Glosse: Drängelei in Paris

Wenn alle Welt sich trifft, dann wird es eng. Frankreichs Staatspräsident François Hollande stand in der Mitte und neben ihm Angela Merkel. Alle hakten sich ein und los ging der Solidaritätsmarsch in Paris. Doch am Rande der Demo gab es schon bald Drängelei.
Mitten im Geschehen: Netanjahu (l.) und Abbas (r.) beweisen Geltungsdrang.
Mitten im Geschehen: Netanjahu (l.) und Abbas (r.) beweisen Geltungsdrang.
Der spontan organisierte Marsch folgte offenkundig keiner einstudierten Choreographie. So musste jeder Staatsmann selbst dafür sorgen, dass ihm jene Position zuteil wird, die seiner jeweils wahrgenommenen Weltgeltung entspricht. Dabei galt: Vorne in der Mitte, rund um das Tandem Hollande-Merkel, spielte die Musik. Dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu reichte es offenkundig nicht, in der zweiten Reihe anzutreten. Dort fand er sich nämlich kurz vor dem Start wieder. Entsprechend suchte er auf den ersten Metern des Marsches sein Glück. Durch beiläufiges Geplauder mit Malis Präsidenten Ibrahim Bobacar Keita, der bei Hollande eingehakt war, und einen abrupten Stopp des französischen Präsidenten in Verbindung mit der Trägheit des restlichen Zuges gelang es Netanjahu, sich unversehens in die erste Reihe vorzuschieben. Das israelische Fernsehen hatte natürlich den eigenen Premierminister bei seinen Manövern im Visier. Die Kameras fingen somit auch ein, wie er ständig mit erhobenem Arm irgendwelchen Demonstranten auf Dächern oder in den Häusern am Straßenrand zuwinkte, als ob er im offenen Wagen bei einem fröhlichen Staatsbesuch durch jubelnde Massen führe. Etwas später wurde Netanjahu durch den ehemaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy wieder etwas abgedrängt. Doch die Position Israels in der ersten Reihe der Honoratioren bei dem Pariser Solidaritätsmarsch war unübersehbar.

Anwesenheit unerwünscht

Das war umso bemerkenswerter, als die Franzosen am Wochenende den Israelis mitgeteilt hatten, dass die Anwesenheit Netanjahus „unerwünscht“ sei. Die Franzosen wollten weder den jüdisch-muslimischen Konflikt noch den israelisch-palästinensischen Nahoststreit hervorheben, während sie mit dem Ruf „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) in erster Linie der ermordeten Journalisten der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ gedachten. Laut Tagesschau hieß es: „bei der Geiselnahme hier im Südosten von Paris starben später dann vier Geiseln, wohl alle durch die Schüsse des später getöteten Geiselnehmers“. Und so erfährt der Fernsehzuschauer auch nicht, wer diese anderen Geiseln „im Südosten von Paris“ waren. Kein Wunder also, dass auch die Franzosen keine Lust hatten, dem Massaker im jüdischen Supermarkt eine besondere Bedeutung beizumessen. Mit der betonten Anwesenheit von Netanjahu rückte freilich die jüdische Komponente doch in den Vordergrund. Ohnehin war längst bekannt, dass der Anschlag im jüdischen „Hyper Casher“ ganz gezielt von der islamistischen Terror-Organisation Al-Qaida im Jemen in Auftrag gegeben und finanziert worden war. Aber im politisch korrekten Europa scheint es verpönt zu sein, den speziellen Hass radikaler Muslime auf Juden zur Sprache zu bringen. Und überhaupt hat zu gelten: Der Islam ist die „Religion der Liebe“ und führt keinerlei Religionskrieg. Noch ein anderes Hindernis hatte sich Netanjahu in den Weg nach Paris gestellt. Zunächst hieß es, Netanjahu nehme aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht am Marsch teil. In letzter Minute entschied er sich dann doch, nach Paris zu fliegen. Was genau ihn dazu bewegt hat, ist nicht bekannt. Aber klar ist, dass Netanjahu mitten im Wahlkampf steht. Und da hatte sich eine sehr umfangreiche israelische Delegation gebildet, mit lauter Gegnern des Premierministers, allen voran Außenminister Avigdor Lieberman und Handelsminister Naftali Bennett. Das allein könnte Grund genug für Netanjahu sein, alle Bedenken seiner Personenschützer in den Wind zu schlagen, und sich mutig in die Wahlkampf-Schlacht zu stürzen. Während also auf dem linken Flügel des Millionenmarsches der israelische Premier, eingehakt mit einem glatzköpfigen Sicherheitsmann, nach vorne drängte, hat die „Bild“-Zeitung auf dem rechten Flügel eine fast identische Szene beobachtet und mit Fotos dokumentiert.

Alter vor Schönheit

Dort war es ein 79 Jahre alter weißhaariger Opa, der sich aus der zweiten Reihe hinter Merkel und EU-Ratspräsident Donald Tusk in den Vordergrund drängelte: der palästinensische Präsident Mahmud Abbas. Zeitweilig stehen neben Abbas noch die Königin Rania von Jordanien und ihr Gatte König Abdullah. Doch aus Anstand ergreift Abbas nicht den Arm der hübschen Königin. Zumal seine Ziele höher liegen: Zone A, wird er sich gedacht haben, ist bei Hollande und Merkel. Schritt für Schritt schob er sich vor. Das taktische Manöver ist schließlich von Erfolg gekrönt: Merkel erblickt den palästinensischen Präsidenten und reicht ihm am EU-Ratspräsidenten vorbei die Hand. Die EU wird in die zweite Reihe verstoßen, während am linken Flügel ein sehr finster dreinblickender Netanjahu die Szene beobachtet. Das französische Protokoll war endgültig überlistet. Netanjahu trennen von Hollande immer noch Sarkozy und der Staatspräsident von Mali, während Abbas es geschafft hat, nun direkt neben der mächtigsten Frau Europas zu stehen. Die konnte freilich ihren Platz neben dem französischen Gastgeber behaupten. Abbas mag seinen Geltungsdrang besser umgesetzt zu haben, doch beiden Kontrahenten aus Nahost gebührt die Ehre. Es ist bemerkenswert, wie sie es geschafft haben, sich im Beisein von knapp 50 Staats- und Regierungschefs derart in den Mittelpunkt zu drängen. Internationale Kommentatoren haben sich derweil jene Teilnehmer an dem Freiheitsmarsch vorgeknöpft, die Menschenrechte und Pressefreiheit in ihren Ländern eher mit Füßen treten.

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