Sebulon Simantov galt als der letzte bekannte Jude in Afghanistan – das hat sich nun geändert

Sebulon Simantov galt als der letzte bekannte Jude in Afghanistan – das hat sich nun geändert

„Letzter Jude in Afghanistan" verliert Titel

Sebulon Simantov galt allgemein als letzter Jude Afghanistans. Nun macht ihm ausgerechnet die eigene Verwandtschaft den Titel streitig machen.

KABUL (inn) – Sebulon Simantov, der weltberühmte „letzte Jude Afghanistans“, war vielleicht doch nicht der letzte. Die 83-jährige Tova Moradi, eine entfernte Verwandte Simantovs, und ihre Familie, könnten ihm den Titel streitig machen. Dann wäre er nur einer der letzten afghanischen Juden, berichtet die „Jerusalem Post“.

Afghanistan zählte einst eine fast 50.000 Mitglieder starke jüdische Gemeinde. Im September verabschiedete sich das Land von seinem vermeintlich letzten jüdischen Einwohner. Von den Einheimischen wurde Simantov einfach nur „der Jude“ genannt. Er hatte sich zu einer internationalen Berühmtheit entwickelt, die ausländischen Reportern gerne Interviews gab. In Afghanistan war er vielen, sogar den Taliban, bekannt.

Jetzt scheint es, als wäre die Begeisterung unangebracht gewesen. Moradi floh vergangenen Monat mit ihren 20 Enkelkindern aus Kabul. Die Flucht wurde von der humanitären Organisation „IsraAid“ organisiert. Als Tochter einer jüdischen Familie mit zehn Kindern in Kabul geboren, lief sie im Alter von 16 Jahren von zu Hause weg und heiratete einen muslimischen Mann. Obwohl die örtliche jüdische Gemeinde sie verleugnete, konvertierte sie nie zum Islam, behielt einige jüdische Traditionen bei und war in ihrer Nachbarschaft als Jüdin bekannt: „Sie hat ihr Judentum nie verleugnet, sie hat nur geheiratet, um ihr Leben zu retten, da man als junges Mädchen in Afghanistan nicht sicher sein kann“, sagte Moradis Tochter Chorschid der Nachrichtenagentur „Associated Press“.

Kanada als Ziel

Moradi wies darauf hin, dass ihre Eltern und ihr Bruder in den 1960er und 1980er Jahren aus Afghanistan flohen. Viele ihrer überlebenden Brüder und deren Nachkommen leben heute in Israel – ihre Eltern sind sogar auf dem Friedhof Har Menuchot in Jerusalem begraben. Bis zu dieser Woche hatte sie jedoch mit einigen ihrer Geschwister seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr gesprochen: „Gestern habe ich meine Schwestern, Nichten und Neffen nach rund 60 Jahren per Videoanruf wiedergesehen. Wir haben stundenlang gesprochen“, sagte Moradi vor Kurzem.

Moradi musste unter angespannten Umständen aus Afghanistan fliehen, als die Regierung des Landes im August von den wiedererstarkten Taliban gestürzt wurde: „Ich habe mein Land geliebt, ich habe es sehr geliebt, aber ich musste es verlassen, weil meine Kinder in Gefahr waren", sagte Moradi gegenüber der „Associated Press“.

Seit ihrer Rettung ist Moradi in einem provisorischen Lager für afghanische Flüchtlinge in Albanien untergebracht. Bevor sie nach Kanada zu ihren Kindern auswandert, möchte in Israel ihre Familie besuchen.

Von: Ulrich W. Sahm