Aus der Geschichte Deutschlands und Israels zieht Norbert Kron in seinem Buch „Ein Zuhause in der Fremde“ Schlüsse für die Integration von Einwandererkindern in Deutschland

Aus der Geschichte Deutschlands und Israels zieht Norbert Kron in seinem Buch „Ein Zuhause in der Fremde“ Schlüsse für die Integration von Einwandererkindern in Deutschland

Vom Umgang mit Einwanderern

Die deutsche Gesellschaft steht angesichts der zahlreichen Flüchtlinge vor riesigen Herausforderungen. Der Autor Norbert Kron zeigt am Beispiel der Bialik-Rogozin-Schule in Tel Aviv, wie der Grundstein für eine gelungene Integration gelegt werden kann. Eine Buchrezension von Dana Nowak

„Die Bialik-Rogozin-Schule, die im brodelnden Süden von Tel Aviv liegt, ist ein Leuchtturm, der im aufgewühlten Meer der Migration in die ganze Welt ausstrahlt.“ Es sind große Worte, mit denen der Autor Norbert Kron eine Schule in einem Teil der Mittelmeermetropole beschreibt, der von Armut und Obdachlosigkeit geprägt ist, und in dem Drogenhandel und Prostitution zum Alltag gehören. Laut Kron gilt die Bialik-Rogozin-Schule weltweit als Vorbild für ihre Leitlinien und Methoden im Umgang mit Kindern aus fremden Ländern. Die Schüler dort stammen aus mehr als 50 verschiedenen Staaten. Sie alle haben Migrationshintergrund, viele tragen Flüchtlingsschicksale mit sich.

Auch die deutsche Gesellschaft steht angesichts der anhaltenden Zuwanderungsströme vor großen Herausforderungen. Wie Schulen zu einer gelungenen Integrationen beitragen können, zeigt Kron anhand der Bialik-Rogozin-Schule in seinem Buch „Ein Zuhause in der Fremde“. Aus den Ähnlichkeiten und Unterschieden der Geschichte Deutschlands und Israels zieht der Autor Schlüsse für die Integration von Einwandererkindern in Deutschland.

Zwölf Thesen stellt Kron in seinem Buch auf. Ihnen liegen die Lebensgeschichten von Einwandererkindern in Israel und Deutschland zugrunde. Es sind erschütternde Schicksale. Herzergreifend ist, was diese jungen Menschen erleben mussten. Da ist Berhe Gonetse aus Eritrea, der bei seiner Flucht nach Israel entführt und gefoltert wurde. Oder Johnson Blay aus Liberia, der die Schreie seiner im Bürgerkrieg getöteten Mutter nicht mehr aus dem Kopf bekommt. „Es sind diese Geschichten, die wir in diesen Tagen brauchen, um zu verstehen, dass die Entwicklungen, die uns alle überfordern, keine abstrakten Massenereignisse sind, sondern dass es hier um Einzelschicksale geht, deren Herausforderung man nur mit individueller Menschlichkeit begegnen kann“, schreibt Norbert Kron. Seine Themen sollen Menschen in der Integrationsarbeit neue Anregungen geben. So müsse eine Schule „ein echtes Zuhause in der Fremde“ sein, auch Eltern sollten an den Schulen Sprach- und Wertebildungsangebote erhalten. Lehrer müssten Einwandererkindern eine stärkere emotionale Identifikation mit Deutschland ermöglichen – um drei der Thesen zu nennen.

Ein gebrochenes Verhältnis zum Nationalstolz

Doch gerade beim Thema „Nationalstolz“ unterscheiden sich Deutschland und Israel fundamental. Während nationale Symbole, der Armeedienst und Feiertage im israelischen Leben eine selbstverständliche Rolle spielten, hätten die Deutschen „aufgrund der Geschichte des Dritten Reichs ein höchst gebrochenes Verhältnis“ dazu. „In Punkto Nationalgefühl hält man sich an einen recht nüchternen Verfassungspatriotismus“, schreibt Kron. Es stelle sich die Frage, ob es nicht daran liege, dass Einwanderer sich häufig schwertun, eine emotionale Bindung zu Deutschland aufzubauen, sich mit dem Land zu identifizieren. „Fühlen sich viele Muslime nicht deshalb so leidenschaftlich mit dem Islam verbunden, weil diese Verbindung ihnen auf viel emotionalere Weise eine Identität stiftet?“

Kron kommt in seinem Buch zu dem Ergebnis, dass es kein Widerspruch sein muss, dass es der Integration nicht schadet, Unterricht zunächst in den Herkunftssprachen der Schüler anzubieten und die Feiertage aller Kulturen zu begehen. Und dabei dennoch den israelischen Feiertagen und Symbolen, wie der Flagge, eine große Rolle im Schulleben beizumessen. Grundsätzlich gehe es dabei nicht um einen „Hurra-Patriotismus, sondern um ein emotionales Zuhause-Gefühl“. Die Erfahrungen der Bialik-Rogozin-Schule hätten gezeigt, dass es die Identität der Einwandererkinder stärkt, wenn die Schüler auch ihre Muttersprache lernen und ihre Wurzeln nicht verlieren.

Den Kindern „ein Zuhause in der Fremde“ zu geben ist das Credo, dem sich der Schulleiter Eli Nechama verschrieben hat. Deswegen ist die Bialik-Rogozin-Schule auch den ganzen Tag für die Kinder geöffnet, und bis abends 22 Uhr Anlaufstelle für Eltern. Wer Sorgen hat, kann den Direktor und die Lehrer jederzeit anrufen. „Emotionale Unterstützung“ ist eines der fünf Prinzipien, nach denen Nechama seine Schule leitet, die übrigens nach dem hebräischen Nationaldichter Chaim Nachman Bialik benannt ist

Die UNESCO-Schule in Essen profitiert bereits von den Erfahrungen der Einrichtung in Tel Aviv. Sie unterhält eine Partnerschaft mit der Bialik-Rogozin-Schule. In Deutschland hat sie eine Vorreiterrolle auf dem Gebiet der Integration inne.

Menschlichkeit wichtiger als Mathematik

In seiner zwölften These zitiert Kron den Schuldirektor Eli Nechama: „Sei ein Mensch. Ein Mensch zu sein ist wichtiger als Mathematik.“ Eine Diskussion dieser Thesen von Eltern, Lehrern und Schülern ist ausdrücklich erwünscht. Auf der Internetseite www.ein-zuhause-in-der-fremde.de wurde zu diesem Zweck ein Blog eingerichtet, an dem sich Interessierte beteiligen können.

Für Kron ist die Bialik-Rogozin-Schule nicht nur ein Vorbild für Bildungsarbeit, sondern auch eines für politisches Bewusstseinsbildung. Sein Buch richtet sich keinesfalls nur an Mitwirkende von Schulen oder Flüchtlingshilfeeinrichtungen. Es ist ein Werk für die gesamte Gesellschaft. Es erinnert daran, „welch Glück es ist, eine echte Heimat zu besitzen“.

Norbert Kron, „Ein Zuhause in der Fremde, Was wir in Deutschland von der besten Schule für Einwanderer lernen können“, Gütersloher Verlagshaus, 240 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-579-08673-6.

Von: Dana Nowak

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