Insekten auf Wanderung: Israelische Forscher fanden heraus, dass sich gigantische Mengen an Insekten durch Europa bewegen

Insekten auf Wanderung: Israelische Forscher fanden heraus, dass sich gigantische Mengen an Insekten durch Europa bewegen

Trilliarden Mini-Migranten in Europa

Eine großangelegte israelische Untersuchung zeigt: Trilliarden Insekten begeben sich jährlich in Europa auf Völkerwanderung. Die Forscher machen dafür den Klimawandel mitverantwortlich.

Trilliarden Migranten kommen jährlich allein aus Südengland nach Kontinentaleuropa. Das beweist eine neue, in der Zeitschrift „Science” veröffentlichte Studie der Universität Haifa. Die Forscher fanden heraus, dass Insekten die größte kontinentale Migration auf Erden vollziehen. Allein aus dem südlichen Großbritannien wandern jährlich etwa 3,5 Milliarden Insekten nach Europa aus. Ihre Biomasse ist achtmal so groß wie der Zugvögel auf dem Weg zu ihren Winterquartieren in Afrika. Die Forscher befürchten, dass durch die globale Erwärmung die Anzahl der Insekten deutlich zunehmen könnte und Auswirkungen auf Ökosysteme in verschiedenen Teilen der Welt haben werde.

Fliegende Insekten migrieren auf saisonaler Basis. „Sie reagieren sehr empfindlich auf den Klimawandel. Das kann zu dramatischen Veränderungen in der wandernden Insektenbevölkerung führen, was wiederum erhebliche Umweltveränderungen zur Folge haben kann”, erklärt Nir Sapir von der Abteilung für Evolutions- und Umweltbiologie an der Universität Haifa. Er ist einer der Autoren des Artikels in „Science“.

Viele Insektenpopulationen wandern

Obwohl fliegende Insekten eine der größten Populationen auf dem Planeten darstellen, wurde bislang keine umfassende quantitative Untersuchung zum Phänomen der Insektenmigration unternommen. Forscher vermuteten, dass viele Insektenpopulationen wandern. Sie wussten aber nicht, welche Insekten dies tun, wann es geschiehtund was der Umfang der Migration ist.

Eine breit angelegte internationale Studie von Forschern der Universität Haifa, der „Nanjing Agricultural University“, der Universität Exeter, der Hebräischen Universität von Jerusalem, der „University of Greenwich“ und von „Rothamsted Research“ hat erste Klarheit geschaffen.

Radar zur Erforschung der Insektenmigration

Um Daten zu sammeln, wurden vor etwa 15 Jahren Radare in Südengland installiert. Aus den gesammelten Daten wurde die Insektenflut auf einer Fläche von 70.000 Quadratkilometern geschätzt. Die Radare messen das Gewicht der Insekten, die Fluggeschwindigkeit, Richtung und Höhe. Sehr kleine Insekten, die weniger als 10 Milligramm wiegen, werden nicht vom Radar erfasst. Spezielle Netze wurden gespannt, um Proben in der Luft zu fangen. Zwischen 2000 und 2009 wurden Daten zu Insekten gesammelt, die über 150 Metern Höhe fliegen.

Die Ergebnisse zeigten eindeutig eine südliche Bewegung dieser Insektenpopulationen im Herbst und eine nördliche Bewegung im Frühjahr. Die Forscher waren von dem Ausmaß dieses Phänomens überrascht: etwa 3,5 Milliarden Insekten mit einem Gewicht von 3.200 Tonnen Biomasse wanderten in jeder Saison. Die Studie untersuchte die Ausgangspunkte und Ziele der Insektenpopulationen und die von den Mini-Migranten überwundenen Entfernungen. Sie wandern mehrere hundert Kilometer und möglicherweise sogar weiter.

„Da es Beweise gibt, dass diese Migration auch über dem Meer stattfindet und da Großbritannien eine Insel ist, müssen diese Insekten im Frühjahr nach England gekommen sein. Mindestens einige müssen zuvor im Herbst nach Europa geflogen sein”, erklärt Sapir. Die Daten zeigten, dass Insekten den Wind benutzen, um ihr Ziel zu erreichen. Die Insekten nutzten die südlichen Winde im Frühjahr und die nördlichen Winde im Herbst. „Sie wählten die Richtung, in die sie fliegen wollten. Wir waren überrascht, dass Insekten ihre Navigationsfähigkeiten nutzen, um ihre Ziele mit diesen Winden zu erreichen”, so Sapir.

Größere Insekten kombinierten ihre natürliche Flugfähigkeit mit dem Wind und erreichten Fluggeschwindigkeiten bis zu 58 Stundenkilometer. Die Erkenntnisse haben Auswirkung für Ökosysteme und sogar für unseren Alltag. Die meisten Insektenkörper enthalten zehn Prozent Stickstoff und ein Prozent Phosphor. Das macht sie zu ausgezeichnetem Dünger für Pflanzen und Kulturen und zu nahrhaftem Futter für Insektenfresser, wie Vögel und Fledermäuse. Die Insekten spielen zudem vielfältige Rollen in der Natur. Sie bestäuben Pflanzen, sind selber Schädlinge oder vertreiben andere Schädlinge. Sie verbreiten auch Krankheiten und Parasiten.

Klimawandel als Ursache?

„Solch eine riesige Biomasse hat enorme Bedeutung für das Funktionieren der verschiedenen Ökosysteme in weiten Teilen der Welt und für andere Aspekte unseres täglichen Lebens”, sagt Sapir. Zyklen von Stickstoff und Phosphor in der Natur sind extrem wichtig, zumal diese Chemikalien einen Bestandteil in der Nahrungskette bilden. Die Insekten transportieren diese lebenswichtigen Materialien über enorme Distanzen.”

Die Forscher heben einen weiteren Befund hervor: Die gesamte Biomasse der Insekten variiert von Jahr zu Jahr, wobei der Unterschied bis zu 200 Tonnen beträgt. Mehr Insekten werden in wärmeren Sommern geboren, und entsprechend ist die Biomasse der Migration größer. Umgekehrt werden in kühleren Sommern weniger Insekten geboren.

Globale klimatische Veränderungen bedeuten, dass das Klima rund um den Erdball wärmer wird. Mit großer Sicherheit wird deshalb die Zahl der Insekten deutlich zunehmen. „Wir wissen noch nicht, ob sich alle Arten von Insekten stärker reproduzieren, oder ob das nur bestimmte Typen tun. Eine Zunahme der Anzahl bestimmter Insekten könnte schädlich sein, während andere vorteilhaft sein könnten”, erklärt Sapir. „Noch ist ungewiss, ob diese Änderungen begrüßt werden sollten. Sicher ist nur, dass die größte und einflussreichste Kontinentalmigration der Welt weiter überwacht und erforscht werden sollte.”

Von: Ulrich W. Sahm

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