Ilay Elmkies zusammen mit seinen Mitspielern von der TSG Hoffenheim

Ilay Elmkies zusammen mit seinen Mitspielern von der TSG Hoffenheim

Fußballer und Patriot aus Leidenschaft

Der Israeli Ilay Elmkies hat bereits einiges erreicht: Neben seinem Profidebüt bei der TSG Hoffenheim feierte der 20-jährige Fußballer erste Einsätze in der Nationalmannschaft. Durch seinen Umzug nach Deutschland wurde er außerdem Teil eines ganz besonderen Filmprojekts.

Fußball bedeutet für Ilay Elmkies sein Leben. Seit seiner Kindheit ist der Israeli fußballbegeistert. Sein Traum: als Profi in Europa spielen. Als sein Vater 2014 aus beruflichen Gründen nach Deutschland ziehen muss, wittert Ilay seine Chance – und zieht mit. Vater und Sohn lassen sich im baden-württembergischen Sinsheim nieder. Die Mutter und seine beiden Schwestern bleiben in Israel. In Sinsheim angekommen, macht Ilay da weiter, wo er zu Hause aufgehört hat: Er spielt Fußball. Sein erster deutscher Verein ist der SV Sinsheim. Zuvor hatte er in der Jugend des israelischen Erstliga-Teams Maccabi Haifa gekickt. Geboren wurde er in der Küstenstadt Naharia, etwa 26 Kilometer nördlich von Haifa.

Nach nur wenigen Monaten in Deutschland wird Ilay von den Scouts der TSG 1899 Hoffenheim entdeckt. Sie machen ihm das Angebot, ihn in ihr Nachwuchszentrum aufzunehmen. Ilay nimmt an. Neben der fußballerischen wird dort auch seine schulische Ausbildung gefördert. Der Fußball ist es, der ihm das Eingewöhnen in Deutschland erleichtert. „Auf dem Platz sprechen alle eine Sprache“, sagt Ilay im Gespräch mit Israelnetz. Während des Spielens habe er sich immer am wohlsten gefühlt. Sprachbarrieren und Kommunikationsprobleme konnten so leicht überwunden werden.

Die Sprachkurse in der Schule beginnen holpriger. Ilay bekommt zusammen mit Syrern und Libanesen Deutschunterricht. Ein Umstand, der ihn als Juden und Israeli anfangs beunruhigt. Schließlich sind diese Länder mit Israel verfeindet. Hinzu kommt, dass der damals 14-Jährige zu den Jüngsten im Kurs gehört. Doch bereits nach wenigen Wochen verstehen sich die Jungs bestens. Mit einigen habe er sogar bis heute noch guten Kontakt, erzählt er. Seine Freunde und er seien ein gutes Beispiel dafür, dass Araber und Israelis auch friedlich und sogar freundschaftlich miteinander umgehen können.

Ankommen in Deutschland

Erfahrungen mit Antisemitismus habe er zum Glück kaum gemacht. Allerdings schauten die Menschen ihn mit speziellen Blicken an, wenn er erklärt, woher er kommt. „Die Reaktionen sind einfach nicht die gleichen, wenn man sagt, dass man aus Israel kommt, wie wenn man beispielsweise aus Spanien kommt.“ Zum Zeitpunkt seiner Ankunft befindet sich Israel in einem militärischen Konflikt mit terroristischen Gruppen aus dem Gazastreifen. Bilder von Raketen- und Bombenangriffen gehen durch die Medien. Dadurch bekommt der junge Israeli einiges an Aufmerksamkeit. Viele Menschen interessieren sich für die aktuelle Lage und wollen von ihm wissen, ob es wirklich so schlimm ist, wie es die Nachrichten zeigen. Neben den persönlichen Gesprächsanfragen erhält er auch offizielle Anfragen von Medien. Sie alle sind an seiner Einschätzung zur Situation in Israel interessiert.

Für Ilay ist Israel in erster Linie ein „brutal schönes Land“. Er schwärmt von traumhaften Stränden und tollen Menschen. Von den damaligen kriegerischen Auseinandersetzungen habe er nur wenig mitbekommen.

Eine negative Erfahrung in Bezug auf seine Herkunft macht Ilay während der Schulzeit. Er bekommt mit, wie ein anderer Junge als „Jude“ bezeichnet wird. Er fragt sich, ob es denn außer ihm noch einen Juden an der Schule gibt. Erst im Gespräch mit dem Jungen wird ihm klar: „Jude“ ist als Beleidigung gedacht. Daraufhin gibt er offen zu: „Ich bin Jude“. Die Umstehenden schämen sich für die Wortwahl. Den Begriff „Jude“ als Schimpfwort hört er danach nie wieder.

Bei einer Ausstellung: Ilay und sein Geschichtslehrer Michael Heitz

Bei einer Ausstellung: Ilay und sein Geschichtslehrer Michael Heitz

Angestoßen durch seinen Geschichtslehrer beschäftigt sich Ilay vermehrt mit dem Teil der deutschen Geschichte, in dem „Jude“ als Schimpfwort besonders häufig gebraucht wurde – dem Nationalsozialismus. Er erfährt: Auch in Sinsheim und Umgebung haben früher Juden gelebt. Auf Grund von Deportation und Vertreibung sind jedoch nur noch wenige übrig geblieben. Aus dem kleinen Dorf Hoffenheim – vielen namentlich bekannt durch den Bundesligaverein – sind Juden sogar ganz verschwunden.

Filmprojekt „Zahor – Erinnere dich“

Das Thema Holocaust ist Ilay ein echtes Anliegen. Er fühlt sich verbunden mit den deutschen Juden von damals. So kommt es, dass er Teil eines Filmprojekts des Geschichtsinstituts „Centropa“ wird. Der Dokumentarfilm „Zahor – Erinnere dich“ beschäftigt sich mit dem Schicksal zweier jüdischer Jungen aus Hoffenheim. Ilay übernimmt darin die Rolle des Erzählers, ist gleichzeitig aber auch Darsteller.

Die Geschichte von Manfred und Heinz, später Fred und Menachem, beginnt in den 1920er Jahren. Manfred wird 1929 geboren, sein jüngerer Bruder Heinz erblickt 1932 das Licht der Welt. Zusammen mit ihren Eltern werden sie im Februar 1940 von den Nazis deportiert. Grund dafür ist ihre jüdische Identität. Die erste Station ist das Internierungslager Gurs in Frankreich. Ein Jahr später werden die Brüder von ihren Eltern getrennt. Sie kommen in ein Waisenheim in Aspet und später von dort aus nach Toulouse. Während sich Manfred einer französischen Untergrundgruppe anschließt, kommt sein jüngerer Bruder in verschiedenen Heimen in der Schweiz unter.

Erst nach Ende des Krieges im Jahr 1946 treffen sie sich wieder. Manfred entscheidet sich noch im selben Jahr für eine Auswanderung in die USA. Heinz bleibt vorerst in der Schweiz, wandert jedoch 1948 in den neugegründeten Staat Israel aus. Beide ändern ihre Namen: aus Heinz wird Menachem und aus Manfred Fred. Die Eltern, Karl und Hilde Mayer, überleben nicht. Sie werden im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. 1990 kehren Fred und Menachem das erste Mal gemeinsam für einen Besuch zurück nach Hoffenheim. Im Jahr 2013 verstirbt Fred im Alter von 84 Jahren. Menachem, heute 88 Jahre alt, lebt noch immer in Israel.

Während der Filmpremiere: Ilay Elmkies und Menachem Mayer

Während der Filmpremiere: Ilay Elmkies und Menachem Mayer

Inzwischen hat der 2018 veröffentlichte Kurzfilm einige Preise gewonnen, darunter den dritten Platz des Julius-Hirsch-Preises. Die Dreharbeiten für den Film dauerten etwa sieben Monate, berichtet Ilay. Nachdem ihm sein Geschichtslehrer von diesem Projekt erzählt hatte, habe er ohne Zögern zugesagt. Schicksale wie das der Hoffenheimer Brüder hätten das heutige Israel überhaupt erst ermöglicht: „Nach dem Krieg hat die ganze Welt verstanden, dass wir ein Land brauchen.“ Die schrecklichen Erfahrungen des Holocaust „haben uns stärker gemacht und zum Zusammenhalten motiviert“, erklärt Ilay. „Ich bin Patriot“, bekennt er selbstbewusst. Es wird deutlich, wie sehr er sich mit Israel verbunden fühlt.

„Es gibt keine größere Ehre“

Umso bewegender war für ihn der Moment, als er im Oktober vergangenen Jahres sein Länderspieldebüt bei der israelischen Herrennationalmannschaft geben durfte. Es mache ihn und seine Familie unglaublich stolz und glücklich. Auf seinem Instagram-Profil schreibt er: „Es gibt keine größere Ehre, als für das eigene Land aufzulaufen. Worte können dieses Gefühl nicht beschreiben. Ich verspreche, in jedem Spiel, in jedem Moment, alles für Israels Auswahl, unsere Auswahl, zu geben! Den 15.10.2019 werde ich für immer in Erinnerung behalten." Im Interview ergänzt er: „Das hat gezeigt, dass es sich gelohnt hat, mit meinem Vater nach Deutschland zu ziehen und dort meinen Weg zu gehen.“

Für seine Fußballkarriere nimmt er sich vor, jeden Tag etwas besser zu werden. Er möchte jeder Mannschaft, in der er spielt, eine Unterstützung sein. In seinem aktuellen Verein, dem niederländischen Erstligisten ADO Den Haag, will er Spielpraxis sammeln und eine immer wichtigere Rolle spielen. Dorthin ist er für eine Saison von Hoffenheim ausgeliehen.

Und nach der Fußballkarriere? Ilay Elmkies möchte langfristig unbedingt zurück nach Israel: „Das ist meine Heimat, der Ort, an dem es mir am besten geht.“

Von: Valerie Wolf