Gorbatschow und Israel

Im Alter von 91 Jahren ist der letzte Staatspräsident der Sowjetunion verstorben. In Israel wird er für seine Politik gewürdigt, die Juden ermöglichte, ihren Glauben zu leben – und schließlich zu einer Masseneinwanderung nach Israel führte.
Von Merle Hofer

Foto: Вени Марковски | CC BY 3.0 Unported

Gorbatschows Öffnungspolitik bereitete Millionen Juden den Weg, aus der ehemaligen Sowjetunion auszuwandern

„Michail Gorbatschow ist gestorben. Drei ­Millionen Sowjet-Juden verdanken ihm ihre Freiheit“, twitterte Rabbiner Pinchas Goldschmidt am 30. August. Damit fasst der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz zusammen, was viele Israelis mit Gorbatschow verbinden: Durch seine Politik von „Glasnost und Perestroika“, von Offenheit und Umbau, ermöglichte der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) nicht nur die Öffnung der Grenzen, das Ende des Kalten Krieges und letztlich die Deutsche Einheit – sondern auch eine Massenauswanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion.

Infolge der Öffnungspolitik von Gorbatschow wanderten zwischen 1989 und 1999 knapp 800.000 Sowjet-­Juden nach Israel aus. Die Onlinezeitung „Times of Israel“ beschreibt dieses Phänomen als den „Zustrom von Hunderttausenden neuer Bürger, deren schiere Zahl anfänglich Israels Aufnahmefähigkeit herausforderte, deren Fähigkeiten, Vielfalt und Leidenschaft jedoch zu einem wesentlichen Bestandteil des modernen, blühenden jüdischen Staates geworden sind“.

Jüdische Herkunft wegen Antisemitismus verschwiegen

Heute zählt das Zentrale Statistikbüro etwa 1,2 Millionen russischsprachiger Einwohner, wobei nicht alle halachisch-jüdisch sind: Manche haben einen Juden als Vater, aber keine jüdische Mutter. In sowjetischen Dokumenten wurde die Abstammung vom Vater abgeleitet. Zudem war Religionsausübung unter dem kommunistischen Regime offiziell untersagt. Auch Antisemitismus führte dazu, dass viele Eltern ihren Kindern die jüdische Herkunft aus Sicherheitsgründen verschwiegen.

Gewürdigt wird in Israel vor allem eine Rede, die Gorbatschow 1991 anlässlich des 50. Jahrestages des Massakers von Babi Jar hielt. In der Schlucht auf dem Gebiet der ukrainischen Hauptstadt Kiew hatten Nationalsozialisten 1941 binnen zwei Tagen mehr als 30.000 Juden ermordet. In der Rede bekannte Gorbatschow, dass „selbst auf sowjetischem Boden giftige Sprossen des Antisemitismus entstanden“.

Der ehemalige Staatschef beklagte offen, dass es dieser Antisemitismus war, der so viele Juden veranlasst hatte, die Sowjetunion zu verlassen. Ein halbes Jahr nach seinem Rücktritt als Präsident sagte er bei einem Besuch in Israel 1992: „Ihr Exodus war ein Verlust für unser Land und unsere Gesellschaft.“

Der Oberrabbiner von Moskau erinnert sich

Pinchas Goldschmidt war von 1993 bis Juli 2022 Oberrabbiner in Moskau. In der „Jüdischen Allgemeinen“ schreibt der Wahlisraeli zu Gorbatschows Tod:

Ende der 1980er-Jahre durften Juden in der Sowjetunion endlich wieder Hebräisch lernen, in die Synagoge gehen und wieder offen jüdisch sein. Der neue Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow erlaubte ihnen, was seine Vorgänger jahrzehntelang verboten hatten. Keine Frage, auch Michail Gorbatschow unterlag Fehleinschätzungen, hat falsche politische Entscheidungen getroffen, als sich erste Sowjetrepubliken wie das Baltikum von Moskau lossagten und der Kreml zunächst mit militärischer Gewalt auf den beginnenden Zerfall seines Imperiums reagierte. Doch gleichzeitig beendete Gorbatschow den Kalten Krieg. Ihm gebührt Ehre und Anerkennung von allen Menschen, weil er eines der repressivsten, stupidesten totalitären Regime gestürzt hat, das einen großen Teil der Menschheit versklavt hatte.

Es war unter Gorbatschow, als meine Frau Dara und ich 1989 in die Sowjetunion kamen, um die jüdische Gemeinde in Russland wiederaufzubauen, die vom sowjetischen Regime zerstört worden war. Wir gründeten Kindergärten, Schulen und Synagogen neu, zunächst während der Gorbatschow-Jahre und später nach dem gescheiterten Staatsstreich im August 1991, als die Sowjetunion zerfiel und der neue russische Staat unter Präsident Boris Jelzin entstand.

Einmal besuchte ich Gorbatschow, es war im Jahr 1996, vor den Präsidentschaftswahlen in Russland. Er fragte mich: „Soll ich kandidieren?” Ich antwortete ihm scherzhaft: „Ja – in Israel. Dort sind Sie sehr beliebt!” Als ich die Geschichte Wochen später dem amtierenden israelischen Premierminister Schimon Peres erzählte – das Land stand damals nach der Ermordung von Jitzchak Rabin unter Schock –, dachte er, ich meine es ernst. Da er selbst vor einer schwierigen Wahl stand, sagte er: „Wir haben schon genug Kandidaten in Israel!”

Während Gorbatschow über die Jahre hinweg nicht nur in Israel und bei den Juden in der ehemaligen Sowjetunion sehr beliebt blieb – sowie als Wegbereiter der deutschen Wiedervereinigung auch in Deutschland –, erfuhr er in Russland kaum öffentliche Unterstützung. Die horrenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die den größten Teil der Bevölkerung während und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion heimsuchten, der Wegfall des sowjetischen Sicherheitsnetzes, der Mangel an Konsumgütern und die Scham vieler Sowjetbürger über den Zerfall des Systems, an das man sie so lange hatte glauben lassen, trugen dazu bei, in Gorbatschow den Schuldigen dieser Misere zu sehen.

Israelnetz Magazin

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