Israels Generalkonsulin in München Shamir hält die Arbeit von Historikern für essentiell

Israels Generalkonsulin in München Shamir hält die Arbeit von Historikern für essentiell

Israel Partnerland beim Deutschen Historikertag

Israel ist Partnerland eines der wichtigsten historischen Fachkongresse, der in dieser Woche online stattfindet. Eine israelische Diplomatin macht deutlich, warum Historiker für die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel wichtig sind. Und ein israelischer Schriftsteller erklärt die Aufgabenteilung zwischen Kunst und Geschichtswissenschaft.

MÜNCHEN (inn) – Die Generalkonsulin Israels in München, Carmela Shamir, hat die Relevanz geschichtlichen Wissens für die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel hervorgehoben. In einer Rede zum Auftakt des 53. Deutschen Historikertages, eines der wichtigsten Treffen der Zunft, wies sie auf die Aufgabe der Geschichtswissenschaften hin, Komplexitäten für eine breitere Öffentlichkeit aufzubereiten. „Das ist schwierig, aber essentiell, auch für die Kontinuität der guten israelisch-deutschen Beziehungen“, sagte sie am Montag. „Als israelische Diplomatin kann ich Ihnen sagen, dass viele Menschen keine komplexen Antworten über Israels Vergangenheit und Gegenwart hören möchten.“

Israel ist erstmals Partnerland der Tagung, die von Montag bis Freitagnachmittag mit mehr als 2.500 Teilnehmern und rund 600 Referenten vorwiegend online stattfand. Der Historikertag ist deutlich älter als der jüdische Staat: er geht auf eine „Versammlung deutscher Historiker“ zurück, die erstmals 1893 abgehalten wurde. Die Wahl fiel auch deshalb auf Israel, weil in München als Standort der Veranstaltung wichtige Institutionen wie das israelische Generalkonsulat, die Israelitische Kultusgemeinde oder das Zentrum für Israel-Studien zuhause sind.

„Israel für alle Epochen relevant“

„Israel hat zudem den großen Vorteil, dass es für alle Epochen relevant ist“, erklärte Eva Schlotheuber, scheidende Vorsitzende des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, am Freitag. „Das ist für uns als Zunft eine Chance, über die verschiedenen Aspekte dieser langen, verschlungenen Geschichte zu diskutieren.“ Das Treffen stand in diesem Jahr unter dem Motto „Deutungskämpfe“. Bereits am Montag hatte Schlotheuber betont, Israel und der Nahe Osten stünden „gleichsam im Zentrum von jahrhundertelangen politischen und kulturellen Deutungskämpfen, in denen immer wieder bis in die weite Antike zurückreichende Geschichte aufgerufen und mitverhandelt wird“.

An der Tagung nahmen auch zahlreiche bekannte israelische und deutsch-jüdische Historiker teil, darunter Tom Segev, Mosche Zimmermann und Michael Brenner. In sogenannten Fachsektionen trugen sie Detailreferate vor und diskutierten aktuelle geschichtswissenschaftliche Fragen. So setzten sich am Dienstag etwa Zimmermann und die Historiker Lorena De Vita, Jeffrey Herf, Hubert Leber und David Witzthum mit der Frage auseinander, ob die deutsch-israelischen Beziehungen „wirklich so besonders“ seien und versahen dies zumindest teilweise mit einem großen Fragezeichen. Andere Sektionen gaben Einblicke in „Israels neue Sozialgeschichte“ oder behandelten „sichtbare und unsichtbare Grenzen in Israel“. Der Großteil der Fachpodien hatte aber keinen Israel-Bezug.

Schriftsteller Grossman zu Gast

Als besonderer Gast war am Donnerstag der linke israelische Schriftsteller und Träger des Israel-Preises David Grossman geladen. Er tauschte sich mit Brenner und der Münchner Historikerin Mirjam Zadoff unter anderem darüber aus, wie sich Geschichtswissenschaft und Kunst, auch im Hinblick auf die Erinnerung an die Scho’ah, ergänzen: „Die Historiker geben uns die wissenschaftlichen Mittel, um die richtigen Fragen zu stellen, wir müssen die Fakten, die Zahlen, die Prozesse kennen“, meinte Grossman, der in Mevasseret Zion nahe Jerusalem lebt. „Aber es ist nicht genug. Das allein reicht nicht, um Menschen wirklich anzurühren. Dafür brauchen wir Kunst.“

Der israelische Novellist Grossman empfindet es als Privileg, auf Hebräisch zu schreiben

Der israelische Novellist Grossman empfindet es als Privileg, auf Hebräisch zu schreiben

Der Novellist sprach auch über die besondere Rolle des Hebräischen: „Es ist ein Privileg, in einer Sprache zu schreiben, die an so alte Zeiten erinnert.“ In der Sprache fänden sich Reste der Vergangenheit wieder. „Ich liebe es mir vorzustellen, dass, wenn Abraham mit meiner Familie am Abendtisch säße, er vermutlich die Hälfte dessen verstehen würde, was meine sechsjährige Enkelin sagt.“

Wissenschaftsbeziehungen als „Crème de la Crème“

Über den Zusammenhang zwischen gegenwärtiger Politik und seinen Texten sagte Grossman: „Es ist ein schrecklicher Fakt, dass wir ein anderes Volk besetzen und unterdrücken. Wir sollten uns dieser Realität aussetzen. Wenn wir schon nichts unternehmen, um es zu beenden, sollten wir wenigstens den moralischen Preis bezahlen, indem wir verstehen, dass es das ist, was wir einem anderen Volk antun.“ Seine Geschichten dienten auch dazu, ein neues Bewusstsein bei den Israelis für die Lage zu schaffen: „Wenn man darüber in einer neuen Art und Weise schreibt, mit neuen Formulierungen, Betonungen, Wörtern, dann kommt plötzlich Leben in diese erstarrte Situation. Das ist die Aufgabe von Autoren.“

Konsulin Shamir verlieh am Montag ihrer Hoffnung Ausdruck, dass vor allem junge Historiker Israel als einen „herausragenden Partner für Forschung“ kennenlernten. Lou Bohlen, Leiterin der Minerva Stiftung, die den Wissenschaftsaustausch zwischen beiden Ländern fördert, erklärte, die Wissenschaftsverbindungen seien „die Crème de la Crème der Beziehungen – und sie funktionieren immer: egal was in der Politik stattfindet“.

Von: Sandro Serafin