BOL Pharma ist ein großer Arbeitgeber in der Region um Beit Schemesch, auch viele Beduinen arbeiten dort

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„Das Land von Milch, Honig und Cannabis“

In seinem Umgang mit Cannabis gilt Israel als liberal. Und in der Forschung des medizinischen Cannabis ist das kleine Land führend. Die Regierung möchte die Grundlagen dafür legen, dass Cannabis-Medikamente künftig so normal sind wie Kopfschmerztabletten. Bis es soweit ist, müssen noch einige Hürden genommen werden.

Telegrass – so lautet der Name eines Online-Drogennetzwerkes, das die strengen Privatsphäreregeln der Sofortnachrichten-App Telegram dazu nutzt, um leichte Drogen und Cannabis zu verkaufen. Im März 2019 wurden 42 Teilnehmer des Netzes in Israel, den USA, der Ukraine und Deutschland festgenommen. Unter ihnen war auch dessen Gründer, Amos Silver, der sich zu dem Zeitpunkt in der Ukraine aufhielt und fünf Monate später an Israel ausgeliefert wurde. Obwohl die israelische Polizei damals das Ende des Online-Netzwerkes verkündet hatte, ist es mit 200.000 Mitgliedern immer noch eines der größten Drogennetzwerke in Israel – Silver und seine Kollegen sind längst wieder auf freiem Fuß.

Kriminelle Machenschaften, Drogenmilieu, von der Polizei gejagte Dealer – das sind Assoziationen, die viele Bürger haben, wenn von Cannabis und Hanf die Rede ist. Dafür, dass das anders wird, setzt sich ausgerechnet die israelische Regierung ein. Denn sie ist überzeugt, dass in der grünen Pflanze Heilstoffe stecken, die das Potenzial haben, das Leben von Millionen kranken Menschen angenehmer zu gestalten. „Israel ist das Land von Milch, Honig und Cannabis“ – so werben sowohl Silver als auch Befürworter des medizinischen Cannabis für ihren Stoff.

Einer von ihnen ist Juval Landschaft, Direktor der Abteilung für Medizinisches Cannabis im israelischen Gesundheitsministerium. „Schon die alten Ägypter vor 5.000 Jahren wussten um die Bedeutung von Cannabis“, erklärt Landschaft. „In ihren Gräbern haben wir die Pflanze gefunden.“ Landschaft leitet das Regierungsreferat für den Umgang mit Cannabis: Bereits 1992 wurde die Pflanze vom Gesundheitsministerium für medizinische Zwecke zugelassen. 2007 wurde ein nationales medizinisches Cannabis­Programm aufgelegt. 2011 hieß es in der Regierungsresolution 3609 zum Thema: „Wir verstehen, dass wir etwas tun müssen, auch wenn wir nicht wissen, was wir tun sollen.“

Immer mehr Cannabis-Patienten

2016 gab die Regierung ein Regelwerk heraus, das die Verfügbarkeit von medizinischem Cannabis erklärt und eine größere Standardisierung ermöglichte. In der Resolution 1587 war das erklärte Ziel, „den Gebrauch von medizinischem Cannabis zu unterstützen, um gleichzeitig den Missbrauch zu verhindern und die öffentliche Sicherheit zu gewähren“.

Bisher existiert „das grüne Buch“ nur in Hebräisch und wurde im Sommer 2019 neu aufgelegt. Im Januar 2019 beschloss die Regierung, dass die Medizinprodukte künftig auch exportiert werden dürften. Seit dem Frühjahr 2019 gibt es innerhalb Israels keine Begrenzung mehr für die Zahl der Patienten, die mit Cannabis behandelt werden dürfen. Apotheken können ein Zertifikat erwerben, das sie zum Verkauf von medizinischem Cannabis berechtigt. Seit Mitte Juni können israelische Firmen ihre Produkte für den Export durch das Gesundheitsministerium lizensieren lassen.

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Die Hanfpflanze

Von jeher wird die Hanfpflanze einerseits als Heil- und Ölpflanze verwendet, andererseits ist sie Grundlage verschiedener Rauschmittel. Haschisch ist eine andere Bezeichnung – das Wort ist arabisch und heißt eigentlich einfach nur „Gras“. Wer jedoch im Deutschen von Haschisch spricht, meint das extrahierte Harz der weiblichen Cannabisblüten, das in der Regel in einer Pfeife oder, vermischt mit Tabak, ähnlich einer Zigarette als Joint geraucht wird. Alternativ wird es auch als Teil von Keksen konsumiert. Der Besitz von Cannabis ist in Israel verboten, auch wenn nach einem 2018 verabschiedeten Gesetz für persönlichen Konsum keine Gefängnisstrafen mehr drohen. Der Besitz von 15 Gramm oder weniger wird mit Bußgeldern geahndet.

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Tamir Gedo leitet die größte Firma in diesem Bereich, Breath of Life (BOL Pharma). Der Geschäftsführer berichtet: „2013 gab es in Israel 12.500 Cannabispatienten, 2018 waren es 30.000. Heute sind es 65.000.“ Gedo ist überzeugt, dass die Zahl in den nächsten zwei Jahren auf 120.000 steigen wird. Die Cannabispflanze ist sehr sensibel, weiß der Direktor: „Nach der Ernte werden die Pflanzen auf 12 Meter hohen Regalen bei hoher Temperatur getrocknet, nach 16 Tagen verlieren sie ihre Giftstoffe. Dann kommen sie in einen Reinigungsraum und werden weiterverarbeitet. Jeder einzige Bestandteil der Pflanze, sogenannte Can­nabinoide, müssen katalogisiert werden, und auch nach der Weiterverarbeitung lässt sich erkennen, woher die Pflanze stammt.“ Cannabis­basierte Medikamente würden künftig 20 Prozent des Pharmamarktes ausmachen. Zu den Patienten gehörten Autisten, Diabetiker und Krebsleidende, es werde aber auch bei Traumata oder neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie oder Multiple Sklerose eingesetzt.

Cannabis-Produkte werden künftig wesentlicher Bestandteil der Pharmaindustrie sein, ist Tamir Gedo überzeugt

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Ein Medikament, das sich rauchen lässt

Von der sagenumwobenen Pflanze spricht Gedo sehr unaufgeregt: „Es gibt nur eine Pflanze Cannabis. Wir betrachten sie als Basis für Medizin. Zufällig lassen sich aber Teile von ihr auch als Droge benutzen. Natürlich wird es immer illegalen Anbau geben. Doch das hat nichts mit dem zu tun, was wir hier entwickeln.“ Gedo weiß, dass das Thema emotional aufgeladen ist: „Als ich vor einigen Jahren eingeladen wurde, an der Privathochschule IDC in Herzlia zu sprechen, betrat ich den Raum und wurde von 170 Studenten beklatscht. Wenn es in der Knesset um Gesetzesänderungen zum Thema Cannabis geht, ist der Saal immer voll.“ Einen anderen Grund, warum das Thema so emotional ist, sieht Gedo darin, dass es das einzige Medikament ist, das sich auch rauchen lässt. Viele Patienten nutzen in Israel aber auch Kapseln, Nasensprays, Salben, Zäpfchen oder Tabletten.

Gedo hält Israel für den idealen Ort, um cannabisbasierte Medikamente zu entwickeln. „Wir haben hier alle Möglichkeiten, uns auszuprobieren und die besten Voraussetzungen, um Marktführer in diesem Bereich zu werden. Die Regierung unterstützt uns, das ist ein großer Vorteil. Das Klima trägt optimal zum Wachstum der Pflanzen bei, die Wege zu Forschern und Verbrauchern sind kurz, die Leute kreativ, wir haben keine Angst, eine nicht geglückte Studie noch einmal auszuführen.“ Auf 3,5 Hektar baue die Firma in ihren Gewächshäusern Cannabis an.

Als Negativbeispiel führt Gedo die Universität von Mississippi an: „Die dürfen in einem Jahr 650 Kilogramm zur Forschung verwenden. Das produzieren wir an einem Tag. Derzeit ist Kanada unser größter Konkurrent. Doch die betreiben kaum Forschung. In Afrika haben sie gute klimatische Bedingungen, aber nicht genug Labore und Krankenhäuser. Unser Vorteil ist, dass hier Pharmazeuten, Labore, Forscher, Produktionsstätten, Ärzte und Patienten auf kleinem Raum zusammenarbeiten. Weil wir diese Infrastruktur nutzen, haben wir große Chancen, Marktführer zu werden.“

Keine allgemeine Legalisierung geplant

Nutzer der medizinischen Produkte beschweren sich seit vergangenem Sommer darüber, dass es nicht mehr genug Medikamente für sie gäbe. „Wir sind eine Regierungsbehörde und deshalb brauchen manche Dinge natürlich länger“, erklärt Landschaft den Umgang mit dem neuen Medikament. „Wir sind dazu da, um zu regulieren, doch unser eigentliches Ziel ist, Hilfe für Bedürftige zu ermöglichen.“ Der Direktor betont: „Wir planen keine allgemeine Legalisierung der Pflanze. Uns geht es lediglich darum, das Cannabis für medizinische Zwecke zu verwenden. Und das braucht Zeit.“

Über die Herausforderungen ist sich Landschaft bewusst: „Wir wissen um mindestens 130 Komponenten in der Hanfpflanze, die unter der israelischen Sonne reifen. Die meisten Medikamente enthalten nur einen Wirkstoff. Jedes Cannabinoid hat hingegen spezifische Eigenschaften und die große Herausforderung besteht darin, die relevanten Komponenten für die Medikamente so abzusondern, dass sie standardisiert werden können und es möglichst wenig Nebenwirkungen gibt.“ Als empirisch nachgewiesen gilt eine Wirksamkeit der Therapie chronischer neuropathischer Schmerzen. Trotz vorhandener Berichte von Betroffenen gibt es noch keine ernstzunehmenden Studien über die Wirkung von Cannabis gegen Übelkeit und Erbrechen.

In Anspielung auf die deutsche Herkunft seiner Vorfahren sagt Landschaft: „Deutsche sagen: Ordnung muss sein. Und so versuchen wir als Regierung, der Bevölkerung für den Umgang mit Cannabis eine Ordnung zu geben. Missbrauch zu ahnden, ist Aufgabe der Polizei. Doch auch die ist daran interessiert, dass das Regierungsziel, die Cannabis-Forschung voranzubringen, erfüllt wird.“ Deshalb sind neben Rechtsberatern, Agrarwissenschaftlern und Biochemikern auch Polizisten Teil des Israelischen Ausschusses für Medizinisches Cannabis.

Von: mh

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe 3/2020 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/5 66 77 00, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

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