Bomben auf Palästina: Im Zweiten Weltkrieg wurde auch Tel Aviv Opfer von Luftangriffen, wie hier im September 1940

Bomben auf Palästina: Im Zweiten Weltkrieg wurde auch Tel Aviv Opfer von Luftangriffen, wie hier im September 1940

Der Zweite Weltkrieg aus Sicht Palästinas

Der deutsch-israelische Historiker Dan Diner wirft einen ungewohnten Blick auf den Zweiten Weltkrieg. Im Fokus: Palästina als geopolitischer Angelpunkt vor allem für das britische Empire. Eine Rezension von Sandro Serafin

Das Wissen darüber, dass der Zweite Weltkrieg nicht nur in Europa, sondern eben nahezu auf der ganzen Welt tobte, spielt in der kollektiven Erinnerung der Deutschen kaum eine Rolle. Zu groß ist die Fokussierung auf unseren Kontinent und vor allem den Vernichtungsfeldzug im Osten. Dabei gab es doch daneben noch so viele andere Kriege, die das Leben von Millionen Menschen prägten (und kosteten) – und die gemeinsam zu eben jenem Welt(!)krieg verschmolzen.

Genau in diese Kerbe schlägt der israelische Historiker Dan Diner: Mit seinem bereits im Frühjahr erschienenen Buch „Ein anderer Krieg“ tritt er, wie er direkt zu Beginn klar macht, einer „eingeschliffenen Wahrnehmung“ gegenüber, die er neu justieren will. Seine ungewohnte Perspektive auf den Weltenbrand ist dabei die eines Blicks von Süd nach Nord, anstatt von Deutschland ausgehend. Genauer: Diner hat den Anspruch, „das jüdische Palästina“ in den Fokus seiner Untersuchung zu rücken.

Dass es dem Autor, der emeritierter Professor der Hebräischen Universität Jerusalem und ehemaliger Direktor des Simon-Dubnow-Instituts in Leipzig ist, dabei nicht darum geht, eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs „in“ Palästina – womöglich noch mit einem Blick auf die unmittelbaren Anrainer – zu schreiben, wird schnell deutlich. Schon im allerersten Satz verspricht er nicht weniger als eine „Anatomie des Zweiten Weltkriegs“. Dementsprechend liefert das Buch auch weniger eine Nahaufnahme der Situation des Jischuw in den Kriegsjahren, als vielmehr einen an vielen Stellen vor allem geopolitisch geprägten Blick aus der „globalen Ferne“ auf den Nahen und Mittleren Osten im Gefüge des Weltkriegs.

Dabei lässt Diner Palästina auf seinen knapp 300 Seiten gekonnt als einen „Schnitt- und Angelpunkt“ hervortreten, an dem die europäische mit der außereuropäisch-kolonialen Dimension des Kriegs aufeinandertraf. Deutlich wird vor allem die Rolle der Region als Teil eines Schutzwalls für die britische Kronkolonie Indien.

„Die Tankstelle“ Haifa

Haifa spricht Diner sogar den Status eines „imperialen Knotenpunktes“ zu: Hier, im Norden des heutigen Israel, endete eine von zwei Ölpipelines, die aus dem irakischen Kirkuk in Richtung Mittelmeer liefen. Die Deutschen nannten es „die Tankstelle“. Für die Versorgung der britischen, im ägyptischen Alexandria liegenden Mittelmeerflotte war das schwarze Gold von eminent wichtiger Bedeutung – mit der Folge, dass die Stadt (wie auch Tel Aviv) ab Juli 1940 zum Opfer italienischer und später deutscher Luftwaffenangriffe wurde.

Als „imperialer Knotenpunkt“ hatte Haifa für die Briten eine wichtige Funktion – und wurde deswegen von Fliegern der „Achse“ bombardiert

Als „imperialer Knotenpunkt“ hatte Haifa für die Briten eine wichtige Funktion – und wurde deswegen von Fliegern der „Achse“ bombardiert

Besonders interessant nehmen sich die grenzübergreifenden Verbindungen der unterschiedlichen Konfliktschauplätze und Interessenslagen aus, die im Buch deutlich werden. Die antijüdische Politik der Briten in Palästina, die mit dem Weißbuch 1939 ihren vorläufigen Höhepunkt fand, schildert Diner als Reaktion auf die „muslimische Internationalisierung der Palästina-Frage“. Vor allem die indischen Muslime hatte London sich gewogen zu halten.

Als die Briten 1938 gegen den arabischen Aufstand in Palästina ankämpften, verabschiedete die Regierung der indischen Provinz Bengalen ein Memorandum. Diese drohte laut Diner „unverhüllt“, sich im Falle eines Krieges nicht an die Seite der Kolonialmacht zu stellen. Hier verschränkten sich zwei Konfliktlagen, der große Krieg in der Welt und der kleine um die Zukunft Palästinas. Die Briten zogen aus dieser allgemeinen Bedrohungslage den viel zitierten, so von Premierminister Neville Chamberlain geäußerten Schluss: „Wenn wir eine Seite vor den Kopf stoßen müssen, dann lasst uns lieber die Juden als die Araber verärgern.“

Nicht nur Palästina im Blick

Doch Diner bleibt mit seinen Analysen der geostrategischen und sonstigen Zusammenhänge nicht bei Palästina stehen. So finden sich etwa auch umfassende Ausführungen zur kolonialen Situation in Indien wieder. Die Verbindungslinien zum eigentlich benannten Thema „Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg“ werden an diesen Stellen, allen Zusammenhängen zum Trotz, bisweilen dünn. Das Werk ist hier eher ein Blick auf das britische Empire und den Zweiten Weltkrieg als auf das „jüdische Palästina“, wie es der Untertitel verspricht. Jene Leser, die primär an der Situation in Palästina interessiert sind, werden hier einige Seiten überspringen können.

Auf ihre Kosten kommen sie am Ende gleichwohl dort, wo Diner dann doch einen näheren Blick auf den Jischuw selbst wirft. Gewinnbringend lesen sich hier etwa seine Ausführungen zu den Reaktionen auf die Bombardierung Haifas im September 1940. Diner berichtet, dass der jüdische Bürgermeister Shabtai Levy im Anschluss den Angehörigen getöteter Araber Kondolenzbesuche abstattete und die Instandsetzung einer getroffenen Moschee in Aussicht stellte.

Dan Diner: „Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935 – 1942“, Deutsche Verlags-Anstalt, 352 Seiten, 34,00 Euro, ISBN: 978-3-421-05406-7

Dan Diner: „Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935 – 1942“, Deutsche Verlags-Anstalt, 352 Seiten, 34,00 Euro, ISBN: 978-3-421-05406-7

Interessant sind auch seine Ausführungen zu den Planungen in Hagana-Kreisen, sich – geradezu im Stil eines „zweiten Massada“ – in das Karmel-Gebirge zurückzuziehen für den Fall, dass Generalfeldmarschall Erwin Rommel in Ägypten durchgebrochen wäre und dann freie Fahrt nach Palästina gehabt hätte. Dass das Land in die Hände der „Achse“ fallen würde, war durchaus im Bereich des Denkbaren, war es 1942, als Achsentruppen im Norden im Kaukasus und im Süden bei El-Alamein standen, doch in einen gefährlichen „Zangengriff“ geraten.

Der Jischuw überlebte nur aus Zufall

Zu einer besonders starken, das zionistische Palästina betreffenden These kommt Diner noch gegen Ende des Buches: Warum eben dieses kritische Jahr 1942 eine Lücke der zionistischen Erinnerung hinterlassen habe, möchte er wissen. Seine Antwort: Nicht das Land Eretz Israel konnte den Jischuw retten, sondern „der Triumph der britischen Waffen über die Achse in der Westlichen Wüste“. Das, meint Diner, habe einen „Grundpfeiler eigenen Selbstverständnisses beschädigt“. Die Juden Palästinas hätten nur „eines bloßen Zufalls wegen“ überlebt – und diese Erkenntnis sei aus zionistischer Sicht „schwer erträglich“.

Mehr solcher tatsächlich den Jischuw betreffenden Schilderungen hätten dem Buch zumindest aus Sicht der Israel-interessierten Leser sicher gut getan, gerne auch mit noch mehr Details. Gleichwohl steht am Ende ein Werk, das mit der Einnahme einer neuen Perspektive ganz neue Erkenntnisse ermöglicht, für Israel-Interessierte genauso wie für allgemeine Geschichtsliebhaber.