Glosse: Diplomaten-„Curling“ in Nahost

Bislang wurden die diplomatischen Bemühungen im Nahostkonflikt gern mit dem Feilschen auf einem orientalischen Basar verglichen – kein schlechtes Bild, aber das war vor den Olympischen Winterspielen von Salt Lake City.

Wer die Bemühungen in der aktuellen „Friedensinitiative“ des saudischen Kronprinzen Abdullah ibn-Abdul Aziz al-Saud betrachtet, kommt um einen Vergleich mit der neuen Trendsportart „Curling“ nicht herum.

Dabei muß ein rund 19 Kilogramm schwerer glatter Spielstein aus Granit über eine 42 Meter lange Eisfläche in die Mitte eines Spiel-Mals (Haus) plaziert werden.

Wenn eine Mannschaft den Stein gut auf den Weg und mit ihren Besen voran gebracht hat und dann nicht weiter spielt, kann ihn die andere nach der sogenannten „Tee-Line“ mit dem Besen ganz sanft aus dem Haus heraus polieren, in dem sie die Eisbahn so glatt schrubbt, daß der Stein länger läuft als geplant. Durch das Wischen wird die Eisoberfläche erwärmt, es bildet sich ein feiner Wasserfilm. Dadurch entsteht eine geringere Reibung zwischen der Lauffläche des Steins und dem Eis. Man kann den gegnerischen Stein auch mit einem eigenen heraus schießen.

Das diplomatische Parkett ist auch glatt – und die Mitspieler im Nahen Osten „wischen“ derzeit nach Kräften.

Also auf zum Nahost-Curling!

Die Spielaufstellung und die Taktik:

Saudi Arabiens Mannschaft möchte nach dem 11. September wieder als ernsthafter Spielkamerad des Westens gelten – und nicht als Schurkenmannschaft. Deshalb ist sie neu beim Curling dabei. Sie spielt den Stein „Friedensinitiative“ mit leichtem Drive Richtung Amerika. Sie will den Stein diesmal nicht im Haus plazieren, sondern nur zeigen, wie elegant sie wischen kann.

Israels Mannschaft hat in der Vergangenheit diesen Stein oft gespielt – war jedoch nur zweimal, 1979 und 1994, erfolgreich. Deshalb sitzt die Mannschaft von „Skip“ Sharon am Rand und hält die Besen bereit. Der Skip meistert – laut Curling-Definition – alle Situationen, ist strategisch, taktisch und spielerisch jederzeit fähig, selbst unter größtem Druck alles unter Kontrolle zu behalten. Der Skip muß das Eis beurteilen können. Der israelische „Third“ Peres jubelt der saudischen Mannschaft aus taktischen Gründen laut zu. Der Third ist als Vize-Skip Problemlöser – er hat Taktikverständnis, ein gutes Urteilsvermögen für die Wischarbeit und beherrscht alle Arten der Steinabgabe.

Das „Team USA“ hat in den vergangenen 30 Jahren mit einem guten Dutzend unterschiedlicher Steine und Besen experimentiert – und mag es gar nicht, wenn andere auf ihrer Eisfläche wischen. Saudi Arabiens Stein hat sie überrascht. Sie suchen in der Besenkammer nach Werkzeug – bis sie es gefunden haben, spenden sie ein wenig Beifall.

Die Mannschaft der Europäischen Union mag Curling mehr als alles andere. Sie will aber nicht unbedingt gewinnen. Deswegen darf hier jeder nach Belieben Steine spielen und wischen. Europa jubelt allen zu, solange Steine über das Eis gleiten – und bietet ständig kostenlos neue Besen für alle an.

Die Mannschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde kommt vom Eishockey, liebt deshalb Body- und Cross-Checks. Seit dem Turnier von Oslo 1993 weiß sie, daß Curling populär ist. Eigentlich mag sie den Sport aber nicht. Sie nimmt deshalb nur sporadisch an Turnieren teil, wenn sie von den Amerikanern aufgefordert werden.

Der Spielverlauf:

Saudi Arabiens Mannschaft spielt den gleitenden Stein hinter der sogenannten Tee-Linie nicht weiter. Israels Mannschaft will den Stein der Saudis nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie müßten ihn sonst mit dem nächsten eigenen Stein heraus schießen. „Skip“ Sharon weiß jedoch, daß die Europäer das Geräusch aufeinanderprallender Steine nicht mögen. Deswegen wischen die Israelis den langsam gleitenden saudischen Stein durch geschickte Verlängerung aus dem Haus. Der europäischen Mannschaft erklärt der israelische Skip, man habe den Saudi-Stein nur elegant besser plazieren wollen. Daß er aus dem Haus gelaufen sei – dafür könne man nichts.

Das Ergebnis:

Meistens werden acht oder zehn sogenannte Ends (Spielrunden) ausgetragen. die bei unentschiedenem Spielstand und entsprechenden Modus mit weiteren Zusatz-Ends ergänzt werden. Der Schiedsrichter, „Umpire“ genannt, wird von den Skips nur dann aufgefordert, wenn Regeln verschieden ausgelegt werden oder um mittels Meßgerät die Lage der Steine zu bestimmen. Er heißt Kofi und spielt Curling seit er Laufen kann.

Weil die saudische Mannschaft nicht treffen möchte und die israelische alle Steine über das Haus hinweg ins Aus wischt, endet das Spiel unentschieden.

Die Amerikaner sind unterdessen in der Besenkammer fündig geworden und bereiten zudem eine neue Eisfläche vor. Weil die Mannschaft von Skip Arafat beharrlich erklärt, ihre Eishockeyschläger seien in Wahrheit Besen, darf sie nicht mehr mitspielen. Die immer neuen geschenkten Besen aus Europa tauscht sie gegen Helme aus Persien. Die Saudis haben genug vom Curling – und gehen wieder auf den orientalischen Basar, um dort Öl zu verkaufen.

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