Schlug den Weg der Versöhnung ein: der Auschwitz-Überlebende Noach Flug 2009
Schlug den Weg der Versöhnung ein: der Auschwitz-Überlebende Noach Flug 2009
Doppelt ausgezeichnet: Die englische Ausgabe des Buches kommt in den USA zu Ehren
Doppelt ausgezeichnet: Die englische Ausgabe des Buches kommt in den USA zu Ehren

Wie ein Überlebender um Gerechtigkeit kämpfte

Noach Flug kämpfte um die Rechte jüdischer Opfer der NS-Verfolgung und setzte sich gleichermaßen für nicht-jüdische Zwangsarbeiter ein. Dabei blieb er optimistisch. Dies zeigt ein Buch, in dem Weggefährten den Auschwitz-Überlebenden würdigen. Eine Buchrezension von Elisabeth Hausen

Seine Eltern wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Er selbst überlebte das Ghetto Lodz und das Vernichtungslager Auschwitz. Als er mit 20 Jahren aus dem österreichischen Konzentrationslager Ebensee befreit wurde, wog er nur 32 Kilogramm. Dennoch ist es Noach Flug gelungen, persönliche Vorbehalte zu überwinden und einen Weg der Versöhnung gegenüber den Deutschen einzuschlagen.

Gleichzeitig setzte er sich dafür ein, dass die Überlebenden, die noch nicht entschädigt wurden, zu ihrem Recht kamen. Was ihn besonders erfreute: Jahrzehnte nach der Demütigung durch die Nazis erhielt der Jude sowohl das Kommandeurs-Kreuz des Ordens der Wiedergeburt Polens als auch das Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Die Journalistin Bettina Schaefer stellt den 2011 verstorbenen Israeli in einem Buch vor, in dem sich Angehörige und Weggefährten zu Wort melden. Der Titel greift Flugs Unerschütterlichkeit auf: „Ich bleibe Optimist, trotz allem“. Die Herausgeberin hat die Interviews zu Texten ohne Zwischenfragen umgeschrieben. Die pluralistische Herangehensweise führte mit dazu, dass die englische Ausgabe in diesem Jahr den „International Book Award“ erhielt – als erstes Werk aus einem deutschen Selbstverlag überhaupt. Und in der Tat vermitteln die Beiträge ein facettenreiches Bild von dem Mann, der sich nicht nur als Ökonom und Diplomat einen Namen machte.

Als Diplomat in der Bundesrepublik

Am Anfang kommt Flug selbst zu Wort. Schaefer hat dafür zwei Interviews verwendet. Im ersten beantwortete er Fragen zu seinem Erleben während der nationalsozialistischen Verfolgung, im zweiten Text geht es um sein Ergehen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Im Ghetto hatte er dem kommunistischen Untergrund angehört. Mit seiner Ehefrau Dorota Flug, die er bereits in der Ghetto-Schule kennengelernt hatte, lebte er nach der Befreiung zunächst in seinem Heimatland Polen.

Doch der zunehmende Antisemitismus bewog die beiden Juden, mit ihren zwei kleinen Töchtern Anat und Karnit 1958 nach Israel auszuwandern. Dort setzte er seine ökonomischen Studien fort. Im Auftrag des jüdischen Staates kehrte er später vorübergehend nach Europa zurück – er arbeitete als Diplomat erst in der Schweiz und dann in Bonn. Im Ruhestand setzte er sein Verhandlungsgeschick dann ein, um vielen jüdischen und nicht-jüdischen Überlebenden zu ihrem Recht zu verhelfen.

Beiträge von Angehörigen und Schulfreunden

Dorota Flug charakterisiert ihren verstorbenen Ehemann in dem Gedenkbuch einerseits als herzlichen Familienmenschen. Andererseits habe er „von seiner Arbeit nicht lassen“ können: „Selbst am Tag, an dem er ins Krankenhaus musste, hat er den ganzen Vormittag noch gearbeitet.“ Die Auschwitz-Überlebende schildert, wie die meisten Autoren, auch ihren eigenen Werdegang. Sie begleitete ihren Gatten nicht nur auf zahlreichen Reisen, sondern arbeitete auch als Kinderärztin. Die beiden Töchter und ein Enkel bereichern das Buch ebenfalls mit ihren persönlichen Eindrücken. Dabei spielt auch eine Polenreise eine Rolle, auf der das Ehepaar Flug vor allem den Enkeln Stätten aus der eigenen Kindheit und Jugend zeigte. Karnit Flug ist seit 2013 Gouverneurin der israelischen Notenbank, Anat Flug-Levin arbeitet als Psychotherapeutin.

In der Schule im Ghetto von Lodz hatte Noach Flug zwei besonders enge Freunde: Marian Turski, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen geblieben ist, und Roman Kent, der in die USA ausgewandert ist. Gemeinsam beteiligten sie sich am Widerstand gegen die Nazis. Kameraden bezeichneten sie als „Die drei Musketiere“. Obwohl sie in drei verschiedenen Ländern lebten, trafen sie sich bis zu Flugs Tod immer wieder. Beide runden das Bild ab, das die Textsammlung von ihrem langjährigen Freund vermittelt.

Andere Autoren wiederum betonen, dass sich Flugs Einsatz nicht auf die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung beschränkte. Zu ihnen gehört der Vorsitzende des Zentralrates deutscher Sinti und Roma, Romani Rose. Er schreibt, der jüdische Überlebende akzeptierte „keine Hierarchien unter den Opfern, die diesem verbrecherischen Regime zum Opfer gefallen waren. Ich rechne ihm hoch an, dass er schon sehr früh für die Gleichstellung des Holocaust an unserer Minderheit und den jüdischen Menschen eingetreten ist“. Hinzu kommen weitere Weggefährten aus Israel, den USA, Polen und Deutschland. Deutsche Nichtjuden bekunden ihr Erstaunen darüber, dass sich Flug auf eine freundschaftliche Beziehung mit ihnen eingelassen hat.

Zur Sprache kommt auch das Engagement des Überlebenden in der israelischen Friedensbewegung. Der Berliner Journalist Martin Schäuble berichtet über die gemeinsame Arbeit an dem Buch „Die Geschichte der Israelis und Palästinenser“, in dem israelische und palästinensische Zeitzeugen ihren Alltag beschreiben. Es ist 2007 erschienen und richtet sich besonders an Jugendliche.

Gegen einen leichtfertigen Umgang mit der Geschichte

Auch wenn einzelne Autoren zu sehr auf ihr eigenes Erleben eingehen und dadurch Noach Flug ein wenig ins Hintertreffen gerät: Die Lektüre der vielfältigen Beiträge hilft dem Leser, sich ein umfassendes, mitunter etwas verklärtes Bild von dem engagierten Israeli zu machen, der bis ans Ende seines Lebens für Gerechtigkeit kämpfte. Dass die englische Ausgabe nun auch zu den Finalisten des „USA Book Award“ gehört, kommt nicht von ungefähr.

Die frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, äußert in ihrem Vorwort den Wunsch: „Möge dieses Buch seinen Teil dazu beitragen, dass nicht Vergessen und ein gedankenloser, leichtfertiger Umgang mit der Geschichte die Zukunft prägen, sondern Erkenntnis, Bewusstsein und Verantwortung für einander und die Weltgesellschaft, in der wir leben.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Bettina Schaefer (Hrsg.): „Ich bleibe Optimist, trotz allem - Erinnerungen an Noach Flug“, Jetztzeit, 288 Seiten, 22,50 Euro, ISBN 978-3-9814389-4-9

Von: Elisabeth Hausen

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