Israel feiert 63 Jahre seines Bestehens

Zum 63. Unabhängigkeitstag Israels gab es in diesem Jahr einen ausgelassenen Volksgesang der israelischen Führungsspitze. Staatspräsident Schimon Peres, Verteidigungsminister Ehud Barak und Generalstabschef Benny Gantz begleiteten bekannte Popsänger, teilweise eine Oktave zu tief und etwas ungeübt. Das Publikum im Garten der Jerusalemer Residenz von Präsident Peres stellten 120 verdiente Soldatinnen und Soldaten sowie deren Familienangehörige.

"Sind Sie jetzt eher aufgeregt oder ängstlich?", fragte der Schauspieler Kuschnir den frischgebackenen Generalstabschef, ehe der zusammen mit einer jungen Soldatin ein Volkslied mitsang.

Im Laufe des Tages folgten akrobatische Übungen von vier Hubschraubern der Luftwaffe über Jerusalem, ein landesweiter Überflug von Herkules-Transportmaschinen und eine feierliche "Parade" der israelischen Marine vor der Küste zwischen Haifa und Aschdod. Zu den traditionellen Veranstaltungen zählt das "Internationale Bibelquiz", bei dem junge Menschen aus aller Welt ihre Kenntnisse des "Buches der Bücher" unter Beweis stellen. Am späten Nachmittag wurde dann der "Israel-Preis" verliehen, die höchste Auszeichnung des Staates an verdiente Israelis aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft.

Der Unabhängigkeitstag wird gemäß dem Hebräischen Kalender begangen und fiel deshalb in diesem Jahr auf den 10. Mai. Die Feierlichkeiten begannen schon am Vorabend auf dem Platz bei dem Grab des Staatspropheten und Wiener Journalisten Theodor Herzl. Nahtlos gehen da Schmerz und Trauer um die 22.867 seit 1860 durch Krieg und Terror gefallenen Soldaten über in ein patriotisches Freudenfest mit Feuerwerk und einem bunten "Flaggentanz". Am Abend des 9. Mai wurde ausgelassen auf den Marktplätzen vor Tribünen getanzt, auf denen bekannte Popsänger auftraten, ehe sie zum nächsten Termin jagten. Viele Autos sind mit Aufsteckfähnchen geschmückt. An Terrassen und Balkons hängen blauweiße Flaggen mit dem Davidstern.

Der junge Staat mit seinen knapp 7,5 Millionen Einwohnern hat sich schwer getan, seine Nationalfeiern zu gestalten. Die Idee der Staatsgründer, den Tag mit einem feierlichen Mittagessen im Familienkreis zu begehen, hat sich nicht durchgesetzt. Lieber bevölkern die Israelis die Parks und brutzeln auf Holzkohlefeuerchen Hühnerflügel und Steaks. Eine stinkende Rauchwolke legt sich über das ganze Land. Manche Wälder und Strände waren schon in den frühen Morgenstunden so überfüllt, dass in den Rundfunknachrichten die Hörer aufgefordert wurden, sich nicht mehr den Stränden am Ostufer des Sees Genezareth und populären Parks zu nähern.

Nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 gehörte eine Militärparade durch die Straßen Jerusalems zu den festen Bestandteilen der Feierlichkeiten. Aus Kostengründen, aber auch wegen eines unerwünschten militaristischen Eindrucks, wurde die Militärparade mit Panzern und Kanonen abgespeckt und in ein Fußballstadion verlegt. Das wirkte jedoch so lächerlich, dass die klassischen militärischen Paraden ganz abgeschafft wurden. Auch die anderen nationalen Feiern ohne religiösen Hintergrund wandelten sich, bis sie Form annahmen. Dazu gehören der Holocaust-Gedenktag, zehn Tage vor dem Unabhängigkeitstag, und der Gedenktag für die gefallenen Soldaten. Zu den israelischen Eigentümlichkeiten zählt, an den Gedenktagen die Luftschutzsirenen heulen zu lassen, während Autofahrer und Fußgänger jeweils zwei Minuten lang innehalten.

Es gilt als Kuriosum, dass die drei Gedenk- und Feiertage gemäß dem jüdischen Kalender begangen werden, aber keinen Eingang in jüdische Riten gefunden haben. Neben den biblischen Wallfahrtsfesten Passah, Wochen- und Laubhüttenfest sowie dem Versöhnungstag (Jom Kippur) hat das Judentum durchaus in nachbiblischer Zeit neue Feste angenommen, das Lichterfest Chanukka und den jüdischen "Karneval" Purim. Es gibt auch den großen Gedenktag am 9. des Monats Av, an dem der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels in Jerusalem sowie der Vertreibung der Juden aus Spanien im Rahmen der Inquisition 1492 gedacht wird. Für die Schoah (Holocaust), der weitaus größeren Katastrophe, gibt es noch keinen eigenen Gedenktag in den Synagogen.

Die Freude am Unabhängigkeitstag ist freilich nicht ungetrübt. Während der Festtage werden, wie üblich, die besetzten Gebiete gesperrt. Palästinenser dürfen nur in humanitären Notfällen nach Israel einreisen. Ebenso wurde schon vor Beginn des Soldatengedenktages auf ein verstärktes Sicherheitsaufkommen hingewiesen, entlang der Grenzen, bei den Einfahrten zu den großen Städten und an jenen Orten, wo die Israelis massenhaft Picknick machen.

Nur sporadisch erwähnten Politiker die schlagzeilenträchtigen Ereignisse der jüngsten Zeit, die Umwälzungen in der arabischen Welt, den Konflikt mit den Palästinensern, oder die Versöhnung der Fatah-Partei mit der islamistischen Hamas-Organisation. Bei jeder Gelegenheit wurde jedoch Gilad Schalit erwähnt, jener von der Hamas vor fünf Jahren in den Gazastreifen entführte Soldat. Bisher ist es trotz deutscher, französischer und ägyptischer Vermittlung nicht gelungen, ihn per Gefangenenaustausch frei zu bekommen. Es entsteht der Eindruck, als sei das Verschwinden dieses Soldaten Israels größte nationale Sorge.

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