Der „Schwarze Obelisk“ zeigt den israelitischen König Jehu, oder dessen Botschafter, kniend vor dem assyrischen Monarchen Salmanasser III. (etwa 827 vor Christus)

Der „Schwarze Obelisk“ zeigt den israelitischen König Jehu, oder dessen Botschafter, kniend vor dem assyrischen Monarchen Salmanasser III. (etwa 827 vor Christus)

Auf der Suche nach den Verlorenen Stämmen Israels

Zehn israelitische Stämme sind seit ihrer Verschleppung nach Assyrien im 6. Jahrhundert vor Christus verschollen. Bibelleser stellt das vor die Frage, wie sich die Prophetien über die Rückkehr aller Kinder Israel ins Heilige Land da noch erfüllen können.

Für viele Juden und Christen bedeutet die Rückkehr des jüdischen Volkes in das Gelobte Land die Erfüllung biblischer Prophetie. Im Alten Testament kündigte Gott durch die Propheten an: „Siehe, ich nehme die Söhne Israel aus den Nationen heraus, wohin sie gezogen sind, und ich sammle sie von allen Seiten und bringe sie in ihr Land“ (Hesekiel 37,21). Seit der ersten großen Einwanderungswelle 1882 sind rund 3,8 Millionen Juden ins Land ihrer Vorfahren heimgekehrt. Doch die heutigen Juden gelten in erster Linie als Nachfahren der Stämme Juda und Benjamin – daher die Bezeichnung „Juden“. Die restlichen zehn Stämme sind seit ihrer Verschleppung durch die Assyrer von der Bildfläche verschwunden.

Nachdem Israel unter den Königen David und Salomo seine politische und geistliche Blütezeit erlebte, kam es unter dem Thronfolger Rehabeam zum Bruch: Rehabeam hielten nur die Stämme Juda und Benjamin die Treue. Die zehn anderen verweigerten ihm die Gefolgschaft und bildeten im 9. Jahrhundert vor Christus das Nordreich Israel. Wegen des intensiven Götzendienstes im Nordreich warnten die Propheten vor göttlichen Strafgerichten. Im 8. Jahrhundert eroberte der Assyrerkönig Sargon II. Samaria, die Hauptstadt des Nordreiches, und verschleppte die Israeliten. Aus dem 5. Jahrhundert vor Christus gibt es noch Nachweise hebräischer Namen in Assyrien. Danach verwischen ihre Spuren.

Das Südreich Juda existierte weiter. Hier marschierte der babylonische König Nebukadnezar II. in den Jahren 597 bis 587 vor Christus ein und deportierte die Oberschicht in sein Reich. Unter dem Perserkönig Kyrus durften die Verbannten in ihr Land zurückkehren. Sie lebten in Israel bis zur Zerstörung des zweiten Tempels und ihrer Zerstreuung durch die Römer im Jahre 70 nach Christus. In heutiger Zeit kehren viele ihrer Nachkommen in das Land der Vorväter zurück.

Stoff für Legenden

Was aus den Verlorenen Stämmen wurde, weiß niemand mit Sicherheit. Die meisten Historiker gehen davon aus, dass die zehn Stämme im Schmelztiegel des assyrischen Reiches aufgingen. Die Archäologin Rivka Gonen vom Israel-Museum erklärt: „Wenn man es historisch betrachtet, wurden alle möglichen Völker ins Exil verschleppt und verschwanden. Und ich glaube, dass die zehn Stämme auch verschwunden sind.“ Damit wäre eine wörtliche Erfüllung der biblischen Prophezeiungen nicht mehr möglich.

Eine mittelalterliche jüdische Überlieferung lokalisiert die Verschollenen irgendwo in Nordasien hinter dem legendären Fluss Sambation. Der Sage nach führt dieser an sechs Tagen der Woche reißendes Wasser, sodass die Israeliten ihn nicht überqueren können. Am Sabbat kommt er zur Ruhe, doch dann ist es ihnen verboten, den Fluss zu befahren. Erst beim Kommen des Messias würden sie den Fluss überwinden können.

Engländer und Japaner in Wirklichkeit Israeliten?

Die jüdische und christliche Religionsgeschichte ist reich an Versuchen, Volksgruppen mit ihnen zu identifizieren. Es gibt kaum ein Volk, das nicht irgendwann mit den Verlorenen Stämmen in Verbindung gebracht wurde. Im 17. Jahrhundert spekulierte der Prediger Thomas Thorowgood über eine jüdische Abstammung der amerikanischen Ureinwohner. Als Beleg führte er Ähnlichkeiten zwischen der hebräischen Sprache und Indianersprachen an. Diese wurden von Sprachexperten allesamt verworfen. Die ersten Missionare in Neuseeland meinten zudem, dass die Ureinwohner der Inseln, die Maori, zu den zehn Stämmen zählen.

Im 19. Jahrhundert verbreitete sich der sogenannte Anglo-Israelismus. Demzufolge sind die Verlorenen Stämme mit dem Reitervolk der Skythen identisch. Darauf deute die Tatsache, dass diese zur gleichen Zeit in der Geschichte am gleichen Ort auftraten, wohin die Israeliten verschleppt wurden. Die Skythen seien nach Europa vorgedrungen und hätten sich zu den Angelsachsen entwickelt. Mit den Briten habe sich die Prophezeiung erfüllt, dass die Israeliten auf „fernen Inseln“ wohnen werden und sich in alle Erdteile, an die Enden der Erde ausbreiten werden. So sei es geschehen: Ihre Nachfahren leben in Amerika, Australien und Südafrika.

Eine andere Theorie besagt, dass die Vertriebenen ostwärts wanderten und sich in Japan niederließen. So habe der erste bekannte japanische König im Jahr 730 vor Christus Osee geheißen und der letzte israelitische König 722 Hosea. Zudem gebe es im Schintoismus viele Parallelen zum jüdischen Tempeldienst: Der Schintotempel sei in ein Heiligtum und ein Allerheiligstes getrennt. Auch die Priesterhauben mit einem kleinen Kästchen erinnerten an das Judentum.

Eine mögliche Spur

Nicht alle Theorien sind so abwegig wie die genannten. Die äthiopischen Falaschen etwa erkannte der sephardische Oberrabbiner Ovadia Josef 1973 als Juden an und entschied, dass sie nach Israel gebracht werden sollten. Der Einschätzung schloss sich 1975 der aschkenasische Oberrabiner an. Heute leben etwa 130.000 Falaschen in Israel. Nach Auffassung der israelischen Regierung sind sie Nachkommen des Stammes Dan. Die Ansicht stützt sich auf rabbinische Quellen des Mittelalters. Außerdem entspricht die Religionspraxis der Falaschen vielfach der jüdischen vor Entstehung des Talmuds.

Hinweise auf eine Abstammung von den Verlorenen Stämmen sehen einige Historiker auch bei Juden im Gebiet des heutigen Usbekistan. Sie gehen davon aus, dass die Exilierten im Perserreich entlang der Seidenstraße dorthin gelangten. Laut antiken Quellen soll ab dem 5. Jahrhundert ein Semitenstamm, die „Nephtaliten“, über weite Teile Zentralasiens geherrscht haben, mit Buchara als Hauptstadt. Die Herkunft der Dynastie ist unbekannt. Einige gehen davon aus, dass es sich um den Stamm Naftali handelte. Auf israelitische Herkunft deuten auch Funde von über 2.000 Jahre alten Tonscherben mit hebräischen Buchstaben. Die meisten Buchara-Juden sind bereits nach Israel immigriert. Sie werden jedoch nicht offiziell den Verlorenen Stämmen zugerechnet, sie haben sich in das normative Judentum integriert.

Manche glauben, dass die Israeliten sogar noch weiter nach Osten wanderten. So regierte ebenfalls im 5. Jahrhundert vor Christus über Teile von Afghanistan, Pakistan und Indien der Stamm „Savula“. In Westindien existiert bis heute eine kleine jüdische Gemeinschaft, die sich „Bene Israel“, „Kinder Israels“, nennt und möglicherweise auf den Stamm Sebulon zurückgeht. Über Jahrhunderte hat sich die Gemeinschaft jüdisch anmutende Gebräuche bewahrt, teils ohne deren Bedeutung zu kennen. Das Israelische Oberrabbinat erkannte die Bene Israel 1962 als „Juden in jeder Hinsicht“ an. Der Großteil ist nach Israel eingewandert, ihre Gemeinschaft lebt hauptsächlich in Be’er Scheva. Die Bene Israel haben sich religiös in das sephardische Judentum integriert.

Stämme des fernen Ostens

An der östlichen Grenze Indiens, in der Region Manipur, lebt eine Gruppe, die sich „Bnei Menasche“ nennt. Wie der Name andeutet, nehmen sie für sich in Anspruch, Israeliten vom Stamm Manasse zu sein. Zu den Anhaltspunkten zählen drei jährliche Feste, die an jüdische Feste erinnern, sowie etwa eine altertümliche Legendenerzählung. Darin ist von einem Roten Meer die Rede, das sich teilt, und einer Wolkensäule bei Tag und einer Feuersäule bei Nacht, die den Auszug aus dem Heimatland begleitete.

Im April 2005 akzeptierte der damalige sephardische Oberrabbiner Schlomo Amar die Bnei Menasche als Nachkommen der Verlorenen Stämme. Sie müssen jedoch formell konvertieren, um nach Israel einwandern zu können. Etwa 4.000 von ihnen leben mittlerweile im jüdischen Staat. Insgesamt gehören ihrer Volksgruppe 3,7 Millionen Menschen an, von denen aber nicht alle an eine eigene israelitische Abstammung glauben.

Im Dezember landete eine Einwanderergruppe von etwa 250 Bnei Menasche in Israel

Im Dezember landete eine Einwanderergruppe von etwa 250 Bnei Menasche in Israel

Die Entwicklung gefällt längst nicht allen Israelis. 2003 sagte der damalige Innenminister Avraham Poras abfällig: „Nur Bewohner der Dritten Welt scheinen interessiert, zu konvertieren und nach Israel einzuwandern.“ Auch die Forscherin Rivka Gonen erklärt sich das Bestreben der Bnei Menasche so: „Diese Volksgruppe scheint wirtschaftlich arm und auf der unteren sozialen Skala der Gesellschaft gewesen zu sein. Für diese Menschen mag die Idee, dass sie Erben einer göttlichen Verheißung sind, eine große Anziehungskraft haben.“

In der Tat schießen überall auf der Welt sogenannte „Emerging Jewish Societies“ aus dem Boden, Volksgruppen, die angeblich ihre verlorene israelische Identität wiedergefunden haben: Von Nicaragua über Uganda bis Papua-Neuguinea. Zu ihren skeptischen Erforschern zählt Tudor Parfitt, führender Experte auf dem Gebiet jüdischer Gemeinschaften.

Neue Wege der Forschung

Umso mehr überraschten Parfitt seine eigenen Forschungsergebnisse zum afrikanischen Stamm der Lemba in Südafrika. Die Volksgruppe folgt den jüdischen Speisegesetzen, beschneidet ihre Söhne und vermeidet Mischehen mit anderen Volksgruppen. Ihrer Überlieferung nach wanderten die Lemba vor langer Zeit aus dem Nahen Osten über Arabien nach Afrika ein. Nicht nur bestätigten archäologische Funde ihre Wanderroute von der arabischen Halbinsel nach Südafrika: DNA-Tests zeigten, dass ihre Priesterkaste ein Gen in sich trägt, das typisch für die jüdische Priesterlinie der Cohanim ist. Parfitt sagte in einem Vortrag 2013: „Seit etwa 13 Jahren haben Historiker ein neues Werkzeug für ihre Forschung. Es ist ein Geschichtsbuch, das jeder von uns in sich trägt.“ Durch DNA-Tests ist es möglich geworden, die Suche nach den Verlorenen Stämmen neu aufzurollen.

Die Erkenntnisse daraus könnten politische Landkarten umschreiben: Die Paschtunen in Afghanistan sind Muslime, zu ihnen gehören etwa die radikalen Taliban. Sie folgen neben dem Koran einem alten Kodex namens Paschtunwali. Der Rabbiner Harry Rosenberg bezeichnet ihn als „mosaisches Gesetz in seiner primitivsten Form“. Im Zweifelsfall folgen die Paschtunen nicht dem Koran, sondern dem Paschtunwali.

Zudem vollziehen sie Beschneidung am achten Tag nach der Geburt, entzünden Kerzen am Schabbat, praktizieren die Leviratsehe und viele weitere biblische Vorgaben. Ihre Stammesnamen wie Rubeni, Gadi, Aschuri, Efridi und Jusefai klingen nach Ruben, Gad, Asser, Ephraim und Josef. Viele Paschtunen nennen sich selbst „Bani Israel“, Kinder Israels. Das ist paradox, da den Taliban Israel als ärgster Feind gilt. Dennoch sehen die meisten Gelehrten in den 50 Millionen Paschtunen die wahrscheinlichsten Kandidaten für Nachfahren der Verlorenen Stämme. Bisher ergeben DNA-Tests kein einheitliches Bild. Es wird weiter geforscht.

Die Sache mit den Palästinensern

Bei einem anderen Erzfeind Israels scheinen die Ergebnisse eindeutiger. Schon der erste israelische Premierminister David Ben-Gurion vertrat die Ansicht, dass die palästinensischen Araber Nachkommen von Hebräern seien. Der aktivste Verfechter dieser Theorie ist derzeit Zvi Misinai, ein ehemaliger israelischer Software-Pionier. Ihm zufolge sind die Palästinenser Nachkommen von Juden, die nach der Vertreibung durch die Römer im Land blieben. Sie wären damit genau genommen nicht Teil der verlorenen zehn Stämme, sondern „verlorene Juden“. Laut Misinai sind sie später zur islamischen Konversion gezwungen worden. Die Universität Tel Aviv fand heraus, dass nur aschkenasische Juden und Palästinenser das Gen eines weltweit einzigartigen Taubheitssyndroms teilen. Die Universität Madrid stellte fest, dass das Immunsystem beider Gruppen sich so stark ähnelt, dass auf eine gemeinsame genetische Identität geschlossen werden kann.

Bei der Suche nach den Verlorenen Israeliten ist nach wie vor viel Spekulation im Spiel. Nüchtern betrachtet ist es naheliegend, dass sie für immer verschwunden sind. Angesichts neuer Technologie scheint ihre Wiederentdeckung indes nicht mehr so abwegig wie einst.

Von: Timo König

Diesen Artikel finden Sie auch in der neuen Ausgabe 6/2020 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/5 66 77 00, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.