Mertes gab eine Einschätzung über die aktuellen Entwicklungen im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Er äußerte dabei seine Hoffnung, dass Israel nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen erkennen werde, die sich durch die politischen Umbrüche in seinen Nachbarländern ergäben.
Als eine typische westliche Vorgehensweise bezeichnete Mertes das Phänomen, Probleme zu erkennen, sich zusammenzusetzten und klären zu wollen. Im Nah-Ost-Konflikt werde hingegen auf Zeit gespielt; der Gegner solle zermürbt werden. Dabei stünden sich zwei religiös aufgeladene Gruppen gegenüber. Zum einen die arabischen Palästinenser mit der Auffassung, sie hätten ein Rückkehrrecht nach Israel sowie zum anderen die jüdischen Israelis, die nach ihrer Rückkehr ins Heilige Land nach über 2.000 Jahren dieses nicht wieder aufgeben wollen.
Beim Betrachten der wirtschaftlichen Kennzahlen des Landes werde deutlich, dass Israel nicht nur die einzige Demokratie im Nahen Osten darstelle, sondern auch der einzige Industriestaat sei. Mit 30.000 US-Dollar habe es das größte BIP pro Kopf in der Region. Er führt außerdem an, dass bei einer Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts "Gallup" zur Zufriedenheit der Menschen in 124 Staaten der Welt belegte Israel den siebten Platz. Diese Zufriedenheit berge laut Mertes aber auch ihre Schattenseite: "Warum solle man den Status Quo verändern?" Immerhin habe es jahrelang keine Selbstmordattentate mehr gegeben, was mit der guten Zusammenarbeit zwischen der israelischen und der palästinensischen Polizei begründet werden könne.
Jahrelanger Bündnispartner wendet sich ab
International habe es Israel zurzeit allerdings nicht so leicht, Verbündete an sich zu binden. Der jahrzehntelange treue Bündnispartner Türkei wende sich kontinuierlich ab und der Einfluss der USA gehe ebenfalls erkennbar zurück. Die EU zeige sich unfähig, mit einer Stimme zu sprechen. Dies wurde laut Mertens besonders in dem uneinheitlichen Abstimmungsverhalten der Europäer deutlich, als der palästinensische Antrag auf Vollmitgliedschaft vor den Vereinten Nationen behandelt wurde. Das mache deutlich, dass Israel immer stärker auf sich allein gestellt sei, die aktuellen und bevorstehenden Herausforderungen zu bewältigen. Mit den anhaltenden Aufständen in Ägypten wachse die Sorge vor einer Aufkündigung des ägyptisch-israelischen Friedensabkommens, einem Stopp der ägyptischen Gaslieferungen sowie vor geschmuggelten Waffen aus dem Nachbarland. Vor einem Zwei-Staaten-Krieg habe Israel nach Einschätzung von Mertes keine Angst. Lediglich davor, dass das staatliche Gewaltmonopol in den arabischen Ländern verloren gehen könnte und Raketen auf Israel abgefeuert würden.
Es gibt laut Mertens jedoch auch Gründe, optimistisch zu sein: Innerhalb der israelischen Bevölkerung befürwortet eine klare Mehrheit eine Zwei-Staaten-Lösung. Die israelische Regierung habe darüber hinaus das demografische Problem erkannt, dass der arabische Bevölkerungsanteil im Gesamtgebiet zwischen Jordan und Mittelmeer in naher Zukunft die Mehrheit darstellen werde. Der "Arabische Frühling" stelle jedoch auch einen ermutigenden Hoffnungsschimmer dar. In der arabischen Welt setze sich die Einsicht durch, dass die innenpolitischen Probleme hausgemacht seien und dass Israel nicht immer die Schuld gegeben werden könne.
Als mögliche Handlungsoptionen sieht Mertes zum einen ein Konfliktmanagement, bei dem das Problem "nur verwaltet, aber nicht gelöst" werde. Diese Methode sei langfristig weder sinnvoll noch zielführend. Dies bleibe aus seiner Sicht die einzige Möglichkeit, im Friedensprozess nachhaltige Erfolge zu erzielen.
Die abschließende Diskussion verdeutlichte aber auch, dass nach wie vor ein großer Informationsbedarf besteht, wenn es darum geht, Themen intensiver zu beleuchten, als es in den Medien möglich ist.
Die Dortmunder Montagsgespräche finden seit 2001 als gemeinsame Veranstaltungsreihe der Auslandsgesellschaft NRW und der Konrad-Adenauer-Stiftung statt.