Kareem (Tamer Nafar) und Manar (Samar Qupty) bringen die Bühne zum Kochen

Kareem (Tamer Nafar) und Manar (Samar Qupty) bringen die Bühne zum Kochen

Israels erster arabischer Hip-Hop-Superstar

Der Spielfilm „Junction 48“ erzählt von der Erfahrung, als junger Araber in Israel aufzuwachsen. Sein Protagonist Kareem will Hip-Hop-Superstar werden. Deswegen ist die Stärke des Films die Musik, die Schwäche aber die Charakterzeichnung. Eine Filmkritik von Michael Müller

Der Endzwanziger Kareem (Tamer Nafar) lebt in der israelischen Stadt Lod noch bei seinen Eltern. Pflichtschuldig arbeitet er als Call-Center-Telefonist, um über die Runden zu kommen. Eigentlich träumt er aber davon, ein Rap-Superstar zu werden und die Konzerthallen Israels zu füllen. Am liebsten würde er das gemeinsam mit seiner Freundin Manar (Samar Qupty) schaffen. Das Schicksal meint es aber nicht gut mit dem Paar: Zuerst stirbt Kareems Vater (Byan Anteer) bei einem Autounfall. Seine schwerverletzte Mutter (Salwa Nakkara), die mit im Wagen saß, wird daraufhin depressiv. Kareems Freunde dealen in der Nachbarschaft mit Drogen. Außerdem machen die Cousins seiner Freundin Druck, dass sie sich fest binden und an die religiösen Vorschriften halten sollen.

Der israelische Film „Junction 48“ von Udi Aloni, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, wandelt auf den Spuren amerikanischer Hip-Hop-Filme wie „8 Mile“ oder „Straight Outta Compton“. Underdogs und gesellschaftliche Außenseiter sprengen mit ihrem musikalischen Sprachtalent die Grenzen des Systems und kämpfen sich selbstständig aus dem trostlosen Umfeld heraus. Was dabei für den weißen Rapper Eminem die US-Autostadt Detroit und für die schwarze Musikgruppe „N.W.A.“ die kalifornische Stadt Compton war, ist für „Junction 48“ die Stadt Lod.

Der Titel des Films spielt bereits auf die historische Dimension der Stadt an: „Junction 48“ ist ein Synonym für Lod. Die Stadt, in der Petrus in der Apostelgeschichte (Kapitel 9,32) einen Mann heilte, war im Jahr 1948 auch Schauplatz der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Arabern. Es kam zur Flucht und Vertreibung der Araber aus Lod. Der Film charakterisiert die Stadt, die auch mal abfällig als Vorort von Tel Aviv bezeichnet wird, nicht als Moloch, aber als schweres Pflaster für die jungen Protagonisten. Wenn die Polizei Kareem und seine arabischen Freunde auf der Straße sieht, werden diese erst einmal an die Wand gestellt und durchsucht. Die Wohngegend erinnert hier an amerikanische Ghettos.

Die Stärke des Films ist seine Musik

„Hummus, Salat, Pommes Frites dazu“, rappen Kareem und sein Kumpel Amir (Sameh Zakout) auf der Bühne des kleinen Clubs in Lod, der ihnen eine Chance gegeben hat: „Ihr esst gern in unseren Restaurants, aber wenn ihr zu viele von uns seht, wird die Koexistenz zur demographischen Bedrohung.“ Kareem gibt jungen Arabern in Israel eine Stimme. Er drückt mit seinen Songs die Gefühle und Erfahrungen seiner Generation aus. Das Publikum ist aufgeschlossen und angetan von den arabischen Textzeilen. Schnell entsteht eine Party-Stimmung. Die Musik ist eindeutig die Stärke von „Junction 48“. Als Kareem auf der Bühne mitreißend den Song „Verbrenn' es, George“ performt, bei dem es um das unsachgemäße Entsorgen von Beweisstücken bei einer Drogen-Razzia geht, verbreitet das Gänsehaut unter den Zuschauern.

Auf der Bühne scheint die Verbrüderung von arabischen und jüdischen Israelis kurz möglich zu sein. Die jüdischen Rapper RPG (Michael Moshonov) und 67 Carat (Elan Babylon) gratulieren Kareem und seiner Band zu ihrem Auftritt und loben ihre Reime. Sie laden sie auf die After-Show-Party in den Whirlpool ein. Sehr schnell jedoch kriegen sich die Gruppen wegen geschichtlicher Anspielungen und offensichtlicher Meinungsverschiedenheiten in die Haare.

Kareem im Whirlpool mit den Rappern RPG (Michael Moshonov) und 67 Carat (Elan Babylon)

Kareem im Whirlpool mit den Rappern RPG (Michael Moshonov) und 67 Carat (Elan Babylon)

Manar und Kareem im Aufnahmestudio

Manar und Kareem im Aufnahmestudio

Kareems Mutter (Salwa Nakkara) führt ein Ritual durch

Kareems Mutter (Salwa Nakkara) führt ein Ritual durch

Rückzugsort: Kareem und seine Freunde entspannen auf dem Dach

Rückzugsort: Kareem und seine Freunde entspannen auf dem Dach

Figurenzeichnung wie ein trotziger Teenager

Auf den ersten Blick erscheint die Figurenzeichnung von jüdischen Israelis in „Junction 48“ einseitig: Reporter benutzen die jungen arabischen Musiker nur, um Schlagzeilen zu machen; die nationalistischen Rapper mit dem tätowierten Davidstern auf der Brust aus dem Whirlpool sind letztlich doch nur auf Krawall und Hetze aus. Sie fühlen sich besonders von Kareems Freundin Manar provoziert, weil sie auch auf der Bühne als stolze Palästinenserin auftritt. Die israelischen Behörden erschweren den Protagonisten ebenso das Leben, wollen etwa das Haus eines arabischen Freundes abreißen.

Tamer Nafar, der Kareem spielt, ist das reale Vorbild für den Protagonisten. Mit der ersten palästinensischen Rap-Gruppe „DAM“ war er im Jahr 2000 Mitbegründer der arabischen Hip-Hop-Szene in Israel. Aber auch wenn das alles genau so im Leben des Musikers passiert ist, der am Drehbuch von „Junction 48“ mitgeschrieben hat, wirkt es in der Filmhandlung so angehäuft eher unglaubwürdig. Es schadet zum Beispiel der Plastizität der Geschichte, wenn alle jüdischen Israelis negativ gezeichnet werden.

Bei genauerer Betrachtung gilt aber diese Figurenzeichnung für fast alle auftretenden Charaktere – mit Ausnahme von Kareem und seiner Freundin Manar. Kareems Freunde dealen mit Drogen und bringen ihr Leben in Gefahr, Manars Cousins wollen, dass sie Kareem wegen ihrer Religion verlässt und drohen mit Ehrenmord. Auch Kareems Mutter ist nach dem Tod ihres Mannes vom Schicksal gebeutelt und führt in der Nachbarschaft bizarre Dämonenaustreibungen mit dem Koran durch. Der Film „Junction 48“ hat die Haltung eines trotzigen Teenagers: Wir zwei gegen den Rest der Welt, könnte das Motto des Paares lauten, was sich auch Regisseur Aloni für seinen Film zu eigen gemacht hat.

Zahlreiche Preise auf internationalen Festivals

„Junction 48“ ist technisch sauber inszeniert, er sieht aus wie ein klein-budgetierter Hollywoodfilm. Die Produzenten-Legende James Schamus, die den unabhängigen amerikanischen Film der 1990er- und 2000er-Jahre stark geprägt hat, griff Regisseur Aloni als Produzent unter die Arme. Auch der deutsche Produzent Stefan Arndt („Das weiße Band“, „Goodbye Lenin“) und der israelisch-amerikanische Regisseur Oren Moverman („The Messenger“) halfen. Der Film hat auf Festivals zahlreiche Preise gewonnen, unter anderem den Publikumspreis der Panorama-Sektion der Berlinale 2016, den Preis als bester internationaler Film auf dem amerikanischen Tribeca-Festival. Zwei israelische Filmpreise gab es für Filmmusik und Sounddesign.

Der Film „Junction 48“ bietet unbekannte, frische Schauspieler und ein solides Generationsportrait eines Teils der jungen arabischen Erwachsenen in Israel. Es flirrt im Film immer genau dann, wenn die Musik die Handlung an den Rand drückt. In den Band-Auftritten und den teils sehr persönlichen, ironischen und wilden Song-Texten liegt die Stärke des Films, der ansonsten zu einseitig seine Figuren charakterisiert.

„Junction 48“, 97 Minuten, freigegeben ab 12 Jahren, ab 19. Januar im Kino.

Von: Michael Müller

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