entscheid des Obersten Gerichts aus dem Jahre 2003 hatte angeregt, einen Teil der westlichen Stützmauer des Bezirks, auf dem einst der jüdische Tempel gestanden hat, etwas weiter südlich gelegen und abgetrennt von dem traditionellen Westmauerareal, für das Gebet der „Frauen von der Klagemauer“ und anderer nicht-orthodoxer Gruppierungen einzurichten. Die Regierung müsse sicherstellen, dass dieser Ort zu einem angemessenen Ort des Gebets ausgebaut würde. Auf Bitten von Premierminister Benjamin Netanjahu nahm sich der Chef der „Jewish Agency“ 2013, der Sache an und griff den zehn Jahre alten Vorschlag des Obersten Gerichtshofs auf. Nordamerikanische jüdische Vereinigungen, darunter orthodoxe, konservative und reformierte Rabbiner, begrüßten die Idee, am Robinson-Bogen im Gebiet des archäologischen Parks eine weitere Gebetsstätte einzurichten.
Wann die Forderungen der Frauen für den neuen Gebetsbereich umgesetzt werden, bleibt abzuwarten. Solange wird man sich wohl einerseits an die allmonatlich lauten Frauengesänge sowie andererseits die lauten Schmährufe und Trillerpfeifen gewöhnen müssen.

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