An der Ausgrabungsstätte Bethsaida suchen Archäologen nach Hinweisen aus der Vergangenheit

An der Ausgrabungsstätte Bethsaida suchen Archäologen nach Hinweisen aus der Vergangenheit

Die biblischen Türme des Professors

Archäologen müssen trotz mancher Funde auch auf Spekulationen über die Vergangenheit zurückgreifen. Professor Arav gestaltet die alte Geschichte phantasiereicher aus als seine Kollegen. Ob seine Erzählungenen über König David so stimmen, darf bezweifelt werden.

Rami Arav ist Professor für Religion und Philosophie an der Universität von Nebraska bei Omaha. Er ist auch Leiter des Konsortiums des Bethsaida-Ausgrabungsprojekts, das aus Wissenschaftlern von 20 internationalen Institutionen besteht. Seit 1987 gräbt er die Ortschaft Bethsaida aus, ein Ruinenfeld am nördlichen Ufer des Sees Genezareth.

In Bethsaida haben Arav und der bekannte katholische Priester Bargil Pixner schon vor Jahren neben dem Haus, wo angeblich Petrus wohnte und seine Fischernetze flickte, eine kleine Trinkflasche aus Ton gefunden, ähnlich wie heutige Babyflaschen aus Plastik. Für Arav stand fest, dass Jesus als Baby daraus seine Milch getrunken haben muss. Wo Jesus 5.000 Männer mit fünf Broten und zwei Fischen satt machte, übers Wasser ging und Kranke heilte, scheint alles möglich. Wunder jeder Art sind in dieser Gegend bis heute ein ausuferndes Geschäft.

Sprachliche Vermutungen

In der soeben beendeten Grabungssaison von 2018 hat Arav eine Stadtmauer mitsamt zweier Türme und eines Tore ausgegraben. Bis zu einer Höhe von drei Metern ist das Stadttor bestens erhalten, so gut wie kein anderes Stadttor aus der Zeit vor 3.000 Jahren. Wie Arav Journalisten erklärte, sei Bethsaida damals eine aramäische Stadt gewesen, die ein einziges Mal im biblischen Buch Josua (19,35) als „Tzer“ erwähnt worden sei. Spätere Übersetzer, etwa in der griechischen Septuaginta, hätten mangels der Angabe von Vokalen im Hebräischen daraus „Tzor“ gemacht, was der libanesischen Küstenstadt Tyros entspräche. Weil im Hebräischen die Buchstaben R (Resch) und D (Dalet) zum Verwechseln ähnlich aussehen, spekuliert Arad, dass aus dem biblischen Tzer vielleicht ein Tzed herausgelesen worden sei, was dann der Ursprung des Namens „Beth Tzaida“ gewesen sein könnte, dem hebräischen Namen von Bethsaida.

Im ganzen Land Israel habe man keine Stadt mit zwei Türmen in den Mauern gefunden, sagt der Arav. Diese Angabe dürfte nicht ganz stimmen, denn bei Beth Schemesch zwischen Jerusalem und Tel Aviv haben Archäologen eine Stadt aus der Zeit König Davids gefunden, die möglicherweise mit dem biblischen „Schaaraim“ (Zwei Tore) identisch ist. Dank verkohlter Olivenkerne in einem der Tore konnten Wissenschaftler die Stadt exakt auf die mutmaßliche Periode des Königs David datieren, dessen physische und historische Existenz trotz der biblischen Erzählungen manche Forscher anzweifeln. Bislang sei David nicht durch archäologische Funde zweifelsfrei nachgewiesen worden. Das gilt freilich auch für andere biblische Figuren wie Abraham oder Salomo.

Eigene Ausschmückung

Biblische Orte und Namen feuern die Fantasie nicht nur der Gläubigen, sondern auch der Wissenschaftler an. Arav bezieht sich denn auch nicht auf die Erkenntnisse der grabenden Konkurrenz, sondern sucht seinen „Beweis“ in der Bibel, dass es Städte mit zwei Türmen in der Epoche des David oder seines Sohnes Salomo gegeben habe. Und er findet ihn im Hohelied des Salomo (8,10): „Ich bin eine Mauer, meine Brüste wie Türme.“ In dem Hohelied geht es um eine „kleine Schwester“, die noch keine Brüste hatte und sich Sorgen um einen künftigen Bräutigam machte.

Und während unter manchen Forschern die wirkliche Existenz der biblischen Könige umstritten ist, geht Arad gleich noch ein paar Schritte weiter. Er vermutet, dass König David durch sein frisch entdecktes Tor gelaufen sei. Durch die politisch motivierte Heirat von Maachah, der Tochter des Königs Talmai von Geschur (1. Chronik 3,3), verbündete sich König David mit Bethsaida.

Maachas Sohn war Absalom, der seinen Halbbruder Amnon ermordete und in die Heimat seiner Mutter, nach Geschur, floh. Die Bündnisse wurden reformiert, als Absaloms Tochter Maacha Salomos Sohn Rehabeam, König von Juda, heiratete. Arav erzählte amüsiert seine Version von der königlichen Balz: König David betrat das Tor, um Talmai, den König von Geschur, zu treffen und um die Hand seiner Tochter zu bitten. Maacha betrachtete ihn wie einen Berghirten, aber um in die biblische Geschichte einzugehen, akzeptierte sie David schließlich. „Also graben wir das Tor aus, durch das David hereinkam“, sagte Arav.

Gesicherter Name

Für einen der hier erwähnten biblischen Namen gibt es übrigens einen archäologischen Beweis in der Form einer zeitgenössischen Inschrift. Rehabeam, der Sohn Salomos, ist tatsächlich ein in Stein gehauener Name aus biblischer Zeit, während von Salomo oder David bislang jeder „Beweis“ fehlt. Der Jerusalemer Archäologe Gabriel Barkai sieht in der wissenschaftlichen Bestätigung des Königs Rehabeam gleichzeitig eine Bestätigung für den weitaus berühmteren König Salomo. Barkai sagte einmal auf Anfrage: „Jeder Mensch hat schließlich einen Vater.“

Bei den jüngsten Erdbeben in der Gegend des Sees Genezareth sei auch ein großer Stein von dem ausgegrabenen Tor auf den Boden gestürzt, berichtet die Zeitung „Times of Israel“. Auf einem der Fotos ist tatsächlich ein Gesicht auf dem Stein zu sehen. Bisher hat noch kein Wissenschaftler behauptet, dass es sich dabei vielleicht um ein zeitgenössisches Portrait des Königs David handle. Gleichwohl vermutet die Journalistin Amanda Borschel-Dan, dass alle hier genannten Theorien in sich zusammenfallen könnten, wie die Steine bei den Erdbeben in dieser biblischen Gegend.

Von: Ulrich W. Sahm

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