Die ausführliche Version der Studie ist auf Hebräisch und Arabisch erschienen

Die ausführliche Version der Studie ist auf Hebräisch und Arabisch erschienen

Gewalt gegen Araber in gemischten Städten am schlimmsten

Gewalt in der arabischen Bevölkerung ist in Israel seit Jahren ein unangenehmes Thema. Eine Studie zeigt: Betroffen sind besonders Araber in Städten, in denen auch Juden leben.

JERUSALEM (inn) – Israelische Araber in gemischten Städten fühlen sich weniger sicher als solche in arabischen Kommunen. Das geht aus einer Untersuchung im Auftrag der Organisation „The Abraham Initiatives“ hervor. Sie trägt den Titel „Studie zur persönlichen Sicherheit in den gemischten Städten 2020“. Erschienen ist sie auf Hebräisch und Arabisch, außerdem gibt es eine englische Zusammenfassung.

Nach Angaben der Verfasser handelt es sich um den ersten Bericht, der sich auf Gewalt, Verbrechen und Polizeischutz in dieser Bevölkerungsschicht bezieht. „Gemischte Städte“ definieren sie als „Städte, wo Juden und Araber nebeneinander leben“ – und stellen klar: Davon gibt es unterschiedliche Typen.

Einige dieser Städte hatten vor der israelischen Staatsgründung 1948 eine bedeutsame arabische Mehrheit. Dazu zählen etwa Ramle, Lod oder Akko. Tel Aviv-Jaffa wiederum entstand 1949/50 als Zusammenschluss aus dem jüdischen Tel Aviv und dem arabischen Jaffa. Eine ähnliche Geschichte hat Ma'alot-Tarschiha nahe der libanesischen Grenze. Als jüdische Städte gegründet wurden unter anderem Nof HaGalil (früher Nazareth Illit), Karmiel, Afula und Zefat (Safed). Sie haben aber im Laufe der Jahre Araber aufgenommen, die ihren Lebensstandard verbessern wollten.

Höhere Armut und Wandel der Gesellschaft

Als ein Beispiel für Gewalt bringt die Studie die Zahl der Morde: 2018 wurden demnach 19 Araber aus gemischten Städten unter gewaltsamen Umständen getötet, das entspricht 27 Prozent der 71 Opfer in Israel. Ein Jahr später lebten von 89 ermordeten Arabern 21 in gemischten Städten, also 24 Prozent. 2020 wurden 96 Morde begangen, davon 21 an Bewohnern gemischter Kommunen, das sind 21 Prozent. Dabei leben nur 10 Prozent der arabischen Bevölkerung in solchen Städten.

Als Gründe sieht die Studie die im Vergleich zu Juden höhere Armut und die Arbeitslosigkeit, die vor allem Jugendliche betreffe. Hinzu komme ein Wandel in der Gesellschaft von der Familie zum Individualismus. Dabei gelinge es Behörden nicht, die Familie als Sicherheitsfaktor zu ersetzen. Auch ein schlechtes Verhältnis zur israelischen Polizei spiele eine Rolle: Diese habe Araber in den vergangenen Jahren als Sicherheitsrisiko angesehen, weshalb es kaum arabische Polizisten gebe.

Zum Vergleich auch Juden befragt

Die Studie bezieht sich auf vier Schwerpunkte: Empfindungen von Arabern bezüglich Gewalt; das Maß, in dem sie Gewalt ausgesetzt sind; die Bereitschaft, beim Kampf gegen Gewalt zu helfen; Haltung und Verhalten der Polizei gegenüber Arabern. Befragt wurden Araber in den gemischten Städten Ma’alot-Tarschiha, Akko, Haifa, Lod, Ramle und Tel Aviv-Jaffa. Zum Vergleich haben die Meinungsforscher auch Bewohner von arabischen Kommunen und Juden hinzugezogen.

Den Ergebnissen der Studie zufolge empfanden 60,8 Prozent der Araber 2020 einen Mangel an persönlicher Sicherheit in ihrer gemischten Stadt. Bei den Juden aus diesen Gemeinden betrug der Anteil 27,5 Prozent. Auf die israelische Gesamtbevölkerung bezogen waren es 37,2 Prozent der Araber und 10,6 Prozent der Juden.

Schusswaffen bereiten besonders viel Sorge

Sorge bereiten den arabischen Bewohnern gemischter Städte vor allem Gewalt und Verbrechen, darüber waren 82,9 Prozent besorgt oder sehr besorgt. Bei der israelischen Demokratie bejahten 42,2 diese Frage, beim Stocken des Friedensprozesses zwischen Israel und Palästinensern 26 Prozent.

Als besonders bedrohlich wird Gewalt mit Schusswaffen angesehen. Diese bereitet 83,8 der arabischen Teilnehmer aus gemischten Städten Sorge. Eigentumsdelikte nannten 80,6 und Gewalt gegen Frauen 79,9 Prozent.

Die Befragten sollten auch diesen Satz kommentieren: „Die Verwendung von Schusswaffen in meiner Gegend hat in den vergangenen Jahren zugenommen.“ In den gemischten Städten erhielt die Aussage bei 97,7 der Araber und bei 54,2 Prozent der Juden Zustimmung. Dass es leicht ist, in Israel an Schusswaffen zu kommen, meinten 95,4 der Araber und 52,5 der Juden.

Zudem wurde die Frage gestellt, ob die Araber mithelfen würden, sich gegen Gewalt einzusetzen. Dies bejahten 25,9 Prozent in gemischten Städten und 39,5 Prozent im gesamten Land.

Wenig Vertrauen zur Polizei – aber Lob für den Service

Volles Vertrauen zur Polizei haben in gemischten Kommunen 8,9 Prozent der Araber, bei der arabischen Gesamtbevölkerung sind es 15,9 Prozent. Von den Juden in gemischten Städten sprachen 17,5 Prozent der Polizei ihr Vertrauen aus, in ganz Israel taten dies 20 Prozent.

Dennoch ist die Polizei für 53,6 der Araber in gemischten Städten erster Ansprechpartner, falls sie Probleme mit Gewalt haben. Die Familie gaben hier 19,2 Prozent an, Freunde nannten 11,9 Prozent. Einen guten oder sehr guten Service bescheinigten 62,9 der Araber in gemischten Städten den Polizisten, auf nationaler Ebene waren es 51,4 Prozent. Von den Juden in gemischten Gemeinden hielten 42,9 Prozent die Dienstleistung für gut, im gesamten Land lag der Anteil bei 45,8 Prozent.

Die Verfasser der Studie empfehlen der israelischen Führung unter anderem, sich des Gewaltthemas anzunehmen. Kommunalpolitiker in gemischten Städten sollten Verantwortung übernehmen, um die Sicherheit zu einem gemeinsamen Interesse von Juden und Arabern zu machen. Zudem müssten Regierungsprogramme für Araber auch auf gemischte Städte übertragen werden. Hilfreich seien ferner Programme, um Jugendliche in den Arbeitsmarkt zu integrieren, damit diese nicht untätig herumsäßen. Des Weiteren raten die Autoren den Verantwortlichen, arabische Sozialarbeiterinnen zu beschäftigen.

Von: eh