„491 Tage: In den Tunneln der Hamas“ lautet der Titel der deutschen Übersetzung von Eli Scharabis Buch. Es wird als das „erste Memoir einer befreiten israelischen Geisel“ beworben. Noch nie hat sich ein Buch in Israel so schnell verkauft wie das hebräische Original. Aber auch außerhalb des jüdischen Staates sollte es jeder gelesen haben. „491 Tage“ ist weit mehr als nur eine fesselnde Autobiografie. Es ist eine Chronik der menschlichen Würde.
Entführt
Scharabi lebte mit seiner Familie im Kibbuz Be’eri, wo er als Schatzmeister und Vorstandsmitglied eine leitende Stellung innehatte. Auch die Familie seines Bruders Jossi wohnte in der Nachbarschaft. Scharabi liebte seine Frau Lianne, seine beiden Teenager-Töchter Noija und Jahel und seine Arbeit. Er liebte das Leben.
Am Morgen des 7. Oktober 2023 ermordeten einfallende Hamas-Terroristen im Kibbuz Be’eri 132 Menschen auf bestialische Weise, unter ihnen auch Lianne, Noija und Jahel. Aber das wusste Scharabi nicht. Als Terroristen ihn seiner Familie entrissen, waren alle drei noch am Leben. Scharabi versprach ihnen, dass er zurückkommen werde. Dann wurde er barfuß in das unterirdische Tunnelsystem von Gaza entführt und von der Außenwelt abgeschnitten.
Plastisch schildert Scharabi das Leben in Geiselhaft – Hunger und Misshandlungen, die komplexen Beziehungen zu seinen Mitgefangenen und Geiselnehmern sowie die Kunst, unter widrigsten Bedingungen immer wieder Hoffnung zu fassen.
Der Vater
Schnell nahm Scharabi gegenüber den deutlich jüngeren Männern, mit denen er gefangen gehalten wurde, eine Art Mentoren- und Vaterrolle ein. Nicht nur sein Alter, sondern auch seine Berufs- und Lebenserfahrung prädestinierten ihn dazu.
Wenn jemand von Verzweiflung und Todesangst zerfressen zu werden drohte, lehrte Scharabi ihn, mit seinen Gefühlen umzugehen: weinen, schreien, sich gehen lassen – ja, aber nur für eine begrenzte Zeit, und dann weiterleben und überleben. Die Gruppe übte sich darin, jeden Tag eine Kleinigkeit zu finden, für die sie dankbar sein konnte – etwa ein extra Stück Brot oder eine schnell erteilte Erlaubnis, die Toilette zu benutzen. Außerdem erzählten sie sich gegenseitig von ihrem Leben vor der Entführung, immer und immer wieder, bis sie die Geschichten der anderen auswendig kannten.
Scharabi beschwor die jungen Männer und sich selbst, sich ans Leben zu klammern für die Menschen, die draußen in Ungewissheit auf sie warteten. Gleichzeitig redeten die von der Hamas eingesetzten Wächter auf sie ihn, sie seien in Israel längst für tot erklärt und vergessen worden.
Der größte Schmerz am Tag der Befreiung
Da Lianne und die gemeinsamen Töchter britische Staatsbürgerinnen waren und Scharabi selbst den Terroristen das mitgeteilt hatte, ging er davon aus, dass sie verschont worden waren. Seine Peiniger bestätigten sogar seine Vermutung. Seine Familie kämpfe für ihn, sagten sie ihm. Er habe wunderbare Töchter. Der Gedanke an das Wiedersehen mit seiner Familie ließ ihn durchhalten und auch wieder aufstehen, als er halb tot geprügelt wurde.
Als der Tag der Befreiung kam, verfolgten unzählige Menschen live die perfide Hamas-Zeremonie. Der Anblick von Eli Scharabi war besonders schockierend. Viele, die seinen ausgemergelten Körper sahen, fühlten sich an Bilder aus dem Holocaust erinnert. Aber es kam noch schlimmer: Vor laufender Kamera ließen die Terroristen ihn sagen, wie sehr er sich auf das Wiedersehen mit seiner Frau und seinen Töchtern freute. Jeder außer ihm wusste, dass sie nicht mehr lebten.
Leben
Aus seiner Sicht schildert Scharabi, wie er den Moment erlebte, als ihm klar wurde, was mit seiner Familie passiert war. Es ist der erstaunliche Kern seines Buches und seiner Botschaft. Während er duschte und neue Kleidung bekam, stand jemand bereit, um ihn gegebenenfalls davon abzuhalten, sich das Leben zu nehmen. Aber Scharabi verkörpert eine Mentalität, die sich durch nichts davon abbringen lässt, an der Sinnhaftigkeit und Schönheit des Lebens festzuhalten. Sein Buch ist von Anfang bis Ende ein Lehrstück, das jeden bereichert, der es liest und verinnerlicht.
Am Grab seiner Familie gab Scharabi seiner Trauer Raum. In Begleitung seiner Schwester und unter medizinischer und psychologischer Aufsicht erlaubte er sich einen Zusammenbruch. Dann stand er auf. Es ist die letzte Szene in seinem Buch. Sie endet mit den Sätzen: „Das hier ist der Tiefpunkt. Ich habe ihn gesehen. Ich habe ihn berührt. Jetzt, Leben.“
Eli Sharabi: „491 Tage. In den Tunneln der Hamas“, Aus dem Englischen von Ursula Kömen, Suhrkamp, 200 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-518-43301-0
7 Antworten
Ich habe sein Buch vier oder fünf mal hintereinander gelesen und immer noch neue Eindrücke gewonnen. Und auch ich muss sagen, seine letzten Worte in diesem Buch sind bei mir am deutlichsten haften geblieben.
Zäh, ungeheuer zäh ist dieser Mann, meine Hochachtung und meinen Respekt.
Er ist durch die Hölle und das Tal des Todes gegangen und zurückgekehrt, nach so langem Martyrium. Ich verbeuge mich tief vor diesem Mann, stellvertretend für alle Geiseln, die Überlebenden UND jene die es nicht überlebt haben. Ihnen und ihren Hinterbliebenen gilt meine Trauer, auch Ihm, Ran Gvili, der noch nicht zurückgekehrt ist und seiner Familie.
SHALOM
Buch von ehemaliger Geisel Eli Scharabi. Jeder sollte das Buch lesen. Wir tun das, auch Ernesto, unser Gärtner, hochgebildet, er lernt gerade Deutsch.
@Klaus
Auch ich habe das gelesen. Man mag gar nicht drüber nachdenken,oder versuchen es sich vorzustellen.😱😱😭😭
Und doch danach irgendwie mit dem Trauma klar kommen. Und ja,der letzte Satz ist mir auch im Gedächtnis geblieben. Er war ja auch bei Lanz. Und der fragte,nach dem Erlebten und wie es dort zugeht in Gaza,ob er nicht in die Politik gehen möchte. Und Eli Sharabi meinte dann: Wer mich mag ,schickt mich nicht in die Politik. Das ist nichts für ihn.
Das Buch wäre mal was für Ludovico,Blubi und Anhänger! Ebenso das Buch: Wenn Israel fällt,fällt auch der Westen. Das könnte für sie sehr lehrreich sein. Da wird alles gut erklärt. Nicht was die immer schreiben, unrechtmäßig besetzt und den Kram. Nein,da können sie ihr Wissen auffrischen! 😉😉
Liebe Grüße Manu
Ich habe das Buch wiederholt gelesen, das erste Mal unter Tränen. Eli Sharabi schreibt kämpferisch, nicht vom Hss zerfressen, dem Leben zugewandt. Keinen einzigen Augenblick zweifelte er daran, freizukommen. Die Mitgefangenen profitierten eindeutig von seiner eingenommen Vaterrolle. Ich hege große Bewunderung für ihn und alle überlebenden Geiseln. Ich glaube, ich hasse die Terroristen mehr als er, dabei hätte er so viel mehr Grund dazu. Ich bete jeden Tag, dass auch Ran Gvili zurückkehrt, damit auch seine Familie abschließen kann. Ein Trauma wird das Massaker immer bleiben, für jeden Israeli. Eine Wunde mit vielen Narben, so viele Menschen haben Kinder, Eltern, Geschwister, Soldaten, Freunde verloren.
Aber: Am Israel chai! 🎗🙏🇮🇱
Das Volk Israel lebt!
Manu, was unsere Antisemiten/zionisten betrifft, die kann man auch mit diesem Buch nicht mehr ändern, die sind in ihrer Blase gefangen und für die Wahrheit nicht mehr empfangsbereit und damit verbrannt. Die würden Sharabi noch der haltlosen Übertreibung oder schlicht der Lüge bezichtigen. Um sich DAS vorzustellen, reicht deren Horizont einfach nicht weit genug .
SHALOM
Ich danke dem allmächtigen Gott, dass er Eli Scharabi hat überleben lassen. Ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass er Jahwe, den Gott allen Lebens, mehr und mehr lieben lernt.
Lieber Gruß Martin
Ich muss Klaus Recht geben. Antisemitismus ist ein tief verwurzeltes Einstellungsmuster, das auf spezifischen Emotionen basiert. Weshalb man Antisemetismus weder mit einem Buch, noch mit guter Bildung bekämpfen kann.