Der französische Autor Bensoussan widerlegt in seinem Buch die These, dass es islamischen Antisemitismus erst seit der Staatsgründung Israels gibt

Der französische Autor Bensoussan widerlegt in seinem Buch die These, dass es islamischen Antisemitismus erst seit der Staatsgründung Israels gibt

Der Mythos von friedlicher Koexistenz

In seinem neuen Buch stellt der französische Autor Georges Bensoussan den Mythos in Frage, dass Juden und Muslime in der arabischen Welt meist harmonisch zusammenlebten. Differenziert und kritisch setzt sich der Autor mit der Geschichte der Juden in arabischen Ländern auseinander. Eine Rezension von Dana Nowak

Georges Bensoussan räumt auf: Der französische Historiker und Autor widerlegt in seinem neuen Buch „Die Juden der arabischen Welt. Die verbotene Frage“ alteingesessene und sich hartnäckig haltende Mythen. Weit verbreitete Annahmen wie etwa diese stellt er Frage: Der Antisemitismus in arabischen und muslimischen Ländern ist ein Resultat des Nahost-Konflikts. Oder Aussagen wie: Das jüdisch-muslimische Zusammenleben in der arabischen Welt war von Toleranz geprägt, da Juden als Schutzbefohlene (Dhimmis) unter den Muslimen lebten.

Bensoussan erläutert, dass weder allein der Zionismus noch die Gründung des jüdischen Staates für den Zerfall der angeblich vor allem harmonischen Beziehungen zwischen Juden und Muslimen verantwortlich waren. Er schreibt: „Die jüdische Welt auf arabischem Boden, meint man gewöhnlich, wäre mit dem Konflikt in Israel/Palästina versunken. In Wirklichkeit hat sich dieser Schiffbruch schon lange vorher vorbereitet […].“

Anschaulich entlarvt der Autor dann auch oben genannte oder ähnliche Thesen als Halb- oder Unwahrheiten. Dafür zitiert er reichlich unter anderem aus Berichten europäischer Reisender, von Kolonialverwaltern, Ärzten, Geistlichen, der Polizei und diverser Behörden. So verweist er beispielsweise auf einen Beitrag des Franziskanermönchs Francesco Suriano aus dem 16. Jahrhundert. Dieser schrieb über den Alltag der Juden im damaligen Palästina: „Diese Hunde, die Juden, werden zertrampelt, geschlagen und gepeinigt, wie sie es verdienen. Sie leben in diesem Land in einem Zustand der Unterwerfung, der sich mit Worten nicht beschreiben lässt.“

Zeitvertreib „Juden schlagen“

Verschiedene Zeitzeugenberichte, darunter auch der eines britischen Diplomaten, schildern, wie Juden in den vergangenen Jahrhunderten in arabischen Ländern von Muslimen gedemütigt wurden – lange vor der Staatsgründung Israels. Wie sie von arabischen Kindern aus reiner Langeweile geschlagen und mit Steinen beworfen wurden. Dabei war es Juden verboten, sich zu wehren und die Hand gegen einen Muslim zu erheben.

Der von Teilen der arabischen Welt und Teilen der Linken heute noch immer gerne unkritisch gelobte Status des Schutzbefohlenen im Islam bedeutete für den Betroffenen oftmals nur eine Toleranz der Verachtung. Er schützte die Juden und Christen zwar vor Gewalt, war aber zugleich ein Status der Erniedrigung, schreibt Bensoussan. Ausführlich geht er hier auf das jüdische Leben in Marokko und Tunesien ein.

Der Autor verweist darauf, dass beispielsweise in Marokko das Wort eines Juden vor Gericht nichts galt. Hingegen genügte die Zeugenaussage zweier Muslime, um Juden zu verurteilen. Er zitiert in diesem Zusammenhang den französischen Pfarrer Léon Godard. Dieser schrieb 1857 nach seiner Rückkehr von einer Reise nach Marokko: „Die Juden in Marokko zählen zu den widerlichen Tieren. Die Toleranz der muslimischen Fürsten besteht darin, die Juden leben zu lassen, wie man eine Herde nützlicher Tiere leben lässt.“

Emanzipation und Massenausreise

Bensoussan geht auch darauf ein, wie sich die Juden des Orients emanzipierten. Als wichtigsten Faktor dafür nennt er die Bildung. Diese habe zur „Erschütterung der arabisch-muslimischen Bevormundung“ geführt.

Weiter beschreibt Bensoussan, wie es schließlich dazu kam, dass Hunderttausende von Juden sowohl vor als auch nach der Staatsgründung Israels die arabischen Staaten und den Iran verlassen haben. Mit Ausnahme von Ägypten habe es so gut wie keine Vertreibung von Juden aus der arabischen Welt gegeben. Juden seien vielmehr einem Klima der Angst unterworfen und gesellschaftlich erstickt worden. Dies habe letztlich zu ihrer massenhaften Ausreise und geführt. Ihr Besitz sei meist beschlagnahmt worden. Beispielsweise durften Juden in Libyen nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 das Land zwar verlassen, dabei aber lediglich 20 Kilogramm Gepäck pro Person mitnehmen, führt der Autor aus.

Ein Augenöffner

Das Buch erschien 2017 in Frankreich. Für die deutsche Ausgabe hat der Publizist und Politikwissenschaftler Stephan Grigat ein Vorwort geschrieben. Darin beanstandet er, dass die etwa 900.000 jüdischen Flüchtlinge, die seit 1948 aus den arabischen Staaten und seit 1979 aus dem Iran geflohen sind, in gegenwärtigen Debatten zum Nahen Osten kaum Erwähnung finden.

Während sich mehr als 170 UN-Resolutionen mit den palästinensischen Flüchtlingen und ihren Nachkommen beschäftigten, gebe es keine einzige zum Schicksal der jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Staaten. Grigat äußert die Hoffnung, dass sich durch Bensoussans Buch im deutschsprachigen Raum daran etwas ändert.

Fazit: Bensoussans neues Buch ist fundiert, aufklärend und spannend – ein Augenöffner. Es sollte Pflichtlektüre für alle sein, die sich mit muslimischem Antisemitismus sowie den palästinensischen und jüdischen Flüchtlinge beschäftigen.

Georges Bensoussan: „Die Juden der arabischen Welt. Die verbotene Frage“, Hentrich & Hentrich Verlag, 191 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-95565-327-9

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