„Israel schätzt den demokratischen Prozess in Ägypten und respektiert die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl“, heißt es in einer ersten Stellungnahme aus dem Büro des israelischen Regierungschefs. „Israel freut sich auf eine fortgesetzte Zusammenarbeit mit der ägyptischen Regierung auf der Grundlage des Friedensabkommens zwischen den beiden Ländern, das eine gemeinsames Interesse der beiden Völker darstellt und zur regionalen Stabilität beiträgt.“ Am Sonntagnachmittag hatte der ägyptische Militärrat erklärt, dass Mursi seinen Kontrahenten Ahmed Schafik in der Stichwahl mit 51,7 Prozent der Stimmen knapp geschlagen habe.
Der Kadima-Abgeordnete Israel Hasson, der als Netanjahus Gesandter in der ägyptischen Hauptstadt Kairo gedient hatte, sagte laut der Zeitung „Ha‘aretz“: „Die direkte Schlussfolgerung ist, dass der Staat Israel und die Palästinensische Autonomiebehörde ein gemeinsames Interesse daran haben, sehr schnell eine regionale Koalition zu bilden.“
Der Premier der Hamas im Gazastreifen, Ismail Hanije, gratulierte Mursi telefonisch zu dessen Wahlerfolg. „Wir werden darauf schauen, dass Ägypten eine große, führende Rolle, eine historische Rolle spielen wird, was die Sache der Palästinenser angeht, indem es der palästinensischen Nation hilft, Freiheit zu erlangen, nach Hause zurückzukehren und die Gazablockade völlig zu beenden“, sagte er im Gespräch mit „Reuters TV“.
Im Gazastreifen wurde der Sieg des Muslimbruders, aus der die Hamas hervorgegangen ist, ausgiebig gefeiert. Süßigkeiten wurden an Passanten verteilt, von denen viele ägyptische Flaggen schwenkten. Aus den Moscheelautsprechern erschallten Glückwünsche. Palästinenser gaben auch entsprechend der arabischen Tradition Freudenschüsse in die Luft ab. Dabei wurde ein 25-jähriger Mann tödlich getroffen. Fünf weitere Menschen erlitten Verletzungen, unter ihnen zwei Mädchen, die schwer verwundet wurden. Dies teilte der Sprecher des Gesundheitsministeriums in Gaza, Aschraf al-Kidra, gegenüber der palästinensischen Nachrichtenagentur „Ma‘an“ mit.
Glückwünsche an das neue Staatsoberhaupt kamen auch aus der Fatah. Deren Vorsitzender, der palästinensische Präsident Mahmud Abbas, bezeichnete Mursi als „die Wahl des großen Volkes Ägypten“. Chefunterhändler Saeb Erekat äußerte die Ansicht, die demokratische Wahl „heißt, dass die palästinensische Frage für alle Ägypter die Priorität Nummer Eins ist“.
Mursi sagte in seiner Siegesrede, er trage „eine Botschaft des Friedens“ in die Welt. Er versicherte, dass er Ägyptens internationale Abkommen einhalten werde. Kurz vor der Bekanntgabe des offiziellen Wahlergebnisses kündigte er im Gespräch mit der iranischen Nachrichtenagentur FARS an, die Beziehungen zum Iran verbessern zu wollen. „Dies wird ein Spannungsgleichgewicht in der Region schaffen, und es ist Teil meines Programmes.“ Der Friedensvertrag mit Israel werde überprüft werden.
Infolge des Wahlsieges teilte die Muslimbruderschaft am Montag mit, Mursis Mitgliedschaft sei beendet. Dasselbe gelte für die von ihr gegründete Partei „Freiheit und Gerechtigkeit“ (FJP), hieß es nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur (dpa). „Wir haben damit unser Versprechen erfüllt, das wir für den Fall des Siegs unseres Kandidaten abgegeben hatten“, wurde Generalsekretär Mahmud Hussein zitiert. Bereits am Sonntag hatte Mursi formell auf den Vorsitz der FJP verzichtet, den er bis dahin innehatte.