Beeindruckt in seinem Schauspieldebüt: Tom Mercier in „Synonyme“

Beeindruckt in seinem Schauspieldebüt: Tom Mercier in „Synonyme“

Der nicht mehr Hebräisch spricht

Israelischer Film mit Bären-Chancen: Das Portrait eines innerlich zerrissenen Israelis, der nach Paris auswandert, um sein Land hinter sich zu lassen, zählt zu den stärksten Wettbewerbsbeiträgen dieser Berlinale. Eine Filmkritik von Michael Müller

Das sei gleich klargestellt: Ein Wolhfühlfilm ist das neue Werk des israelischen Regisseurs Nadav Lapid, das „Synonyme“ heißt, ganz sicher nicht. Es ist ein teils frostiger Film, der den Zuschauer herausfordert. Sein Protagonist, der junge Joav (Tom Mercier), steckt in einer Lebenskrise fest. Als Ursache dafür hat er seine Heimat Israel ausgemacht. In einer Spontanaktion reist er nach seinem Militärdienst nach Paris. Nie wieder will er die hebräische Sprache verwenden. Frankreich und vor allem die französische Sprache sollen seine neue Heimat werden.

Gleich in einer der ersten Szenen ist Joav kurz vor dem Erfrieren. In einer eiskalten Pariser Wohnung sitzt er nackt in der Badewanne und überschüttet sich mit Wasser. Es mutet wie ein versuchter Selbstmord an. Zwei junge Franzosen finden ihn gerade noch rechtzeitig. Während Caroline (Louise Chevilotte) den Notdienst anrufen will, wärmt Émile (Quentin Dolmaire) Joav pragmatisch mit seinem eigenen Körper.

Wer jetzt zwischen diesen jungen Erwachsenen eine klassische Ménage-à-trois erwartet, wie es in einem französischen Liebesfilm üblich wäre, wird enttäuscht. Ja, es gibt zwischen den dreien Sex, platonische Liebe und tiefschürfende Gespräche. Aber das alles bleibt im Hintergrund. Dem Film geht es vorrangig um Joavs israelische Identität, die der Regisseur Lapid ein Stück weit mit den Gewissensfragen der gesamten jungen Generation Israels gleichsetzt.

Keine gewöhnliche Ménage-à-trois: Emile (Quentin Dolmaire), Joav (Tom Mercier) und Caroline (Louise Chevillotte)

Keine gewöhnliche Ménage-à-trois: Emile (Quentin Dolmaire), Joav (Tom Mercier) und Caroline (Louise Chevillotte)

Nicht nur eine Sprache, sondern eine Kultur ablegen

Joav probiert die französische Sprache aus wie die edel geschneiderte Kleidung, die ihm seine französischen Freunde beim ersten Treffen schenken. Sein Großvater ist dabei sein Vorbild: Der hat das Jiddische abgelegt, als er nach Palästina unter britischem Mandat auswanderte. Joav kauft sich ein Wörterbuch. Negative Adjektive wie „feige“ oder „brutal“ sind seine erste große Leidenschaft. Er will sein Land auf Französisch charakterisieren und anfeinden können, wenn er sich darüber unterhält. Dabei verzichtet er bewusst auf biblische Metaphern und greift lieber auf die griechische Mythologie zurück. Besonders Homers „Ilias“ hat es ihm angetan. Er will sich nicht nur der hebräischen Sprache, sondern gleich seiner ganzen Kultur entledigen.

Es ist sein Versuch, sich im Exil als Israeli neu zu erfinden. Die Anhaltspunkte für diesen radikalen Schritt muss sich der Zuschauer selbst zusammensuchen. Offensichtlich hat dabei sein dreijähriger Militärdienst auf den Golanhöhen eine wichtige Rolle gespielt. Einmal erzählt er, wie er bei einer Maschinengewehr-Übung im Takt eines französischen Chansons gefeuert hat, bis die Zielscheibe vor lauter Schüssen zersiebt war.

Ein anderes Mal erwähnt er eine Versammlung von israelischen Soldaten auf einem Militärfriedhof, wo zwei leicht bekleidete Frauen den israelischen Eurovision-Song-Contest-Klassiker „Halleluja“ von 1979 singen. Die Ironie dieser Szenarien kann einem nicht entgehen. Da Joav aber kein verlässlicher Erzähler, sondern ein Fabulierer ist, bleibt offen, was ausgedacht oder tatsächlich passiert ist. Er ist eigentlich ein beißend satirischer Poet, der sich aber ganz bewusst seines wichtigsten Handwerks, nämlich der Sprache, beraubt hat.

Junger Israeli in der Sinnkrise: Joav findet in Paris keine neue Heimat

Junger Israeli in der Sinnkrise: Joav findet in Paris keine neue Heimat

Weil Joav Künstler ist, fällt es ihm schwer, eine reguläre Arbeit in Frankreich zu finden. Letztlich greifen seine alten Militärverbindungen. Er trifft israelische Sicherheitsbeamte, die bei der israelischen Botschaft in Paris und bei privaten Firmen arbeiten. Regisseur Lapid gibt hier einen selten gezeigten Einblick in die Befindlichkeiten dieser Menschen, der aber auch satirisch zugespitzt erscheint: Die Sicherheitsbeamten gehen sich zur Begrüßung erst einmal an die Gurgel. Es ist ein brutales, kindisches Kräftemessen, was im Ringkampf auf dem Schreibtisch endet. Einer von ihnen erzählt, dass sie sich demnächst mit französischen Neonazis irgendwo draußen zu einer Schlägerei nach striktem Regelwerk verabreden.

Antisemiten mit Hymne locken

Der muskelbepackte Sicherheitsbeamte, mit dem sich Joav anfreundet, hat auch ein besonderes Hobby: Er geht in die U-Bahn oder in Straßencafés, um Antisemiten ausfindig zu machen. Dafür setzt er seine Kippa auf und beginnt die israelische Nationalhymne zu singen – am Ende der Szene schreit er U-Bahn-Passagiere die Hymne regelrecht ins Gesicht. Sein großer Traum wäre es gewesen, wenn er bei der Geiselnahme im jüdischen Supermarkt zwei Tage nach dem Angriff auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ dabei gewesen wäre – oder bei dem Terroranschlag in Nizza. Die Islamisten hätte er mit seinem Körper zerschmettert, deutet er mit einer in die Luft gehauenen Kopfnuss an.

Lapid findet für Joavs Zerrissenheit immer wieder kreative Bilder. Eine Party filmt er etwa nur ab Hüfthöhe abwärts. Ein schnell an- und ausgeschalteter Lichtschalter sorgt für ein visuelles Gewitter. Wiederholt gibt es wilde Spaziergänge, die mit Handkamera aufgenommen wurden; die klassische Pariser Bildmotive werden dabei verweigert. Mit diesem Zugang ist „Synonyme“ ästhetisch betrachtet eine der spannendsten Produktionen des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs.

In dem israelischen Schauspieler Tom Mercier hat Lapid einen Hauptdarsteller gefunden, der sich als Joav seelisch wie körperlich aufopfert. Es ist tatsächlich Merciers erster Film. Angesichts seiner Leinwandpräsenz und Energie ist es unmöglich, bei ihm wegzuschauen – obwohl er sich in teils absurd abgründige Abenteuer begibt. Ein Silberner Bär als bester Darsteller wäre gerechtfertigt.

Regisseur Lapid am Set mit seiner Darstellerin Chevilotte

Regisseur Lapid am Set mit seiner Darstellerin Chevilotte

In der Verachtung die Heimat wiederfinden

„Synonyme“ ist eine zutiefst emotionale, harte und auch verstörende Auseinandersetzung mit der israelischen Psyche. Unfair ist Regisseur Lapid dabei nicht. Aber er will natürlich auch die hässliche Fratze und die Abgründe beschreiben. Der jahrzehntelange israelisch-palästinensische Konflikt habe tiefe und negative Spuren in den Köpfen seiner Landsleute hinterlassen, sagte er einmal im Interview. Die Geschichte von Joav ist seine Geschichte: Lapid, der den Film seiner kürzlich verstorbenen Mutter und Cutterin Era Lapid gewidmet hat, ging selbst nach seinem Militärdienst nach Paris.

Am stärksten fasziniert aber der Aspekt, dass der Film umso mehr Joavs Probleme mit der israelischen Heimat schildert, je stärker auch seine Verbundenheit durchscheint. In der französischen Fremde findet er kein neues Zuhause. Er findet eine Sprache, die nicht passen will. Er trifft auf eine Oberflächlichkeit, Luxusprobleme und eine politische Korrektheit in der Pariser Gesellschaft, die ihn nicht interessiert. In ihm reift die Erkenntnis, dass in seiner Heimat vieles falsch läuft, dass es aber seine Heimat ist und er nicht davor weglaufen kann.

Wenn am Samstag im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz die Silbernen Bären und der Goldene Bär für den besten Film vergeben werden, ist „Synonyme“ nicht chancenlos. Die französische Jurypräsidentin Juliette Binoche ist eine echte Cineastin; das macht Hoffnung. Die bislang letzte große Auszeichnung für ein israelisches Werk auf der Berlinale war der Silberne Bär für die beste Regie an Joseph Cedar im Jahr 2007 für den Film „Beaufort“.

Von: Michael Müller

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