Hintergrund: Palästinensische Krankenwagen im Kreuzfeuer

„Wahllos schießen israelische Soldaten auf Krankenhäuser, Krankenwagen, Ärzte, Sanitäter, Journalisten, Schulen, Universitäten, Fabriken, Frauen, Kinder, Flüchtlinge und heilige Stätten!“ Palästinenservertreter sparen nicht mit Worten, wenn es darum geht, den Erzfeind und Besatzer Israel der Kriegsverbrechen zu bezichtigen. Ein besonderer Vorwurf ist, daß Rettungsfahrzeuge auf dem Weg ins Krankenhaus beschossen worden sein sollen.

Die Zahl der Augenzeugenberichte, die nicht mit grausamsten Details sparen, ist Legion. An den Straßensperren der „Besatzungsmacht“ mußten Dialyse-, Herz- und Krebspatienten stundenlang leiden. Kinder wurden in den Autos auf entwürdigende Weise vor den Augen der jungen israelischen Wehrpflichtigen geboren. Krankenwagen durften selbst mit lebensgefährlich Verletzten an Bord nicht passieren. Geschichten von alten Menschen, die an Straßensperren starben, oder aber zu Hause zugrunde gingen, weil sie sich erst gar nicht hinaus trauten, machen die Runde.

Die „Gesellschaft des Palästinensischen Roten Halbmonds“ (PRCS) führt genau Buch. Bis dato wurden zwei PRCS-Mitarbeiter getötet, 129 verletzt und 71 Mal wurden Krankenwagen angegriffen und beschädigt. Kirchen, die UNO und internationale Menschenrechtsorganisationen, wie die „Ärzte für Menschenrechte“, die palästinensische Menschenrechtsorganisation LAW, die „Gesellschaft für Bürgerrechte in Israel“ und die israelische Friedensinitiative „Gush Shalom“, stimmen in den Aufschrei der Empörung mit ein.

Die israelische Armee (Zahal) gesteht ein, Krankenwagen aufzuhalten und zu untersuchen. Die Soldaten an den Straßensperren seien manchmal nervös und nicht bereit, Risiken einzugehen. Fraglos ist auch, daß eindeutig gekennzeichnete Fahrzeuge in den Auseinandersetzungen unter Beschuß gekommen sind.

Der Grund für diese Maßnahmen ist jedoch nach Zahal-Aussagen, daß die Rettungsfahrzeuge zum Transport von Waffen und Sprengstoffen genutzt wurden. Palästinensische Sanitäter hätten sich aktiv an Kämpfen beteiligt und israelische Sicherheitskräfte seien mehrfach direkt aus Krankenwagen heraus angegriffen worden. „Wenn Rettungsfahrzeuge Verletzte aus den Kampfgebieten evakuieren,“ erzählen israelische Soldaten, „bringen sie gleichzeitig neue Kämpfer an die Front.“

Ende Januar sprengte sich die PRCS-Mitarbeiterin Wafa Idris in der Jerusalemer Jaffa Straße in die Luft. Dabei wurde ein Israeli getötet, mehr als 100 wurden teilweise schwer verletzt. Muhammad Hababa, ein Aktivist der radikalen „Tansim“ aus Beit Iksa und Krankenwagenfahrer, soll sie in einem Krankenwagen aus dem el-Amari-Flüchtlingslager bei Ramallah in die Hauptstadt Israels gebracht haben.

Anfang März kam Dr. Khalil Suleiman in Dschenin ums Leben, sein Fahrer und ein PRCS-Sanitäter wurden schwer verletzt. Der Krankenwagen, in dem sie in Richtung auf eine Straßensperre unterwegs waren, folgte der Aufforderung der Soldaten anzuhalten, nicht. Als die Soldaten dann das Feuer eröffneten, explodierte das Auto. Es hatte offensichtlich eine große Menge Sprengstoff geladen. Ein israelischer Soldat und mehrere Passanten wurden leicht verletzt.

Immer wieder berichtet Zahal, wie sie gesuchte Terroristen als Ärzte und Sanitäter verkleidet verhaften konnte. Ende März nahmen israelische Geheimagenten an der a-Ram-Kreuzung südlich von Ramallah den Fahrer eines Krankenwagens und einen Selbstmordattentäter fest. Im Wagen selbst wurde ein Sprengstoffgürtel gefunden und vor den Augen von Journalisten entschärft.

Die Palästinenser lehnen jede Verantwortung für diese Vorfälle ab. Dr. Hossam K. Sharkawi, der im Hauptquartier die PRCS in Ramallah für alle Rettungskräfte verantwortlich ist und Wafa Idris persönlich gut kannte, weist die israelischen Vorwürfe und Beweisführungen als „frei erfunden“ zurück. Er begründet: „Das würde ja direkt unserem humanitären Auftrag widersprechen!“, und erzählt dann, wie die PRCS auch israelische Soldaten und Zivilisten behandelt hat. Der explodierte Krankenwagen in Dschenin sei von den Israelis mit Raketen beschossen worden. Die beschlagnahmten Waffen und Sprengstoffgürtel für Selbstmordattentäter hat nach Sharkawis Ansicht der israelische Geheimdienst in die palästinensischen Krankenwagen geschmuggelt.

Wer hat recht? — Beide Seiten untermauern ihre Behauptungen mit Bild- und Filmmaterial. Auf der einen Seite die kalt berechnenden Augen der israelischen Militärs, die zweifelsfrei Ausrüstungsgegenstände für Terroristen aus einem Rettungsfahrzeug heraus präsentieren. Auf der anderen Seite die treuherzigen Augen der Palästinenservertreter, die sich selbst nicht nur als Opfer dieses furchtbaren Konflikts verstehen, sondern auch darzustellen wissen. Die Diskussion um die palästinensischen Rettungsfahrzeuge ist eines der besten Beispiele dafür, wenn für Journalisten Aussage gegen Aussage steht.

Man muß sich allerdings fragen, welchen Nutzen Israel daraus ziehen könnte, den Mißbrauch palästinensischer Krankenwagen frei zu erfinden. Israelische Soldaten beschweren sich öffentlich darüber, wie beschämend es für sie ist, Krankenwagen und Patienten untersuchen zu müssen. Und wenn die Waffentransporte in Krankenwagen wirklich ein Propagandatrick wären, müßte man zumindest festhalten, daß die israelischen Propagandisten schmählich versagt haben. Denn wenn israelische Soldaten aus welchen Gründen auch immer Rettungskräfte in ihrem Einsatz behindern und gar auf Krankenwagen schießen, steht Zahal unweigerlich als „unmenschliche und brutale Besatzungsarmee“ vor den Augen der Welt.

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