Mehr als ein Reisebericht: Dörte Hoffmann bringt dem Leser Land und Leute näher

Mehr als ein Reisebericht: Dörte Hoffmann bringt dem Leser Land und Leute näher

Von Wüstennächten, Engeln und Wasserdieben

Die Hamburger Ärztin Dörte Hoffmann sehnt sich nach einer Auszeit. Mit einer Freundin begibt sie sich auf Israels Nationalwanderweg, im Land kurz „Schwil“ genannt. Ihre Erlebnisse hat sie auf authentische und unterhaltsame Weise in einem Buch festgehalten. Eine „Schwil-Erkenntnis“: „Jeder Tag endet mit einem Anstieg“. Eine Rezension von Dana Nowak

Dörte Hoffmann ist vom Arbeitsleben fest vereinnahmt, ihre Seele ist übervoll und zugleich leer. In ihr wächst eine große Sehnsucht nach reinigender Leere. Sie sehnt sich nach einer Auszeit, nach Stille, Reduziertheit und Unterwegssein. An kaum einem anderen Ort lassen sich diese Bedürfnisse besser stillen als in der Wüste. Und so unterschreibt die Ärztin einen Auflösungsvertrag und macht sich auf den Weg. Das Ziel: der israelische Nationalwanderweg Schwil. Über eine Länge von rund 1.000 Kilometern zieht er sich von Norden nach Süden durch ganz Israel.

Den Fernwanderweg wollte Dörte Hoffmann ohne Reiseführer gehen, niemanden dabei haben, der die Zeit vorgibt. Für die Begleitung durch ihre gute Freundin Christina ist sie dann aber dankbar. Schließlich ist es nicht ganz ungefährlich, allein durch die Wüste zu laufen.

Land und Leute kennenlernen

Was die beiden Frauen auf ihrer Wanderung alles erlebt haben, hat Dörte Hoffmann in ihrem Buch „Israel zu Fuß – 1.000 Kilometer auf dem Nationalwanderweg“ festgehalten. Unpolitisch, menschlich, teils heiter und immer authentisch erzählt sie von ihren Abenteuern – von Wüstennächten am Lagerfeuer unter klarem Sternenhimmel, faszinierender Natur, Flussdurchquerungen, Kratern und Wadis, von der Suche nach einer Herberge und Trinkwasser. Mit einfachen Worten und frei heraus lässt die Autorin den Leser an ihrem Wechselbad der Gefühle teilhaben. Nichts wird beschönigt. Da liegen nach einem Diebstahl der Vorräte auch einmal die Nerven blank und alles ist zu viel – zu viel Hitze, zu viel Gestank, zu viel Schmutz. Doch die Schönheit der Natur und Begegnungen mit Einheimischen wirken nach solchen Tiefpunkten immer wieder entschädigend.

Unterwegs treffen Dörte Hoffmann und ihre Begleiterin auf viele andere Wanderer. Gelegentlich übernachten sie bei sogenannten „Trail-Angels“ – Menschen, die Wanderer auf dem Schwil unterstützten und ihnen Essen oder Unterkunft anbieten. Mit ihren lebendigen Berichten über diese Begegnungen bringt Dörte Hoffmann dem Leser die israelische Mentalität näher. Es sind kleine Geschichten aus dem Alltag religiöser wie säkularer Menschen. Da sind Momente aus dem Leben einer alleinerziehenden Mutter, eines Kriegsverletzten, eines Beduinen oder eines Kibbutzniks. Da gibt es Einblicke in Debatten über das Leben, die Suche nach dem Sinn und über Religion. Mit viel Herz gibt sie ihre Erfahrungen weiter und erzählt von der großzügigen Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Offenheit der Israelis, aber auch von manchen Eigenarten. Dabei lässt die Autorin immer wieder geschichtliche oder religiöse Hintergründe einfließen, beispielsweise über jüdische Feste und Feiertage.

Keine Offenbarungen, aber Dankbarkeit

Am Ende ihrer Reise fühlt sich Dörte Hoffmann „erfahrungsbeladen, erschöpft und reich beschenkt“. Sie habe zwar keine „fundamentalen Erkenntnisse oder Offenbarungen“ erlangt, aber „es blieb das Gefühl, meine Seele gereinigt zu haben, geklärt worden zu sein“, schreibt sie. Zurück bleibe vor allem Dankbarkeit – für die Schönheit der Natur und die vielen Begegnungen mit Menschen, die ihr Leben für einen Moment mit ihr geteilt haben.

Eine sparsam beschriftete Landkarte am Ende des Buches zeigt den Verlauf des Schwil. Hilfreich ist zudem ein Glossar, in dem die wichtigsten hebräischen oder englischen Begriffe erklärt werden. Die Autorin verrät zudem, wo die beiden Wandersfrauen ihre Vorräte versteckt haben. Der kompakt auf einer Seite veröffentlichte „Plan zum Vergraben der Vorräte in der Wüste“ enthält Angaben über die Kilometerabstände zwischen den einzelnen Etappen sowie Hinweise auf Supermärkte und Möglichkeiten, Wasser aufzufüllen.

Mit ihrem Buch verspricht Dörte Hoffmann nicht nur einen Reisebericht, sondern einen Blick in die Seele des Landes. Das ist vielleicht etwas hochgegriffen, aber einen tieferen Einblick in die bunte Gesellschaft des Landes gibt sie allemal. An diesem kurzweiligen Buch werden nicht nur Wanderfreunde ihre Freude haben, sondern alle, die mehr über Land und Leute erfahren wollen.

Dörte Hoffmann: „Israel zu Fuß – 1000 Kilometer auf dem Nationalwanderweg“, Eigenverlag, 161 Seiten, 14,60 Euro, ISBN: 978-1689420907