JERUSALEM (inn) – Eine Tragödie erschüttert Israel: In einer illegal betriebenen Jerusalemer Kindertagesstätte sind am Montag zwei Säuglinge gestorben. Woran genau der sechs Monate alte Junge und das drei Monate alte Mädchen gestorben sind, ist noch Gegenstand der Untersuchung. Ermittler vermuten extreme Hitze und Dehydrierung als Todesursache. Bei allen offenen Fragen steht eines fest: In der Einrichtung herrschten unzumutbare Zustände.
Kita überfüllt und überhitzt
Bei ihrer Ankunft in der Kindertagesstätte bot sich den Rettungskräften ein schrecklicher Anblick: Die insgesamt 55 Säuglinge und Kleinkinder waren auf engstem Raum untergebracht. Teils lagen sie in Schränken und im Badezimmer. Ein Baby schlief unter der Kloschüssel.
Zudem waren die Räume überhitzt: Durch die Klimaanlage sei eine extrem trockene Hitze entstanden, die lebensbedrohliche Umstände geschaffen habe, berichtete die israelische Zeitung „Yediot Aharanot“ am Montag. Zudem sagte einer der Betreuer aus, dass die Kinder nur einmal am Morgen Milch zu trinken bekommen hätten.
Die Ersthelfer der Rettungsorganisation „Hazala“ trafen am Montagnachmittag nach einem Notruf in der Kita ein. Vor Ort führten sie nach eigenen Angaben an mehreren bewusstlosen Kleinkindern Wiederbelebungsmaßnahmen durch. Insgesamt evakuierten Polizei und Rettungskräfte 53 Kinder, die zum Teil Schwierigkeiten beim Atmen hatten, und brachten sie in die umliegenden Krankenhäuser. Noch am Montagabend gab es Entwarnung: Entgegen erster Berichte befinden sich alle Kinder in guter Verfassung, bleiben jedoch vorerst zur Beobachtung im Krankenhaus.
Tagesstätte schon seit Jahren aktiv
In einer Stellungnahme sprach das Bildungsministerium von einem tragischen Vorfall. Es handele sich um eine „private Einrichtung, die ohne die gesetzlich vorgeschriebene Genehmigung arbeitete. Das Ministerium steht in Kontakt mit den zuständigen Behörden und prüft weiterhin die Einzelheiten des Vorfalls“. Die illegale Kindertagesstätte befindet sich in einem Wohnhaus im Nordwesten Jerusalems. In der Nachbarschaft leben vorwiegend ultra-orthodoxe Juden.
Gegenüber „Yediot Aharanot“ sagten mehrere Bewohner, dass die Kindertagesstätte bereits seit Jahren existiere. Drei Mitarbeiter der Tagesstätte wurden in Gewahrsam genommen und zur Befragung auf die Polizeistation gebracht.
Ultra-Orthodoxe protestieren gegen Autopsie
Die Leichname der zwei verstorbenen Säuglinge wurden zur Obduktion in das forensische Institut Abu Kabir gebracht. Daraufhin protestierten einige Dutzende Ultra-Orthodoxe gegen die Durchführung einer Autopsie, die sie aus religiösen Gründen ablehnen. Sie blockierten Straßen und setzten Mülleimer in Brand. Auch die Eltern sind gegen eine Autopsie und haben dafür eine Petition beim Obersten Gericht eingelegt.
Ultra-orthodoxe Politiker indes bringen den Tod der Säuglinge in einen Zusammenhang mit dem drohenden Militärdienst für die jungen Männer aus der religiösen Gemeinschaft. Eine große Bevölkerungsgruppe würde durch das Gesetz „plötzlich“ in eine Notlage gebracht. Die „Menschen sind gezwungen, nach Lösungen zu suchen. Die Konsequenzen können harsch und bitter sein“, sagte der Vorsitzende der Schass-Partei, Arje Deri, in einer Knessetsitzung.
Im Jahr 2024 hatte das Oberste Gericht entschieden, dass die Ausnahme von der Wehrpflicht für ultra-orthodoxe Männer illegal ist. Infolgedessen kürzte das Arbeitsministerium Zuschüsse zur Kinderbetreuung für Wehrdienstverweigerer. (mw)
8 Antworten
Ich weiß von meiner eigenen Kindheit her, dass schlecht geführte Kinderbetreuungseinrichtungen mit unprofessionellem Personal sich oft negativ auf das Kindeswohl auswirken und manchmal sogar tödlich für die zu betreuenden Kinder sein können. Ich selbst war in einem furchtbaren Kindergarten in Sueddeutschland.
@Ute Engels
Ich war auch noch in einer Kita,wo man den „Hintern voll “ bekommen hatte wenn man mittags nicht schlafen konnte. Auch wenn man die Milch mit Pelle drauf nicht wollte,hat man nachmittags kein Obst bekommen. Musste dann aus der Kita raus,da ich immer in der Woche Fieber hatte. Nur am Wochenende nicht. Bin Jahrgang ’65.
Ultra-orthodoxe Politiker bringen den Tod der Säuglinge in Zusammenhang mit dem Militärdienst für jungen religiöse Männer. Nein, das glauben wir nicht.
Albert @ Dieser Zusammenhang erschliesst sich mir auch nicht ! Ich kann auch nicht verstehen, warum man sich gewalttätig gegen eine Obduktion wehrt. Interessiert es die Frommen etwa nicht, woran die armen Hascherl gestorben sind ? Was sagen die Mütter dazu ? Ich gebe mir wirklich Mühe, aber ich kann diesen Fanatismus nicht verstehen.
Nun, wenn die Haredim wert darauf legen, für voll genommen zu werden, sollten sie ihre überkommenen Traditionen mal ein wenig überarbeiten und den modernen Gegebenheiten etwas besser anpassen.
Im übrigen haben die aus dem osteuropäischen Raum mitgebrachten Bräuche meines Erachtens nach kaum etwas mit dem Judentum des arabischen Ursprungsraumes zu tun.
Ich weiß von keinem hebräischen Juden der fernen Vergangenheit, der sich so gebärdet hätte wie
diese heutigen Haredim. Was diese praktizieren, ist nach meinem Dafürhalten nichts als Sektiererei, es ist nicht die Hauptlinie des Glaubens, und sie verkörpern nicht die ursprüngliche Version sondern eine radikalisierte Neudefinition,geformt von den Lebensumständen in Osteuropa.
Nicht wir ,,Ottonormaljuden“ müssen uns denen anpassen ,sondern umgekehrt.
SHALOM
Boah, da geht mir die Hutschnur hoch. Wieso bemerken Eltern nicht den verwahrlosten Zustand der seit Jahren bestehenden Einrichtung? Ich muss doch abends merken, ob mein Kind genug getrunken hat und richtig versorgt wird? 😱Sind ultra-orthodoxe Eltern nur mit Bügeln der schwarzen Fracke betraut und dem Drehen von Schläfenlocken? Und dann auch gegen eine Autopsie? Wollen sie nicht wissen, woran ihr Kind gestorben ist? Dann sollten sie weniger Kinder in die Welt setzen. Ich setze mich jetzt arg in die Nesseln, sorry, aber für mich sind zumindest einige der Ultra-orthodoxen Staats-Schmarotzer, feige und faul, jahrzehntelang in Tradition der Religion gefangen, nicht in der Lage, Lösungen für Lebensprobleme zu suchen, sich nicht für die Allgemeinheit einbringend.
Und natürlich ist auch die Politik gefragt. Vor Monaten gab es einen Artikel hier, der zum Ausdruck brachte, dass es allgemein weniger Kindergärten mit ausgebildetem Personal in Israel gibt. Daran muss dringend gearbeitet werden. Israels Kinder, die nächste Generation, wird gebraucht. Sie sind die Zukunft des Landes und auch sie sind der Augapfel Gottes. Ihr müsst sie bewahren und schützen.
Zum soeben versendeten Kommentar von mir: Vielleicht war ich zu impulsiv, das tut mir leid. Aber diese Kinder tun mir entsetzlich leid und die Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Ich möchte mir nicht vorstellen, dass eines meiner Kinder oder Enkel stirbt. Da zerbrechen Träume, Hoffnungen, man zerbricht am Leben. Ich befehle die betreffenden Familien unserem Vater im Himmel an. Mögen sie alle Liebe und Fürsorge von ihm erfahren. 🛐🙏
Es ist eine Schande, wenn die Orthodoxen ihrem Staat so wenig vertrauen, dass sie solche Missstände an den Kleinsten schaffen?! Möge es gesunde Konsequenzen geben und dies hat mit dem Wehrdienst rein gar nichts zu tun und ist nicht zu entschuldigen. SHALOM