Geradezu ein Erkennungsmerkmal: Der Universitätsturm auf dem Skopusberg

Geradezu ein Erkennungsmerkmal: Der Universitätsturm auf dem Skopusberg

Eine Universität für Israel

Die Hebräische Universität ist ein Prestigeprojekt der zionistischen Bewegung. Zuletzt verzichtete sie auf das Abspielen der israelischen Nationalhymne. Nicht der einzige Wandel einer Institution, deren Grundstein vor 100 Jahren gelegt wurde.

„Die untergehende Sonne überflutete die Hügel von Judäa und Moab mit goldenem Licht. Es war mir, als ob diese lichtumflossenen Gipfel verwundert auf uns herabblickten. Vielleicht ahnten sie, dass nach so langer Zeit das Volk, das zu ihnen gehörte, endlich zurückkehren würde. Unter uns lag Jerusalem wie ein schimmerndes Juwel.“

Mit diesen Worten beschrieb Chaim Weizmann, der spätere Präsident des Staates Israel, die Szenerie bei der Grundsteinlegung der Hebräischen Universität am 24. Juli 1918 auf dem Skopusberg nördlich der Altstadt. Die Zeremonie mit 6.000 Gästen ist Beleg für den Eifer der zionistischen Bewegung, dem Projekt der „jüdischen Heimstätte“ trotz aller Unsicherheiten und Unwegbarkeiten Kontur zu geben. An jenem Abend, an dem noch in der Ferne die Geschosse vom Kampf zwischen Briten und Osmanen um Palästina zu hören waren, war noch nicht abzusehen, dass die Beteiligten den Grundstein für eine Universität legten, die später zu den renommiertesten Bildungseinrichtungen der Welt zählen würde.

Ein Gedränge: Bei der Grundsteinlegung waren zahlreiche Würdenträger anwesend

Ein Gedränge: Bei der Grundsteinlegung waren zahlreiche Würdenträger anwesend

Rabbi Ben-Zion Chai Uziel aus Jaffa, der spätere sephardische Oberrabiner, unterzeichnet das Gründungsdokument

Rabbi Ben-Zion Chai Uziel aus Jaffa, der spätere sephardische Oberrabiner, unterzeichnet das Gründungsdokument

Genau genommen wurde nicht „der“ Grundstein gelegt, sondern deren dreizehn. Ursprünglich waren zwölf Steine vorgesehen, in Anlehnung an die zwölf Stämme Israels. Doch Weizmann, zu diesem Zeitpunkt der Präsident der britisch-zionistischen Föderation, bestand darauf, einen Grundstein „im Namen des Zionismus“ hinzuzufügen. Das entsprach dem Sinn der Hebräischen Universität: Es ging darum, für Juden einen Ort der Hochschulbildung frei von Antisemitismus zu schaffen.

Schon 1897 hatte der Heidelberger Mathematikprofessor Hermann Schapira beim Ersten Zionistischen Kongress in Basel eine „jüdische Universität“ vorgeschlagen. Die zionistische Bewegung machte das dann zu einem ihrer wichtigsten Anliegen. Neben dem Aspekt des Antisemitismus ging es auch schlicht um eine Einrichtung, in der Juden ihren Beitrag zum weltweiten Geistesleben leisten. Die Betonung einer „jüdischen“ oder „hebräischen“ Bildungsstätte kam dabei nicht von ungefähr, denn es gab auch konkurrierende Modelle: Dem Briten Ronald Storrs, damaliger Militärgouverneur von Jerusalem, schwebte eine „britische“ Universität vor.

Vorlesung mit Symbolcharakter

Mit Blick auf den jüdischen Charakter der Bildungseinrichtung hatte dann auch die erste Vorlesung ihre Symbolik: Am 8. Februar 1923, zwei Jahre vor der eigentlichen Eröffnung der Universität am 1. April 1925, hielt sie kein geringerer als der schwäbisch-jüdische Physiker Albert Einstein. Als Thema wählte der Nobelpreisträger von 1921 natürlich seine wenige Jahre zuvor entwickelte Relativitätstheorie, welche die Physik der damaligen Zeit revolutioniert hatte. Für die Begrüßung mühte er sich noch auf Hebräisch – er sah sich außerstande, diese Sprache richtig zu lernen –, griff dann aber auf Französisch zurück, weil er des Englischen nicht mächtig war. Süffisant merkte er an, damit hätten die Zuhörer eine Ausrede: Würde er nicht so schlecht Französisch reden, würden sie seine Relativitätstheorie natürlich verstehen.

Die Sprache war zur damaligen Zeit ein heikles Thema – und ein Thema ist sie bis heute. Im 1912 errichteten Technion in Haifa wurde zunächst auf Deutsch unterrichtet. Das Deutsche war damals auch die Wissenschaftssprache, während Hebräisch nicht einmal als Alltagssprache etabliert war. Zudem kamen viele Professoren aus Deutschland. Nicht zuletzt trug das Technion damals noch den deutschen Namen „Technikum“. Nach massiven Widerständen, der auch als „Krieg der Sprachen“ bekannt ist, entschied sich das Leitungsgremium 1914 aber für Hebräisch als Unterrichtssprache.

Es war damals also alles andere als ausgemacht, dass das Hebräische weite Verbreitung findet. Aber letztlich konnten sich dessen Befürworter durchsetzen. Als ein amerikanischer Verleger Geld für die Gründung eines Lehrstuhls für die jiddische Sprache und Kultur anbot, verteilten die Verfechter des Hebräischen Flugblätter, die das Vorhaben als Sakrileg beschrieben – und waren damit erfolgreich. Immerhin: Bei der Gründung der Hebräischen Universität spielte auch der Gedanke eine Rolle, dass sich die jüdische Kultur und Sprache, wie sie seit den Propheten weitergegeben wird, nirgendwo besser studieren lasse als im Land selbst. Auch deshalb verglich mancher Redner bei der Grundsteinlegung die Universität mit dem Tempel – weil er in ihr ein zionistisches Heiligtum sah.

Öffnung für Englisch

Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung der Universitätsführung aus dem Jahr 2013 zumindest bemerkenswert: Sie erlaubte es erstmals offiziell, dass Doktorarbeiten neben Hebräisch auch auf Englisch eingereicht werden können. Zuvor war das nur fallweise erlaubt. Die 1890 gegründete „Akademie für die hebräische Sprache“ protestierte sogleich dagegen und befürchtete eine Abwertung des Hebräischen.

Die Universität entgegnete dem, dass der globale Wissensaustausch heutzutage größtenteils auf Englisch stattfindet; daher müsse diese Sprache auch zugelassen werden. Das leuchtet auch ein, zumal das Hebräische, anders als vor 100 Jahren, längst etabliert ist – in Alltag und Wissenschaft. Im Übrigen hat sich auch das Technion, wo der „Krieg der Sprachen“ zuerst ausbrach, bewegt: Den Wirtschaftsstudiengang bietet die Einrichtung seit zehn Jahren ausschließlich auf Englisch an.

An derartige Entwicklungen war 1923 freilich nicht zu denken. Die Zionisten freuten sich, dass ihnen mit dem Vortrag Einsteins gewissermaßen ein Coup gelungen war. Der Hochkommissar für das britische Mandatsgebiet Palästina, Herbert Samuel, war jedenfalls begeistert: „Es ist ist ein gutes Zeichen für die Hebräische Universität, dass die erste Vorlesung vom besten Physiker der Welt vorgetragen wird.“

Einstein tat sich jedoch nicht nur als Physiker hervor, sondern auch als Zionist. Als Akademiker lag ihm dabei das Projekt einer Universität am Herzen. Das Land besuchte er nach dem Aufenthalt von 1923 zwar nicht mehr, doch zeit seines Lebens setzte er sich in diversen Leitungsgremien für die Universität ein und warb im Ausland um Spenden. Er vermachte der Universität schließlich auch sein gesamtes Archiv. Anfang 2018 beschloss die Universität, ein Einstein-Museum zu errichten. Es soll in einem früheren Planetarium auf dem Giv’at-Ram-Campus entstehen, in der Nähe des Israel-Museums und des Museums der Biblischen Länder.

Alter Konflikt

Die Vorlesung Einsteins ist auch mit Blick auf das Verhältnis zu den Arabern im Land bemerkenswert. Die Zeitung „Ha’aretz“ notierte damals, dass dabei keine Araber anwesend waren. „Diese Leute stehen der Welt der Wissenschaft anscheinend noch sehr fern.“ Andere Zeitungen berichteten, dass arabische Würdenträger eingeladen wurden, diese aber nicht kamen, um nicht einem jüdischen Wissenschaftler die Ehre erweisen zu müssen.

Dieser Konflikt war schon damals nicht neu, und dessen Auswüchse reichen bis in die Gegenwart. Und das, obwohl sich die Universität intensiv um arabische Studenten bemüht: 2008 wurde eine Abteilung gegründet, um arabische Studenten während ihres Studiums zu unterstützen und so die Abbrecherquote zu senken. Die Universität führt keine genaue Statistik zur Herkunft ihrer Studenten. Sie gibt aber an, dass etwa neun Prozent der 23.500 Studenten arabischer Herkunft sind, also etwa 2.100.

Auch die israelische Regierung bemüht sich, Araber an die Hochschulen des Landes zu bringen: Von 2012 bis 2016 hat sie umgerechnet etwa 71 Millionen Euro ausgegeben, zum Beispiel für persönliche Beratung während des Studiums. Das Programm war erfolgreich: In den Jahren von 2010 bis 2017 hat die Zahl der arabischen Studenten im gesamten Land um 78 Prozent zugenommen, sie stieg von 26.000 auf 47.000. Dennoch gibt es Verbesserungsbedarf: Der Bevölkerungsanteil der Araber im üblichen Studienalter liegt bei 26 Prozent, an den Hochschulen liegt er bei 16 Prozent.

Mangelnde Sprachbildung

Problematisch ist dabei auch, dass Schulen in den palästinensischen Autonomiegebieten und sogar arabische Schulen in Ostjerusalem kaum oder gar keine Hebräischkurse anbieten. In der Folge mangelt es auch Schülern aus Ostjerusalem, die sogar einen israelischen Personalausweis besitzen, an ausreichenden Hebräisch­kenntnissen, um sich an Universitäten einschreiben zu können. Das gilt als einer der Hauptgründe für die vergleichsweise niedrige Zahl arabischer Studenten.

Wer gerne das Zusammenleben von Arabern und Juden in Israel sieht, den wird der erhöhte Anteil der Araber in den vergangenen Jahren freuen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Araber auf dem Campus hin und wieder zum gewaltsamen Aufstand gegen Israel aufrufen – wie etwa im April 2018: Damals protestierten sie gegen das Verhalten der Armee an der Grenze zum Gazastreifen. „Zionisten raus, unser Land ist arabisch und frei“, war bei den Kundgebungen auf dem Skopusberg zu hören.

Nun sind Universitäten bekannt dafür, dass sich dort Freigeister und Querdenker tummeln. Doch Proteste, die den Staat Israel infrage stellen, muten befremdlich an. Die Universitätsleitung billigt sie allerdings. Einzig die 2006 gegründete Organisation „Im Tirtzu“, die nach eigenen Angaben den Zionismus erneuern will, protestierte dagegen. „Anstatt zum Staat Israel zu stehen, der ihnen gleiche Rechte und Möglichkeiten bietet, hetzen diese Studenten gegen Israel und die Armee, und unterstützen Terrorismus“, sagte Alon Schwartzer, der Politikdirektor bei „Im Tirtzu“.

Welcher Geist bezüglich des „Zusammenlebens“ an der Universität herrscht, zeigt auch eine Episode vom Mai 2017: „Aus Rücksicht auf die andere Seite“, sprich auf arabische Studenten, verzichtete die Universität darauf, bei einer Abschlussfeier die israelische Nationalhymne Hatikva zu spielen. Regierungschef Benjamin Netanjahu nannte dies „schandhaft“. Den Verzicht nannte er den „Höhepunkt der Unterwerfung und das Gegenteil von Nationalstolz“. Er nutzte die Gelegenheit, um für das Vorhaben zu werben, Israel als jüdischen Staat gesetzlich festzuschreiben.

Für die Erleuchtung: Das 2015 eingeweihte Institutsgebäude für Geistes- und Sozialwissenschaften

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Blumen und Ausblick: Der Lernambiente scheint zu stimmen

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Auseinandersetzungen dieser Art muten jedoch harmlos im Vergleich zu früheren Vorgängen an. Während der „Zweiten Intifada“, die im September 2000 begann, ließ die Terrorgruppe Hamas am 31. Juli 2002 in einer Cafeteria des Internationalen Studienzentrums Frank Sinatra eine Bombe hochgehen. Neun Menschen, darunter fünf US-Amerikaner, wurden getötet, etwa 100 verletzt. Zeitzeugen geben an, vor der Intifada habe man durchaus ein Zusammenleben erkennen können: Juden und Araber, die etwa gemeinsam lernten. Doch seit dem Anschlag lebten beide in verschiedenen Welten. „Es gibt keine Kommunikation, nicht einmal bei Meinungsverschiedenheiten“, sagte Bassim Asfur, der damalige Vorsitzende des Arabischen Studentenrats, kurz nach dem Anschlag gegenüber der „Ha’aretz“.

Gewalt kannte die Universität aber auch zuvor. Einen Monat vor Ausrufung des Staates Israel geriet eine Gruppe von Ärzten, Krankenschwestern und Patienten am 13. April 1948 in einen Hinterhalt. Sie waren mit einem Hilfskonvoi auf dem Weg ins Hadassah-Krankenhaus auf dem Skopusberg. Die Araber jagten die Fahrzeuge in die Luft und töteten jeden, der entkommen wollte – insgesamt starben bei dem Massaker 78 Menschen. Britische Soldaten, die nur wenige hundert Meter entfernt stationiert waren, griffen erst nach sechs Stunden ein.

Universitäre Diaspora

Infolge des Krieges blieb der Skopusberg eine Enklave des jüdischen Staates, eine demilitarisierte Zone. Der Universitätsbetrieb wurde in die Stadt verlagert und fand zerstreut in verschiedenen Gebäuden statt. 1958 wurde schließlich der Giv’at-Ram-Campus nach fünfjähriger Bauzeit eingeweiht. Erst nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 und der damit verbundenen Wiedervereinigung Jerusalems wurde 1969 der Lehrbetrieb auf dem Skopusberg wieder aufgenommen. 1981 wurde die Stätte wieder offiziell das Zentrum der Universität.

Mit ihrer Geschichte und Ausrichtung spiegelt die Hebräische Universität die Aspekte des jüdischen Staates im Kleinen wider: Angefeindet und erfolgreich, anfangs provisorisch und doch selbst- und sendungsbewusst, zuerst für Juden und doch nicht exklusiv. Wie Weizmann es schilderte, sangen die Anwesenden bei der Grundsteinlegung noch die Hatikva, damals das Lied der zionistischen Bewegung, und betrachteten dann noch die Steine schweigend, bis die Nacht eingebrochen war. Für sie, so schreibt es der Historiker Tom Segev, waren es nicht nur die Grundsteine der Universität, sondern die des jüdischen Staates.

Von: Daniel Frick

Dieser Artikel ist zuerst in der Ausgabe 4/2018 des Israelnetz Magazins erschienen. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/915152, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

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