"Wir hören Kritik von der deutschen Regierung, wenn es angebracht ist", so Nahshon in dem Interview. "Das halten wir jedoch aus den Medien heraus – aus gutem Grund. Frau Merkel ist vielleicht unsere engste politische Verbündete weltweit und wir nehmen ihre Ratschläge sehr ernst."
In Deutschland herrsche ein großes Interesse an Israelthemen, fast jede größere Zeitung habe einen Korrespondenten in Tel Aviv oder Jerusalem, fügte der Diplomat hinzu. "Und diese Journalisten wollen einen guten Job machen, sie schreiben also alle möglichen Geschichten auf, die sie über andere Länder nie lesen würden. Die Israelis fragen sich dann manchmal: ‚Warum sind die Deutschen so kritisch, warum schreiben sie nicht über den Sudan oder Libyen?‘ Ich sage dann immer: ‚Ich bin froh, wenn wir nicht mit solch wunderbaren afrikanischen Ländern wie dem Sudan verglichen werden. Deutschland und Israel haben nun einmal ein besonderes Verhältnis.‘ Das ist andersherum genauso: Als in Schleswig-Holstein die Affäre eines Politikers mit einer 16-Jährigen bekannt wurde, hat das in Israel für Schlagzeilen gesorgt."
Nahshon äußerte sich auch zu den jungen Menschen, die gegen soziale Ungerechtigkeit demonstrieren: "Wir sind sehr stolz darauf, dass in unserer Demokratie mit friedlichen Mitteln demonstriert wird. Ich glaube, dass Europa uns um diese Dialogfähigkeit beneidet. Niemand zündet in Jerusalem Autos an! Wir erleben hier die antike Polis in Echtzeit; die Demonstranten sind die klügsten Köpfe ihrer Generation." Vermutlich habe die Dominanz der Sicherheitspolitik im vergangenen Jahrzehnt dazu geführt, dass soziale Fragen vernachlässigt wurden.
"Unterstützung für arabische Demonstranten wäre fatal"
Auf die Frage, warum sich Israel nicht eindeutig auf die Seite der protestierenden Araber in mehreren Ländern stelle, antwortete der Gesandte: "Seit seiner Gründung wird Israel von arabischen Staaten instrumentalisiert und dämonisiert. Wir sind all das, was sie hassen. Sie haben Angst vor Demokratie, vor einer freien Wirtschaft, vor Transparenz. Diese Botschaft hat sich inzwischen in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt. Für diese Menschen sind wir der zionistische Gegner im Dunkel der Nacht. Wenn Sie solche Mantras oft genug hören, würden Sie das vielleicht auch glauben. Daher wäre es fatal, wenn die israelische Regierung sich jetzt offen hinter demokratische Gruppen stellt. Es wäre für diese Aktivisten der Kuss des Todes, ihre Agenda würde durch unsere Unterstützung komplett delegitimiert. Nein, wir müssen uns nicht in die Interna anderer Länder einmischen. Es hängt nicht von Israel ab, ob die arabische Welt den demokratischen Wandel schaffen kann."
Weiter sagte Nahshon: "Wir sind eine Insel der Demokratie in einem Ozean der Veränderung. Das Beste für uns ist es, stillzuhalten und abzuwarten. Nicht, weil das modisch oder spaßig ist, sondern weil es sinnvoll ist. Wir arbeiten daran, existierende Friedensabkommen trotz allem zu schützen. Wir wollen gute Beziehungen zu Ägypten, zu Jordanien und der Türkei, um uns abzusichern und die Region zu stabilisieren."
Zum Friedensprozess mit den Palästinensern meinte der Israeli: "Unsere Position ist klar: Wir wollen eine Zwei-Staaten-Lösung, Punkt. Diese Diskussion ist bereits abgeschlossen, wir haben weitreichende und schmerzhafte Zugeständnisse gemacht. Aber haben wir Partner auf der anderen Seite? Nein. Wir haben fast alle Bedingungen der Palästinenser erfüllt, aber konnten zu keiner Einigung kommen. Wir müssen sicher sein können, dass eine Einigung nicht dazu führt, dass Israel geschwächt wird und der Konflikt dann erneut aufflammt. Wir brauchen dauerhaften Frieden, wir brauchen die Akzeptanz Israels als Staat der Juden. Unsere Legitimität muss über alle Zweifel erhaben sein. Aber die Palästinenser und die PLO können sich dazu nicht durchringen."
Es müsse klar sein, "dass die palästinensischen Flüchtlinge nicht innerhalb der israelischen Grenzen angesiedelt werden und dass eine Einigung von Dauer ist. Kein Staat kann überredet werden, weitreichende Zugeständnisse zu machen, wenn diese grundlegenden Bedingungen nicht beachtet werden. Ich glaube nicht, dass die Palästinenser an einem Ende des Konflikts interessiert sind".
Das vollständige Interview ist
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