Für die Markierung von Rindern sind die Stempel zu klein

Für die Markierung von Rindern sind die Stempel zu klein

Fragwürdige Versteigerung vorerst abgesagt

Ein Auktionshaus in Jerusalem will einen Satz Tätowier-Stempel versteigern, mit denen die Nazis den Juden im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau Nummern in den Arm stechen ließen. Das ruft heftige Kritik hervor, unter anderem von der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. Ein Gericht stoppt per einstweiliger Verfügung den Verkauf.

JERUSALEM (inn) – Acht Tätowier-Ziffern und eine Gebrauchsanweisung der Herstellerfirma „Aesculap“ sollten in Jerusalem an den Meistbietenden gehen. Die kleinen Metallblättchen mit ihren groben Nadel-Siegeln dienen laut dem Beipackzettel der Markierung von Rindern und wären damit als wertlos anzusehen. Nur stammen sie aus der Zeit des Nationalsozialismus und sind zu klein für die Verwendung an Vieh. Sie gleichen den Werkzeugen, mit denen im Vernichtungslager Auschwitz die Häftlinge tätowiert wurden.

Ein anonymer Verkäufer, eine Privatperson aus den USA, hat dem israelischen Auktionshaus „Tzolman‘s Auctions“ das Set angeboten. Dieses hat es für echt befunden und angenommen. Ausgerechnet für den 9. November hatte es die Versteigerung angesetzt. Es ist der Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938, die den Beginn der physischen Vernichtung des europäischen Judentums markiert.

Gegenstand gehört in ein Museum

Die geplante Auktion rief große Empörung hervor. Verschiedene Organisationen und Privatleute forderten Tzoltman’s vergeblich auf, die Versteigerung zu unterlassen.

Dani Dajan, Vorsitzender der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, nannte den Handel mit solchen Artefakten „moralisch inakzeptabel“. Sie sollten stattdessen Yad Vashem zur Verfügung gestellt werden. Dort könnten sie „gründlich erforscht, fachmännisch konserviert und schließlich als historische Zeugnisse für Forschung, Bildung und Gedenken genutzt werden“.

Auf die Anfrage, ob die Gedenkstätte das Tätowier-Set ersteigern könne, antwortete Dajan per Twitter: „Yad Vashem lehnt die Existenz eines Marktes für jüdische oder NS-Objekte aus der Zeit des Holocaust grundsätzlich ab und kauft solche Gegenstände daher nicht an.“ Denn das würde nur die Händler in ihrem Geschäft bestätigen.

Auktionshaus uneinsichtig

Meir Tzolman, der Chef des Auktionshauses, wehrte sich in einem Interview gegen die Vorwürfe und verteidigte die Versteigerung. Es gehe ihm darum, „Bewusstsein zu stärken“. Er sei „der Letzte“, der den Holocaust relativieren wolle. Der Gegenstand solle „in die richtigen Hände gelangen“ und nicht „von den Seiten der Geschichte verschwinden“.

Der Begleittext zum „Objekt“ auf der Internetseite von Tzoltman’s lässt jedoch den Schluss zu, dass der Profit für die Auktionäre weit über würdigem Gedenken steht. Dort setzen die Verantwortlichen ihren Verkaufsgegenstand marktschreierisch in Szene. Mit möglichst vielen Superlativen preisen sie die Ware als das „man beachte: größte Set“ seiner Art an, das „mehr als jeder andere Holocaust-Gegenstand die schrecklichste Tragödie“ symbolisiere.

Der Text ist gespickt mit Zitaten von Holocaust-Überlebenden, die ihr Martyrium und ihre andauernde Abscheu vor der Nummer auf ihrem Arm beschreiben. Doch die emotionalen Zeugnisse dienen vorrangig dem Ziel, die Gebote nach oben zu treiben. 30.000 bis 40.000 US-Dollar erwartete das Auktionshaus als Verkaufspreis. Meir Tzoltman erhoffte sich eine „Win-Win-Situation“, in der der Verkäufer (und natürlich auch das Auktionshaus) einen guten Preis erhielte und der Gegenstand einen „würdigen Platz in einem Museum“ finden würde.

Versteigerung gestoppt

Am Mittwoch hat das „Zentrum für Organisationen von Holocaust-Überlebenden in Israel“ eine einstweilige Verfügung gegen die Versteigerung erwirkt. „So ein böser Gegenstand kann keinen Besitzer haben“, sagte David Fohrer, der den Zusammenschluss von 55 Überlebenden-Verbänden bei Gericht vertritt.

Am 9. November wird das Tätowier-Set nicht versteigert. Die gewinnheischende Objektbeschreibung ist aber nach wie vor online und lässt darauf schließen, dass Tzoltman’s weiter auf seinen Ansprüchen beharrt.

Von: cs