Eine Szene aus der Seifenoper im Film „Tel Aviv on Fire“: die arabische Doppelagentin (Lubna Azabal) und der israelische General (Yousef Sweid) kommen sich näher

Eine Szene aus der Seifenoper im Film „Tel Aviv on Fire“: die arabische Doppelagentin (Lubna Azabal) und der israelische General (Yousef Sweid) kommen sich näher

Ach wäre der Nahostkonflikt doch eine bunte Seifenoper

Am Donnerstag startet die locker-leichte Sommerkomödie „Tel Aviv on Fire“ in den deutschen Kinos. Der Film verhandelt den Nahostkonflikt kreativ mit Hilfe einer palästinensischen Seifenoper. Eine Filmkritik von Michael Müller

Was wäre, wenn der israelisch-palästinensische Konflikt nur eine TV-Serie wäre? Wäre es für einen Drehbuchschreiber nicht ein Leichtes, dem Ganzen nach den Jahrzehnten der harten und blutigen Auseinandersetzungen ein schnulziges Happy End zu spendieren? Was aber, wenn arabische Geldgeber die Serie in Ramallah produzieren, den Pass des arabischen Drehbuchschreibers aber ein israelischer Offizier hat, der die Geschichte nach seinen Vorlieben verändern will?

Vor genau diesen Problemen steht nämlich der aufstrebende Araber Salam (Kais Nashif). Er ist Produktionsassistent bei der allabendlichen Seifenoper „Tel Aviv on Fire“, die während des Sechs-Tage-Krieges spielt und durch klebrigsüße Dialoge sowie weichgezeichnete Bilder besticht. Sein Onkel Bassam (Nadim Sawalha) hat ihm den Job verschafft, bei dem er täglich einen israelischen Checkpoint passieren muss. Salam wohnt in Jerusalem, die Dreharbeiten finden in Ramallah statt. Eigentlich ist er nur dafür da, um Kaffee zu kochen und die arabischen Schauspieler bei ihren hebräischen Dialogzeilen zu verbessern, weil er dafür ein Ohr hat. Aber schnell steigt er wegen dieser Fähigkeit zum wichtigsten Drehbuchautor der Serie auf.

Er weiß nur überhaupt nicht, wie man Drehbücher schreibt. Außerdem sitzt ihm der israelische Grenzoffizier Assi (Yaniv Biton) vom Checkpoint im Nacken. Dessen Ehefrau ist nämlich großer Fan der Seifenoper, weil die in ihren Augen so romantisch ist. Eine Eigenschaft, die ihr offenbar in der Ehe fehlt. Überhaupt ist die palästinensische Seifenoper ziemlich beliebt in Israel. Kurzerhand nimmt also der Offizier Salam den Pass weg. Er bekomme ihn erst wieder, wenn der Drehbuchschreiber eine epische Liebesgeschichte zwischen der arabischen Doppelagentin (Lubna Azabal) und dem israelischen General (Yousef Sweid) in die Seifenoper einbaue – natürlich mit Happy End.

Drehbuchautor Salam (Kais Nashif) greift auf die Einfälle des israelischen Grenzoffiziers Assi (Yaniv Biton) zurück

Drehbuchautor Salam (Kais Nashif) greift auf die Einfälle des israelischen Grenzoffiziers Assi (Yaniv Biton) zurück

Nicht aufzulösende Fronten bekommen etwas Spielerisches

Vom israelisch-palästinensischen Konflikt mit Hilfe einer fiktiven Seifenoper-Produktion zu erzählen, ist eine kreative und gelungene Idee. So bekommen die harten, scheinbar nicht aufzulösenden Fronten etwas Spielerisches und Pragmatisches. In der Fiktion scheint der Konflikt allein durch die Liebe zweier Figuren möglich. Ob die Doppelagentin und der General zusammenkommen, wird zum Politikum der Show, als die palästinensischen Geldgeber merken, welches Propagandapotenzial hinter einer Beziehung zwischen einem Israeli und einer Palästinenserin steckt. Deswegen beschließen die Produzenten, dass die Araberin den General bei ihrer Hochzeit in die Luft jagen soll.

Ein großer Spaß ist es, dem Drehbuchschreiber Salam bei seiner künstlerischen Entwicklung zuzuschauen. Anfangs vertraut der hagere, fast zerbrechlich aussehende Mann auf alle Urteile – nur nicht auf das eigene. Er fragt Kellner, Menschen, die ihm zufällig auf der Straße über den Weg laufen, wie er die Geschichte zwischen der Doppelagentin und dem General weitererzählen könnte. Zunehmend entwickelt er Selbstvertrauen, schreibt Enden von Episoden eigenhändig um und vergisst auch den israelischen Grenzoffizier, den er anfangs als aufgezwungenen Ghostwriter eigentlich ganz praktisch findet.

Später fließen Salam die Dialogzeilen nur so aus den Fingern, als ob die fiktiven Figuren sie ihm in die Tastatur diktieren würden. „Tel Aviv on Fire“ zeigt so auch, wie sich Palästinenser und Israelis am besten begegnen, nämlich auf Augenhöhe. Anfangs ist Salam vom Israeli, den er zur Bestechung mit arabischem Hummus beliefert, eingeschüchtert. Am Ende interagieren sie gleichwertig. Auf dem prestigeträchtigen Filmfestival von Venedig erhielt Schauspieler Kais Nashif für diese ein Stück weit an den jungen Woody Allen erinnernde Rolle den Preis für den besten Darsteller.

Das Filmposter von „Tel Aviv on Fire“

Das Filmposter von „Tel Aviv on Fire“

Interessante Parallele zu Erfolgsserie „Fauda“

Der Film hat teils auch sehr liebenswerte Nebenfiguren wie Salams Jugendliebe Tala (Lubna Azabal) zu bieten. Vor allem aber ist es eine Wonne, seinem abgebrühten Onkel Bassam bei der Arbeit zuzusehen. Der kennt den palästinensischen Fernsehbetrieb wie seine Westentasche, gönnt sich viele Ruhepausen, zieht jedoch im Hintergrund die Fäden. Sein Handwerk hat er sich in Hollywood abgeschaut. Für das Finale der Seifenoper schlägt er eine Variation des Endes vom Humphrey-Bogart-Krimi „Die Spur des Falken“ vor.

Regisseur Sameh Zoabi, der im arabischen Dorf Iksal in Nordisrael aufgewachsen ist und dann in Tel Aviv Filmwissenschaften und englische Literatur studierte, ist eine leichte und amüsante Sommerkomödie zum Nahostkonflikt geglückt. Wobei die von ihm geschilderte Seifenoper im Film vom Phänomen her an die tatsächliche israelische Erfolgsserie „Fauda“ (Chaos) über eine Spezialeinheit im Westjordanland erinnert. Nur dass dort die Vorzeichen verdreht sind: „Fauda“ ist sehr beliebt bei Israelis. Aber die Serie wird trotz starker Kritik der radikal-islamischen Hamas und der BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen) vermehrt von Palästinensern geschaut, weil sie in der Darstellung auch die eigene Perspektive widergespiegelt sehen. So kann Popkultur verbinden.

„Tel Aviv on Fire“, Regie: Sameh Zoabi, 97 Minuten, Kinostart am 4. Juli 2019

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