Gewalt in Israel

Die Gewalt greift immer weiter um sich. Erst in Jerusalem, dann in Kafr Kana und inzwischen in fast allen arabischen Ortschaften Israels. Die Ereignisse überschlagen sich – Israelis und Palästinenser machen sich gegenseitig für die Unruhen verantwortlich.
Die Unruhen beschränken sich nicht mehr nur auf das Gebiet um den Jerusalemer Tempelberg, sondern weiten sich auf arabische Ortschaften aus.
Steinwürfe gelangweilter Minderjähriger, Straßenkämpfe mit Feuerwerkskörpern, die wie Raketen auf Polizisten und Grenzschützer abgeschossen werden und schließlich Autos, die als Mordwaffe eingesetzt werden. Ein Palästinenser warf mit seinem Bagger einen Bus um und tötete auf dem Weg einen Israeli. Ein anderer überfuhr bei einer Straßenbahnhaltestelle ein drei Monate alte Baby und weitere Menschen. Dann kam es zu dem Attentat auf Rabbiner Jehuda Glick, verübt von einem Palästinenser, der elf Jahre wegen Terror im Gefängnis saß und weitere Anschläge angekündigt hatte. Als Reaktion ließ Innenminister Jitzhak Aharonowitsch zum ersten Mal seit 1967 den Jerusalemer Tempelberg einen Tag lang für alle schließen, auch für Moslems. Diese Maßnahme zur Beruhigung der Gemüter ließ das Fass vollends überlaufen.

Abbas spricht von dritter „Intifada“

Der Tempelberg steht seit Monaten im Mittelpunkt der Konfrontationen. Islamisten und von der Hamas gelenkte Jugendliche liefern sich regelmäßig gewalttätige Schlachten mit der Polizei. Sie bewerfen Touristen und Juden mit Steinen und versuchen, jegliche Besuche von „Ungläubigen“ auf dem umstrittenen Heiligtum zu unterbinden, obgleich es Juden wie Christen ebenso heilig ist, wie Moslems. Jordanien rief seinen Botschafter aus Israel ab und die „Palästinensische Befreiungsorganisation“ (PLO) verfügte, dass Journalisten nicht mehr vom „Tempelberg“ schreiben dürften, sondern nur noch vom „Haram A-Scharif“ (Erhabenes Heiligtum). Früher hatten auch die Moslems vom „Beit el-Makdis“, dem „Ort des Tempels“, gesprochen. Heute behaupten Palästinenser, dass es dort niemals einen salomonischen Tempel oder den Zweiten Tempel des Herodes gegeben habe. Die Juden hätten bestenfalls irgendwo im Jemen einen verschwundenen Tempel gehabt, während die europäischen Juden, mit Hinweis auf ein Buch des israelischen Professors Schlomo Sand, von den Kusaren abstammen. Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas spricht von einer dritten „Intifada“ und ruft zu weiteren Überfahr-Anschlägen auf, während er den getöteten palästinensischen „Terroristen“ mit Kondolenzbriefen dazu gratuliert, als Schahid (Märtyrer) in den Himmel gefahren zu sein. Abbas muss sich profilieren, da die Hamas ihm mit Demonstrationen in den palästinensischen Autonomiegebieten die Macht streitig macht. Während Abbas hunderte Hamas-Mitglieder verhaften lässt, explodieren im Gazastreifen Sprengkörper an den Türen von 30 Fatah-Leuten. Daraufhin storniert der palästinensische Premierminister Rami Hamdallah einen Besuch im Gazastreifen, während in Gaza eine Kundgebung zum Tod des vor zehn Jahren verstorbenen Fatah-Führers Jasser Arafat abgesagt wird. Die Hamas behauptete, die Arbeiter bei der Errichtung der Tribüne nicht sichern zu können. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu ist derweil unfähig, die Ereignisse in den Griff zu bekommen. Zwar beschwört er die Jordanier und die Palästinenser, den Status quo am Tempelberg mitnichten geändert zu haben. Aber die Botschaft kommt nicht an. Jeder Besuch eines rechtsgerichteten israelischen Ministers oder Parlamentariers wird als Provokation interpretiert und gilt als Beweis für die Absicht Netanjahus, die Al-Aksa-Moschee zu zerstören, um an ihrer Stelle einen jüdischen Tempel zu errichten. Zum Status quo gehören auch die Besuche der durch Immunität geschützten Politiker. Netanjahu kann sie nicht unterbinden. In diese ohnehin explosive Lage fällt der Tod eines Jugendlichen aus Kafr Kana bei Nazareth, also im Kernland Israels. Der Jugendliche ging mit einem Messer bewaffnet auf einen Streifenwagen los. Die Polizisten fühlten sich bedroht. Einer stieg aus dem Wagen aus und erschoss den flüchtenden Jungen, ohne zuvor einen Warnschuss abzugeben. Die Szene wurde von einer Sicherheitskamera gefilmt. Anstatt eine Ambulanz zu rufen, wurde das Opfer im Streifenwagen ins Hospital gebracht. Das brachte die israelischen Araber gegen die Polizei, die Regierung und den Staat auf. Netanjahu reagiert mit markanten Worten. Wer sich gegen den Staat Israel erhebt, dem soll die Staatsangehörigkeit aberkannt werden. Netanjahu will keine palästinensischen Flaggen bei Protesten in Israel sehen.

Kein Ende der Gewalt in Sicht

Derweil kommt es zu weiteren Vorfällen. So wurde ein Bus auf der Autobahn zwischen Tel Aviv und Jerusalem bei Abu Gosch mit Steinen beworfen. Irad Herschkowitz von der „Samaria Territorial Brigade“ erklärte: „Heute ist jeder palästinensische Autobesitzer ein potentieller Terrorist.” Deshalb sollen betongefüllte Poller an allen von Israelis benutzten Stellen für Tramper in den Boden gelassen werden. In der Nacht zum Montag gibt es weitere Zwischenfälle. Bei Fureidis südlich von Haifa wird die Autobahn gesperrt, um einen Sprengkörper zu neutralisieren, der auf einen Polizeiwagen geworfen wurde. Bei Taibe wird ein jüdischer Israeli in seinem Auto von arabischen Jugendlichen angegriffen, sie zünden das Fahrzeug an. Der Mann erzählt später, dass andere Araber ihn gerettet und aus dem Auto gezogen hätten. Am Dienstag geht die Gewalt weiter: In Tel Aviv wird ein Soldat von einem Palästinenser mit einem Messer schwer verletzt. Der Angreifer wird verhaftet. Am Ort des Angriffes kommt es zu tumultartigen Protesten von Israelis gegen Minister Aharonowitsch. Zwischen all der Gewalt stürmte auch noch ein betrunkener Fußballfan während eines Spiels zwischen den beiden wichtigsten Tel Aviver Mannschaften in eine Arena. Er traktierte einen Spieler mit Fußtritten und biss einem Polizisten in den Bauch. Das Liga-Derby wurde gestoppt. Spiele zwischen jüdischen und arabischen Klubs wurden ausgesetzt, wegen der „delikaten Lage“, wie die Polizei ankündigte. In Wirklichkeit hat sie keine Reserven mehr, auch noch Fußballspiele abzusichern.

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