Laubhütte auf dem Hans-Sachs-Platz

Laubhütte auf dem Hans-Sachs-Platz

Partnerschaftsverein lädt zum Laubhüttenfest in Nürnberg

Sukkot bietet viele Möglichkeiten, um Nichtjuden mit jüdischen Bräuchen vertraut zu machen. Dies nutzt der Förderverein für die Städtepartnerschaft zwischen Nürnberg und Hadera zu einer besonderen Aktion.

NÜRNBERG (inn) – Aus Anlass des Sukkotfestes im neuen jüdischen Jahr 5782 hat am vergangenen Wochenende der Städtepartnerschaftsverein Nürnberg-Hadera zum Besuch einer Laubhütte eingeladen. Diese befand sich am Hans-Sachs-Platz. Vorträge und Führungen informierten über die Städtepartnerschaft zwischen Nürnberg und der israelischen Küstenstadt Hadera. Sie ermöglichten ein erstes Kennenlernen jüdischer Traditionen und jüdischen Lebens in Nürnberg.

Denkmal für die 1938 zerstörte Hauptsynagoge am Pegnitzufer

Denkmal für die 1938 zerstörte Hauptsynagoge am Pegnitzufer

Die Sukka war an einer zentralen und historischen Stelle der Nürnberger Altstadt errichtet: nur wenige Meter von der Spitalbrücke und dem Pegnitzufer entfernt, an dem bis 1938 die 1870 bis 1874 im maurischen Stil erbaute Hauptsynagoge stand. Das ehemalige prächtige Gebetshaus wurde 1874 eingeweiht und ein Jahr später mit einer Orgel ausgestattet. Es wurde 1886 von Prinzregent Luitpold sowie 1897 von Kaiser Wilhelm II. und dem Prinzregenten Ludwig nebst Kaiserin und Prinzessin besucht.

Zerstört wurde es zusammen mit dem angrenzenden Gemeindehaus am 10. August 1938 von den örtlichen Nationalsozialisten unter Julius Streicher, zwei Monate vor der sogenannten Reichspogromnacht. Seit vielen Jahren finden an dem Mahnmal Gedenkveranstaltungen am 10. August statt, an denen kommunale und Landespolitiker, Kirchenvertreter, die Stadtgesellschaft, jüdische Bürger und Repräsentanten der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg teilnehmen.

Die geschmückte Laubhütte von innen

Die geschmückte Laubhütte von innen

Die Laubhütte wurde auf traditionelle jüdische Art, aber mit fränkisch-bayerischem Kolorit mit Hilfe von Schülern der Nürnberger Gretel-Bergmann-Schule gestaltet. Die Sukka sollte zum Gespräch mit Nürnberger Juden über jüdische Kultur und Religion in Nürnberg einladen, genauso wie über die Städtepartnerschaft der Stadt mit Hadera.

Die große Laubhütte aus hölzernen Wänden besaß kein Dach, sondern war mit Nadelzweigen abgedeckt. Von innen war sie mit Abbildungen jüdischer Feste und verschiedenen Szenen jüdischen Lebens ausgeschmückt; von der „Decke“ hingen Papierfrüchte, die orientalische, israelische, aber auch heimische Früchte darstellen: Kürbisse, Granatäpfel, Orangen, Zitronen, Äpfel und Birnen. Es gab auch den „Lulav“ genannten Strauß aus Palmzweigen und anderen Pflanzen in der Sukka.

Der Bayerische Bauernverband unterstützte diese Aktion durch Produkte aus der hiesigen Landwirtschaft, wie Kohlköpfe, Sellerie, Tomaten, Gurken, Paprika, Möhren und Lauchstangen. Tische und Stühle luden zum Verweilen, Snacken, Austausch und einem Kennenlernen ein. In und an der Laubhütte begegnete man Mitarbeitern und Freunden des Partnerschaftsvereins, die Besuchern eine Einführung in das Laubhüttenfest gaben und über die Städtepartnerschaft berichteten.

Eine "Erntedank-Spende" des Bayerischen Bauernverbandes zum Laubhüttenfest

Eine "Erntedank-Spende" des Bayerischen Bauernverbandes zum Laubhüttenfest

Das siebentägige Laubhüttenfest wird in der Bibel zum Beispiel in 5. Mose 16,13–17 und Nehemia 8,15–18 beschrieben. Im antiken Israel war es zusammen mit dem Passahfest (Pessach) und dem Wochenfest (Schavuot) eines der drei großen Wallfahrtsfeste, zu dem die Juden aus dem ganzen Land und der Region nach Jerusalem pilgerten. In der jüdischen Tradition ist es ein Fest, das gleichermaßen durch den landwirtschaftlichen Zyklus sowie durch die Geschichte Israels geprägt ist.

Israel hatte in der Antike eine überwiegend agrarische Wirtschaft und war von zwei Erntezeiten geprägt: der früheren Ernte bestimmter Getreidesorten wie Weizen, Gerste und Hafer im Frühjahr und der späteren Ernte vor allem von Obst und Früchten im Sommer und Herbst. Das Laubhüttenfest ist nach dem Schavuot-Fest im Frühsommer (oft zur Zeit des christlichen Pfingstfestes) das zweite „Erntedankfest“ und schließt sich an die spätere Ernte an. Es gab den Israeliten die Gelegenheit, Gott für die Ernte zu danken, sowie auch um Regen für die ab November folgende Aussaatperiode zu bitten.

So war auch die Darbringung eines Wasseropfers im Tempel von Jerusalem ein zentraler Bestandteil des Festes. Das Wasser wurde in Anlehnung an Jesaja 12,3 als „Wasser der Erlösung“ aus dem Quellteich Schiloach geschöpft, an dem auch Israels Könige gekrönt wurden. An den zwei letzten Tagen des Festes wird auch heute noch in Synagogen in aller Welt um Regen gebetet. Gleichzeitig erinnert die Laubhütte, in der fromme Juden die Festwoche über „wohnen“, schlafen und essen, an den Auszug der Israeliten aus Ägypten als an eine Zeit, in der die Israeliten nicht den Luxus einer festen Behausung hatten und nur Gottes Schutz anvertraut waren; auch deswegen sollen die Sterne durch die Zweige hindurch sichtbar bleiben.

Während des Laubhüttenfestes wird oft symbolisch an die „sieben Arten“, die sieben landwirtschaftlichen Produkte des Landes erinnert: Weizen, Gerste, Weinstock, Feigenbaum, Granatapfelbaum, Ölbaum, Honig. Für den Gottesdienst sind auch die „vier Arten“, die in dem genannten „Lulav“-Feststrauß verbunden zeremoniell genutzt werden, von Bedeutung: Der Zweig besteht aus Myrtenzweigen, Palmzweigen, Bachweidenzweigen, sowie der Etrogfrucht, einer bestimmten Zitronenart.

Der „Lulav“-Strauß: Zweige mit der Etrogfrucht

Der „Lulav“-Strauß: Zweige mit der Etrogfrucht

Am Donnerstag wurde nach der Eröffnung der Laubhütte die Stadt Hadera und die Nürnberger Partnerschaft mit ihr vorgestellt. Dies geschah in einem Vortrag der Stadträtin und Gründerin des seit zwei Jahren bestehenden „Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Nürnberg – Hadera e.V.“ (kurz NüHa e.V.), Diana Liberova. Die Stadt Hadera (abgeleitet vom Arabischen: „die Grüne“) ist selbst ein gutes Beispiel für die Geschichte des modernen Staates Israel von einer Pioniergründung und der Revolution der modernen Agrar- und Wasserwirtschaft, über die Industrialisierung bis hin zur heutigen Hochtechnologie und der zunehmenden Urbanisierung des gesamten Landes.

Daniel Nevaril betreut im Amt für Internationale Beziehungen die Städtepartnerschaften mit Hadera (Israel), Prag (Tschechien) und Charkiw (Ukraine)

Daniel Nevaril betreut im Amt für Internationale Beziehungen die Städtepartnerschaften mit Hadera (Israel), Prag (Tschechien) und Charkiw (Ukraine)

Gegründet 1891 von jüdischen Einwanderern aus dem Russischen Reich in der Scharonebene mit Nähe zur historischen Stadt Caesarea als Moschav, ein teilkollektivisiertes Dorf, musste sumpfiges Gebiet mit Hilfe von Eukalyptusbäumen trocken gelegt werden. Die Stadt wurde später insbesondere durch ein großes Elektrizitätskohlewerk am Mittelmeer bekannt, dessen vier Schornsteine von weitem sichtbar sind. Traurigerweise erlangte sie zusätzliche Bekanntheit durch palästinensische Selbstmordanschläge 2001 und 2002, die in einer langen Serie von 2001 bis 2008 die Menschen in Israel bedrohten.

Heute gehört die moderne, boomende und durch viele Grünanlagen geprägte Stadt zum Großraum Tel Aviv. Sie hat eine vielfältige Bevölkerungsstruktur, vor allem durch äthiopisch-jüdische und arabische Bevölkerungsanteile, aber auch eine bedeutende und progressive Bildungsinfrastruktur, die besonders auch die arabische Bevölkerung fördern möchte. Des Weiteren verfügt sie über einen wichtigen Hochtechnologiesektor, sowie zahlreiche Freizeitmöglichkeiten in der Stadt und dem Umland, etwa mit dem Karmelgebirge.

Nürnberg hat seit 1986 mit Hadera offizielle Kontakte. Vermittelt durch den langjährigen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg und Stadtrat Arno Hamburger (1923–2013) kam es 1986 zu einem Freundschaftsvertrag. 1995 folgte dann eine Städtepartnerschaft. Seitdem hat es vielfältigen Austausch und beidseitige Aktivitäten gegeben. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Rahmen für vermehrtes zivilgesellschaftliches und bürgerschaftliches Engagement für die existierenden städtepartnerschaftlichen Beziehungen zu schaffen, und freute sich deswegen über zahlreichen Besuch in der Laubhütte, sowohl von Interessierten an Israel und dem Judentum, von Liebhabern israelischer Küche, als auch von geladenen Gästen aus der kommunalen Politik und Gesellschaft. Ebenso wird sich der Verein über ein darüber hinausgehendes Mitwirken an der Städtepartnerschaft seitens interessierter Bürger freuen.

Unterstützer des Laubhüttenprojektes: Jochen Loy (Bayerischer Bauernverband), Ullrich W. Schmidt, Iouli Smorodinski, Stadträtin Diana Liberova, Stadträtin Jasmin Bieswanger, Vitali Liberov, Pastor Hansjürgen Kitzinger (v.l.n.r.)

Unterstützer des Laubhüttenprojektes: Jochen Loy (Bayerischer Bauernverband), Ullrich W. Schmidt, Iouli Smorodinski, Stadträtin Diana Liberova, Stadträtin Jasmin Bieswanger, Vitali Liberov, Pastor Hansjürgen Kitzinger (v.l.n.r.)

Der Verein baute bereits 2020 als Teil seiner Gründungsfeier eine Sukka auf dem Dach des Nürnberger Dokumentationszentrums (der „Kongresshalle“) auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände auf; aufgrund der Coronaviruspandemie konnten jedoch keine öffentlichen Veranstaltungen stattfinden. Die diesjährige Aktion verfolgte die Absicht, den Gedanken fortzuführen und reiht sich damit in vielseitige und langjährige Projekte ein, mit denen sich die Stadt und engagierte Bürger bemühen, aus der unrühmlichen Geschichte von Judenfeindschaft und Judenverfolgung vom Mittelalter bis zum Nationalsozialismus zu lernen und das jüdische Leben in Nürnberg heute zu fördern und sichtbarer zu machen.

Die Laubhütte schaffte diesen besonderen Raum zur Begegnung auch vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Festjahres des Bundes und der Länder aus Anlass von 1.700 Jahre jüdischem Leben in Deutschland; die erste bekannte Erwähnung der jüdischen Gemeinde in Köln geschah 321 nach Christus. Das Festjahr, das bis zum Sommer 2022 verlängert wurde, sucht den kulturellen und geschichtlichen Reichtum jüdischer Präsenz in Deutschland zu vermitteln. In Nürnberg ist eine jüdische Präsenz seit dem 12. Jahrhundert bekannt. Die Sukka bringt damit auch im Kern die Idee der Schaffung eines jüdischen Begegnungszentrums im Herzen der Stadt zum Ausdruck: Auf Wunsch der Israelitischen Kultusgemeinde und des Nürnberger Stadtrates soll ein dauerhafter, baulich aber vor allem auch geistig und kulturell prägender Ort der Beschäftigung mit dem Judentum entstehen.

Das Laubhüttenfest bietet sich für solch jüdisch-nichtjüdische Begegnung auch aus weiteren Gründen in besonderer Weise an. In der jüdischen Tradition ist das Fest eng mit der Fürbitte für Vergebung, Sühne und Segen für die nichtjüdischen Völker verbunden: Während des Laubhüttenfestes wurden im Jerusalemer Tempel unter anderem 70 Stiere als Opfer geschlachtet (siehe 4. Mose 29), die laut Talmud für die 70 damals bekannten Völker standen (Sukka 55b). In ähnlicher Weise sprach der jüdische Prophet Sacharja davon, dass eines Tages alle Völker, die zum Laubhüttenfest nach Jerusalem pilgern, mit Regen gesegnet würden (Sacharja 14,17).

Von: Nicolas Dreyer