600 Holocaust-Überlebende mit ihren Familien studieren den Song „Chai“ in Jerusalem ein

600 Holocaust-Überlebende mit ihren Familien studieren den Song „Chai“ in Jerusalem ein

An die Scho'ah erinnern und das Leben feiern

Am heutigen Mittwochabend entzünden sechs Überlebende im Gedenken an die sechs Millionen Ermordeten Fackeln in Yad Vashem. Die Zeremonie am nationalen Holocaust-Gedenktag wird live im Internet übertragen. In Jerusalem haben derweil 600 Holocaust-Überlebende eine Hymne auf das Leben angestimmt.

JERUSALEM (inn) – Der hebräische Song heißt „Chai“, was übersetzt „Leben“ bedeutet: 600 Holocaust-Überlebende und deren Familien haben sich in Jerusalem getroffen und das Lied im Vorfeld des Holocaustgedenktags, des Jom HaScho'ah, einstudiert.

Innerhalb einer Stunde haben die Holocaust-Überlebende mit ihren Kindern und Enkeln die Textzeilen gemeinsam gelernt. Das Treffen hatte unter anderen die soziale Initiative Kululam organisiert, die spezialisiert auf Massengesangsveranstaltungen ist.

Durch das Singen bringt Kululam seit dem April 2017 Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen zusammen, um den Gemeinschaftsinn zu fördern. Der Name setzt sich aus dem englischen Wort „cool“, dem hebräischen Wörtern „kulam“ (alle) und „kol“ (Stimme) sowie „kululu“ zusammen, was ein Ausruf der Freude bei Israelis mit nordafrikanischen Wurzeln zu Hochzeiten oder Bar Mitzvas ist.

Eurovision-Songcontest-Hymne auf das Leben

Berühmt wurde der Song „Chai“ als israelischer Beitrag des Eurovision Songcontest im Jahr 1983, als die Sängerin Ofra Haza damit den zweiten Platz erreichte. Eine Textzeile lautet: „Ich bin weiter am Leben, beide Augen sehen weiter in das Licht, ich habe mich an Dornen verletzt, und trotz der davongetragenen Blumen liegen vor mir unzählige weitere Jahre.“

Neben Kululam waren auch das Jerusalemer Kulturzentrum „Beit Avi Chai“ und die Gruppe „Sikaron BaSalon“ an der Zusammenkunft beteiligt. „Sikaron BaSalon“ ist bekannt durch seine „Erinnerung im Wohnzimmer“, bei der Holocaust-Überlebende zu Menschen nach Hause kommen und in einem persönlichen Umfeld von ihren Erlebnissen erzählen.

„Erinnerung im Wohnzimmer“ beim Staatspräsidenten

Staatspräsident Reuven Rivlin und seine Frau Nechama, die zum dritten Mal in Folge einen Holocaust-Überlebenden in ihre Residenz einluden, hießen Noach Stern willkommen. Der 83-Jährige erzählte, wie seine Familie nach Auschwitz deportiert wurde und sein Bruder vom KZ-Arzt Josef Mengele selektiert und ermordet wurde. Slowakische Dorfbewohner versteckten hingegen ihn und seine Eltern. Einer der seltenen Momente des Glücks sei es gewesen, als sein Vater Schachfiguren schnitzte und ihnen das Spiel beibrachte.

Live-Stream von Yad Vashem

Der Holocaust-Gedenktag beginnt mit einer Zeremonie am Mittwoch um 19 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit. Am Platz des Warschauer Ghettos in Yad Vashem werden sowohl der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu als auch Rivlin sprechen. Die eineinhalbstündige Übertragung ist live als Stream im Internet zu sehen.

Sechs Holocaust-Überlebende werden im Gedenken an die sechs Millionen jüdischen Opfer Fackeln anzünden. Die Ehre kommt zum Beispiel Mirjam Lapid zu. Sie wurde in den Niederlanden geboren und überlebte das Lager in Bergen-Belsen. Sie wurde in einen Zug verfrachtet, der zwei Wochen im April 1945 umhergeschickt wurde, bis die Überlebenden am 23. April in Ostdeutschland befreit wurden. 1953 wanderte sie nach Israel aus und lebt seitdem im Kibbutz Zora, wo sie heiratete und sechs Kinder großzog.

Bewegende Biografien der Überlebenden

Schmuel Bogler wurde in Ungarn geboren und war das jüngste Kind der zwölfköpfigen Familie. Aus dem Konzentrationslager in Auschwitz wurde er 1945 auf einen der berüchtigten Todesmärsche geschickt. In Palästina unter britischem Mandat trat er der jüdischen Untergrundorganisation Palmach bei. Die Jordanier nahmen ihn gefangen. Nach dem Unabhängigkeitskrieg wurde er Polizist.

Thea Friedman entkam dem Ghetto in Czernowitz und dem Bukarester Gefängnis im Krieg. 1958 emigrierte sie nach Israel und wurde Universitätsprofessorin in Tel Aviv. Der Journalist Raul Teitelbaum wurde im ehemaligen Jugoslawien geboren und überlebte Bergen-Belsen. Nach dem Krieg schaffte er es zu seiner Mutter nach Israel.

Brachte zahlreichen Generationen den Talmud nahe

Der in der Slowakei geborene Jissachar Dov Goldstein hatte einen Rabbiner zum Vater. Bevor seine Familie nach Birkenau verschleppt wurde, lebte sie im Untergrund. Goldstein überlebte den Todesmarsch von Buchenwald. Nachdem er nach Israel ausgewandert war, lebte er im Kibbutz Ein Zurim. Dort unterrichtete er viele Generationen von Schülern im Talmud und der Bibel.

Abba Naor, der in Litauen geboren wurde, überlebte unterschiedliche Arbeitslager. Mit seinem überlebenden Vater immigrierte er nach Israel und arbeitete für den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad. Naor besucht noch heute deutsche Schulen, um von seinen Erfahrungen im Holocaust zu berichten.

Netanjahu traf die Überlebenden am Dienstag mit seiner Frau Sara. Sie ließen sich deren Geschichten von Heldentum und Überleben im Krieg erzählen. „Sie Helden der Scho'ah zu nennen, ist in meinen Augen das Richtige. Das Überleben kommt vom Heldentum. Ohne die innere Stärke gäbe es das nicht“, sagte er laut Mitteilung seines Büros.

Von: mm

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