Hunderte Soldaten suchen drei entführte Israelis

JERUSALEM (inn) – Drei Israelis im Alter zwischen 16 und 19 Jahren gelten seit Donnerstagabend im Westjordanland als vermisst. Israels Sicherheitsbehörden gehen von einer Entführung durch Palästinenser aus.
Die Armee sucht fieberhaft nach drei  Jugendlichen – ob die Israelis entführt wurden oder einem Hassverbrechen zum Opfer fielen, ist noch unklar. (Archivbild)

Wie am Samstagnachmittag bekannt wurde, handelt es sich bei den Jugendlichen um Naftali Frankel (16) aus Nof Ajalon bei Modi‘in, Gilad Scha‘ar (16) aus Talmon bei Ramallah im Westjordanland sowie um Ejal Jifrach (19) aus Elad bei Petah Tikva. Einer der Jugendlichen besitzt neben der israelischen auch die amerikanische Staatsangehörigkeit.
Angeblich wollten die drei per Anhalter von ihrer Talmudschule im Westjordanland nach Hause fahren. Erst 24 Stunden später wurde ihr mysteriöses Verschwinden in den israelischen Medien bekannt gegeben, obgleich schon Hunderte Soldaten, Geheimdienstleute, Fallschirmspringer und andere Sicherheitskräfte palästinensische Dörfer und die Stadt Hebron im Süden des Westjordanlandes auf der Suche nach den Vermissten durchkämmten. Seitdem gibt es im israelischen Fernsehen und Radio kein geregeltes Programm mehr. Sogar die Direktübertragung der Fußball-Weltmeisterschaft wurde unterbrochen, um neueste Entwicklungen zu dem mutmaßlichen Entführungsfall durchzugeben.
Bekannt ist vorläufig fast nichts. Die Namen der Vermissten, der Ort ihrer Talmudschule und ihres Heimatortes werden geheim gehalten.
Die Jugendlichen sind offenbar am Donnerstag beim Trampen beobachtet worden. Schon an dem Abend gab ein Palästinenser den Tipp zu einem brennenden Hyundai in einem Tal nahe der Stelle, wo sie zum letzten Mal gesehen worden sind. Das Wrack wurde geborgen. Ob es sich dabei um ein gestohlenes Auto handelt oder ob es einen Hinweis zum Verschwinden der Jugendlichen geliefert hat, wurde noch nicht veröffentlicht.
Während palästinensische Medien wohl fälschlich behaupteten, dass die israelische Armee in manchen Dörfern sogar mit Panzern angerückt sei, brodelte in den sozialen Netzwerken die Gerüchteküche. Der Militärsprecher trat am Freitagabend mehrmals vor die Presse, um die Gerüchte zu dementieren und zu erklären, dass weiterhin nichts bekannt sei. Die Sicherheitsbehörden gehen jedoch von einer Entführung aus, weil die Handys der Jugendlichen ausgeschaltet worden seien – an jener Stelle, wo sie offenbar beim Trampen in ein Auto gestiegen sind, also auf der Hauptstraße nahe ihrer Schule. Ausgeschaltet senden die Geräte keine Signale mehr, was deren Ortung ermöglicht hätte.
Derweil hielten der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu, Verteidigungsminister Mosche Ja‘alon, Vertreter des Militärs und der Geheimdienste in Tel Aviv mehrere Lageberatungen ab. Netanjahu telefonierte mit dem amerikanischen Außenminister John Kerry, da einer der Entführten Amerikaner sei, und um mitzuteilen, dass er die palästinensische Regierung verantwortlich mache. Kerry telefonierte daraufhin mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas. Über den Inhalt des Gespräches ist nichts bekannt.
In dem von der Hamas kontrollierten Gazastreifen und in den Flüchtlingslagern Dschenin und Balata im Westjordanland kam es zu Feiern und Freudenschüssen. Studenten verteilen in der Bir Seit Universität Bonbons. Doch bisher hat keine „bekannte“ Terror-Organisation die Verantwortung für den Vorfall übernommen. Der erste Verdacht fällt jedoch auf die Hamas als Täter, da der israelische Geheimdienst seit einem Jahr bereits 60 versuchte Entführungen israelischer Zivilisten und Soldaten durch die Hamas unterbinden konnte. Zudem hat die Hamas regelmäßig zu Entführungen aufgerufen. Das sei die effektivste Methode, Israel zu erniedrigen und die Freilassung von Gefangenen zu erpressen. Neben Gilad Schalit, der fast fünfeinhalb Jahre in Geiselhaft der Hamas festgehalten worden war und gegen mehr als eintausend palästinensische Gefangene ausgetauscht worden ist, war Israel auch zuvor in anderen Fällen israelischer Kriegsgefangener oder entführter Bürger bereit, einen extrem hohen Preis zu zahlen, um Vermisste lebendig heim zu holen.

Entführung oder „Hassverbrechen“?

Aus den Dauer-Sendungen mit israelischen Top-Experten, die freilich zugaben, nichts zu wissen, ging hervor, dass das Schweigen der mutmaßlichen Entführer besonders beunruhigend sei. Gleich drei Israelis zu entführen und nicht nur einen einzelnen, benötige ein gewisses Maß an Organisation. Und drei Personen unbemerkt im Westjordanland zu verstecken, um im Tausch die Freilassung von Gefangenen zu fordern, sei fast unmöglich. Deshalb wurde erwogen, ob die Entführer versuchen könnten, sie über die relativ ungeschützte Grenze nach Jordanien oder durch einen Tunnel in den Gazastreifen zu schmuggeln. Eine Alternative sei, dass es sich um ein „Hassverbrechen“ handle, die Schüler längst ermordet und irgendwo verscharrt worden seien.
Am Samstag änderte Verteidigungsminister Ja‘alon die Sprachregelung von „Vermissten“ oder „Entführten“ zu „Verschollenen“.
Unter Palästinensern, vor allem in der Gegend von Hebron, wo die Suche am intensivsten ist, kommen bei allem offenen Jubel über den erfolgreichen Schlag gegen Israel zunehmend auch schlimmste Befürchtungen auf. In der Nacht zum Samstag drangen israelische Soldaten in Hebron ein und verhafteten mindestens 16 Palästinenser. Die seit Jahren unbemannten Straßensperren wurden erneuert. Israel könnte weitere Sanktionen gegen die bislang fast uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und Ausgangssperren verhängen.
Völlig unklar ist noch, welche Folgen dieser aus israelischer Sicht sehr schwerwiegende Vorfall für die von Netanjahu abgelehnte palästinensische Technokratenregierung mit Beteiligung der Terror-Organisation Hamas und für die bisher gut funktionierende Sicherheitskooperation zwischen Israel und den Palästinensern im Westjordanland haben wird.

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