Mutter Mimi (Mali Levi Gershon) versorgt mit ihrem Falafel-Truck vor allem Soldaten
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Bei falschen GPS-Daten landen Panzer und Schnellimbiss schon mal auf der selben Strecke
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„War Games“: Der israelische Verteidigungsminister (Jonathan Cherchie) übt mit seinen Offizieren für den Ernstfall
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Müssen nur noch kurz die Welt retten (v. l. n .r.): Mimi (Mali Levi Gershon), Oli (Alexander Fehling) und Nofar (Michelle Treves)
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Gefechtsübung: Vor allem die israelischen Soldaten lieben die Snacks des Schnellimbisses
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Regisseur Dror Shaul hofft auf die nächste Generation im Konflikt zwischen Israel und dem Iran
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Durch den ehemaligen israelischen Verteidigungsminister Mosche Dajan inspiriert? Der Augenklappe tragende Filmoffizier Haim (Shai Avivi)
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Der deutsche Shootingstar Alexander Fehling leidet im Film an einer seltenen Atom-Allergie
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Friedensinitiative am Falafel-Stand

Die knallbunte Kriegssatire „Atomic Falafel“ erzählt von der Utopie, wie eine Falafel-Stand-Familie den atomaren Supergau zwischen Israel und dem Iran verhindern will. Der deutsche Shootingstar Alexander Fehling spielt darin einen Wissenschaftler, der radioaktives Material mit einer seltenen Allergie aufspürt. Eine Rezension von Michael Müller

Filme sind besonders gut darin, die Wunschträume der Menschen zu erfüllen: Für anderthalb Stunden oder länger können die Zuschauer im dunklen Kinoraum dem Alltag entfliehen und in fremde Welten eintauchen, als Superheld durch die Luft fliegen oder mit Tieren sprechen. Die führende Traumfabrik der Welt ist Hollywood. Geht es aber nach dem slowenischen Filmphilosophen Slavoj Zizek, erfüllen uns Filme gar nicht unsere Träume.

Tatsächlich zeigen sie uns nur immer wieder aufs Neue, welche Leben und Zustände wir noch begehren können. Zizek nennt das Kino deshalb auch die ultimative perverse Kunstform. So gesehen kann man der israelisch-neuseeländisch-deutschen Co-Produktion „Atomic Falafel“ nur die besten Absichten unterstellen. Dieser neue Film, der am 14. Juli in die deutschen Kinos kommt, erzählt nämlich von der Utopie, wie sich die verfeindeten Länder Israel und der Iran näher kommen könnten. Die Hoffnungen ruhen demnach auf den Schultern der nächsten Generation.

Wenn Offiziere mit Spielzeug Krieg führen

Tief unter der Erde befindet sich die geheime Kommandozentrale des israelischen Militärs. Ein vertraulicher Bericht über iranische Atomraketen bereitet den Offizieren Kopfzerbrechen. Nur wenige Tage bleiben, um den atomaren Supergau abzuwenden. Angriff ist die beste Verteidigung, beschließen die Israelis und planen, den Iranern zuvor zu kommen.

„Atomic Falafel“ ist eine grelle, knallbunte Kriegssatire. Hier trägt der israelische Verteidigungsminister (Jonathan Cherchie) einen Handschuh, in dem ein roter Knopf zum atomaren Abschuss integriert ist. Da heißt es Vorsicht beim Hinfallen. Das israelische Militär ist bis ins Comichafte überzeichnet: Entweder tragen die Soldaten Augenklappen wie Piraten oder sie können, wie einer der Offiziere, Radiosender ohne Hilfsgeräte empfangen, weil sie zahlreiche Stahlplatten in den Kopf eingesetzt bekommen haben.

Die zu starke Überzeichnung der Militärfiguren nimmt ein wenig den Spaß an der Auseinandersetzung mit den eigentlichen Protagonisten des Films. Wenn die Offiziere aber leidenschaftlich mit Spielzeugflugzeugen und Miniatur-Panzern Kriegsszenarien nachstellen, erinnern sie entfernt an berühmte Vorbilder aus der Filmgeschichte: Wenn Charlie Chaplin etwa als Führer Hynkel im „Großen Diktator“ die Weltkugel spielerisch leicht auf seinem Hinterteil balancieren lässt oder in Stanley Kubricks Antikriegs-Klassiker „Dr. Seltsam“ der Flugzeugkapitän Major Kong auf der Bombe reitend und vor Freude jauchzend dem Boden entgegen fliegt.

Das Erwachsenwerden ist der emotionale Kern der Geschichte

Eigentlich geht es im Film „Atomic Falafel“ aber um die 15-jährige Nofar (Michelle Treves), die ihrer alleinerziehenden Mutter Mimi (Mali Levi Gershon) im Schnellimbiss auf Rädern aushilft. Der größte Verkaufsschlager ist Falafel im Pita-Brot. Das Fast-Food-Gericht sorgt regelmäßig für lange Schlangen unter den Bewohnern eines nicht näher benannten, südlich gelegenen Wüstendorfes in Israel. Besonders beliebt ist das fettige Essen mit der scharfen Soße bei den stationierten Soldaten, denen Mutter und Tochter bei Übungsverlegungen mit ihrem Kleinbus immer dicht auf den Fersen sind.

Nofar hat aktuell genau drei Probleme im Leben: Als ADHS-geplagter Wirbelwind bekommt sie in der Schule kein Bein auf den Boden. Ihr Freund Meron (Idan Carmeli), ein junges Hacker-Genie, hängt den ganzen Tag vor dem Computer und kapiert nicht, dass aus seinem Mädchen inzwischen eine junge Frau geworden ist. Außerdem nervt Mutter Mimi. Ein fester Freund muss dringend her. Wie passend, dass gerade eine internationale Atomenergie-Kommission vor Ort nach illegalem radioaktiven Material sucht und der deutsche Wissenschaftler Oli (Alexander Fehling) der Mutter zu gefallen scheint.

Das israelische Militär will den deutschen Schnüffler loswerden, der ihre Gegenschlag-Pläne gefährdet. Und so gerät die Falafel-Stand-Familie ins Auge des internationalen Konflikts. Dabei ist die Geschichte ein bisschen zu sehr mit dem Holzhammer geklöppelt: Mutter Mimi trauert noch um den an radioaktiver Strahlung verstorbenen Ehemann, wofür die Regierung bis heute Entschädigungszahlungen verweigert. Die erste Iranerin (Tara Melter), die der Tochter im Internet begegnet, schreibt am liebsten moderne Rap-Songs und kann Nofar bei der Recherche für eine Hausaufgabe zum Familienstammbaum weiterhelfen.

Manche reagieren auf Radioaktivität allergischer als andere

Dass der deutsche Wissenschaftler Oli unter der Dusche natürlich die deutsche Nationalhymne singt und in jungen Jahren an einer Mikado-Weltmeisterschaft teilgenommen hat, ist da fast schon Nebensache. Zumal Oli an einer besonderen Krankheit leidet: Ihn befallen allergische Schocks, sobald sich radioaktives Material auch nur in seinem Umfeld befindet. Deswegen ist der Mann mit dem geschwollen-roten Gesicht der perfekte Spürhund für die Atomenergie-Kommission. Als ständig verstimmter und dauermisstrauischer Tourist in Israel kann Oli aber auch als Metapher für einen Teil der Deutschen und ihre Beziehung zum heutigen Staat Israel herhalten.

Bei der überdrehten Erzählweise ist leicht zu übersehen, dass der Film „Atomic Falafel“ neben der ernsthaften Gefahr eines Krieges zwischen Israel und dem Iran spannende Thematiken streift: Zu niedrige Renten von Holocaust-Überlebenden oder ehemaligen Sowjetbürgern, die nach Israel ausgewandert sind. Oder die Tatsache, dass Nofars Großvater, wie sich herausstellt, Oberrabbiner in Teheran gewesen ist. Auch der Aspekt der technischen Revolution ist von Bewandtnis: Dass Menschen heute mit Wurm-Trojaner-Software in Hochsicherheitssysteme eindringen und verheerende Schäden anrichten können, ist gerade im Hightech-Land Israel ein aktuelles Thema. Außerdem lebt „Atomic Falafel“ von den lebendigen Schauspielleistungen seiner beiden Hauptdarstellerinnen Michelle Treves und Mali Levi Gershon, die dem nervösen Film eine gewisse Erdung und Ruhe verleihen.

Trotz schwerer Thematik ein leichter Film

Es ist interessant, dass der deutsche Kinostart von „Atomic Falafel“ zeitnah mit der französischen Friedensinitiative zusammenfällt, die den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern lösen will. Denn der Film ist so gesehen eine israelisch-neuseeländisch-deutsche Friedensinitiative, bei der es sogar inoffizielle iranische Unterstützung bei den Dreharbeiten gegeben hat.

Der Regisseur Dror Shaul wurde im Kibbutz Kissufim im Süden Israels geboren. Seine Mutter stammt ursprünglich aus dem Jemen, sein Vater aus den USA. Shaul glaubt an die nächste Generation der Konfliktparteien, die sich über Soziale Medien international verbrüdern soll. So kam er überhaupt erst durch einen längeren Austausch mit einer iranischen Regisseurin zum Drehbuch des Films. Zwischenzeitlich gab es sogar einen iranischen Co-Produzenten, der Bildmaterial aus dem Iran versprochen hatte. Das zerschlug sich aber wieder.

Die auch gerade in den deutschen Kinos laufende, deutsch-israelische Satire „90 Minuten – Bei Abpfiff Frieden“ verfolgt ein ganz ähnliches Ziel wie „Atomic Falafel“: Eine Fußballpartie zwischen Israelis und Palästinensern soll den Konflikt endgültig regeln. Wer gewinnt, darf bleiben, wer verliert, muss gehen. Das sind zu einfache Lösungen für komplizierte Konflikte. Wenn das Kino aber etwas beherrscht, dann eben nicht die Wunscherfüllung, sondern das sorgsame Verpflanzen von Sehnsüchten in die Köpfe der Menschen. Ob diese Sehnsüchte allerdings in die Tat umgesetzt werden, bleibt der Menschheit noch selbst überlassen. „Atomic Falafel“ ist jedenfalls trotz der schweren Thematik ein leichter Film, der mindestens Appetit auf heißes, fettiges Essen macht. Auch das ist nicht die schlechteste Sehnsucht, die das Kino verpflanzen kann.

Von: Michael Müller

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